Qualitative und religiöse Gründe

Immer weniger Schweinefleisch an Kitas und Schulen

In Kitas und Schulen wird immer weniger Schweinefleisch angeboten. Dafür gibt es verschiedene Gründe - zum einen religiöse, allerdings verstärkt auch qualitative.
15.10.2017, 17:38
Lesedauer: 3 Min
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Immer weniger Schweinefleisch an Kitas und Schulen
Von Jan Oppel

An immer mehr Schulen und Kindertagesstätten in Bremen steht kein Schweinefleisch mehr auf dem Speiseplan. Nach Auffassung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) werden Nackensteak, Kasseler und Co. in den nächsten Jahren immer weiter aus den Kita- und Schulküchen verschwinden. Grund dafür ist zum einen, dass die Zahl der Kinder muslimischen Glaubens wächst, zum anderen halten Experten die Qualität von konventionellem Schweinefleisch für fraglich.

In Bremen wird das Mittagsangebot an den Ganztagsgrundschulen seit 2003 im Auftrag des Bildungsressorts von Caterern übernommen. Die Mensen bieten nach Angaben der Behörde „gesunde Mischkost ohne Schweinefleisch“ an, die sich an den Qualitätsstandards der DGE orientiert. Zusatzstoffe müssen gekennzeichnet werden. Die Mensen bieten ferner Diätessen und bei Bedarf vegetarische Kost an, ebenso tagesfrisches Gemüse, Salat oder Obst als eine Komponente.

Bremer Grundschulen verzichten

„Muslimischen Schülerinnen und Schülern ist es aufgrund ihres Glaubens untersagt, Schweinefleisch zu essen. Die Zusicherung an die Erziehungsberechtigten, dass auf Schweinefleisch in Grundschulen verzichtet wird, ist eine vertrauensbildende Maßnahme“, teilt ein Sprecher der Behörde mit. „Die sechs- bis zehnjährigen Kinder in Grundschulen fühlen sich sicher und geraten in keine Konfliktsituation hinsichtlich der Verpflegung in Schule und den häuslichen Regeln.“

An den Ganztagsoberschulen in Bremen werden Gerichte mit Schweinefleisch noch gekocht, aber eindeutig gekennzeichnet: In den Mensen hängen Pläne aus, die Auskunft über die Zusammensetzung der Speisen geben. So können die Schüler selbst wählen, was sie essen wollen. In Bremens städtischen Kindertagesstätten kommt Schweinefleisch zwar nur noch in Einzelfällen auf den Teller, ein generelles Verbot gibt es aber nicht.

Nicht alle sind einverstanden

Schweinefleisch wird in Kitas und Schulen auch in anderen Bundesländern immer seltener angeboten. Die DGE empfiehlt für das Mittagessen ohnehin nur maximal zwei Fleischgerichte pro Woche – eines davon soll demnach Geflügel sein. Das heißt: Einrichtungen, die sich an diese Vorgaben halten, servieren höchstens noch viermal im Monat Schweinefleisch.

Nicht alle begrüßen diese Entwicklung. So hat etwa die Christlich-Soziale Union (CSU) jüngst in ihrem Zehn-Punkte-Plan für die Kursdebatte mit der CDU-Spitze festgehalten: „Die Werte und Prägung unserer Heimat sorgen für Identität und Zusammenhalt. Nur wer der eigenen Sache sicher ist, kann anderen offen und tolerant begegnen. Dagegen müssen wir klarmachen: Wer Kreuze abnehmen, Schweinefleisch verbannen und Martinsumzüge in Lichterfest umbenennen will, ist nicht tolerant, sondern betreibt gefährliche Selbstverleugnung.“

Ende vergangenen Jahres hatte bereits Bundesernährungsminister Christian Schmidt (CSU) erklärt, Kantinen von Schulen und Kindergärten sollten seiner Ansicht nach regelmäßig Gerichte mit Schweinefleisch anbieten. Auch wenn die Zahl der Muslime im Land steige, dürfe man nicht aus Bequemlichkeits- oder Kostengründen für die Mehrheit in der Gesellschaft die Auswahl einschränken, so Schmidt.

CDU gegen Schweinefleisch-Verbot

Bei der Bremer CDU sieht man die Sache pragmatischer. Auf Nachfrage des WESER-KURIER sagt der bildungspolitische Sprecher Thomas vom Bruch: „Wir haben uns, ebenso wie die Koalitionsfraktionen, bereits 2016 für die Einhaltung der DGE-Standards bei der Schulverpflegung ausgesprochen. Diese sehen vor, dass bei Gerichten mit Schweinefleisch eine alternative Fleischsorte angeboten werden soll. Den hiervon abweichenden in Bremen praktizierten Verzicht auf Schweinefleisch in den Grundschulen lehnen wir ab."

Von Bruch spricht sich dafür aus, den Verzicht auf Schweinefleisch nicht von oben zu verordnen: "Wir stehen für Vielfalt und Eigenverantwortung statt für Selbstbeschränkung. Die Entscheidung über das Angebot von Schweinefleisch in den Grundschulen sollte nach unserer Auffassung nicht durch den jeweils beauftragten Caterer erfolgen, sondern in den Händen der jeweiligen Schulleitung in Abstimmung mit der Elternschaft liegen.“

Gesundheitsexperten sehen neben der Religion auch andere Gründe, um auf Schweinefleisch zu verzichten: So gehört Schweinefleisch zu den fettigsten Fleischsorten überhaupt. Außerdem hat es einen hohen Cholesteringehalt und soll unter anderem Arteriosklerose fördern. Konventionelles Schweinefleisch aus Massentierhaltung enthält darüber hinaus Rückstände von Antibiotika und Wachstumshormonen.

Schweinefleisch weiterhin beliebt

In Deutschland lag der Fleischverbrauch zuletzt bei 86,6 Kilogramm pro Person. Auch wenn Schweinefleisch zunehmend aus Schulmensen und Kita-Küchen verschwindet, bleibt es in Deutschland bei den Verbrauchern weiterhin beliebt: Der Jahresverbrauch liegt aktuell bei durchschnittlich 51,1 Kilogramm pro Person, dahinter folgen Geflügelfleisch mit 19,4 Kilogramm und Rindfleisch mit 13,3 Kilogramm. Andere Fleischsorten kommen kaum auf den Teller.

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