Impfstart bei den Bremer Hausärzten

Mit aufgekrempeltem Ärmel in die Praxis

Die Hausärzte starteten hochmotiviert in die Corona-Impfungen, die Patienten ebenso. In vielen Praxen gelang es zudem, aus den Fläschchen mit sechs Dosen eine siebte Impfung zu gewinnen.
10.04.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Mit aufgekrempeltem Ärmel in die Praxis
Von Timo Thalmann
Mit aufgekrempeltem Ärmel in die Praxis

Hausarzt Jörg Löffler musste kurzfristig viel mehr Impfungen organisieren. Statt 140 bekam er 342 Impfdosen geliefert.

Tom Wesse

„Das war schon ein Höhepunkt des Hausarztdaseins“, fasst Hans Michael Mühlenfeld seine Gefühlslage am frühen Freitagnachmittag zusammen. Da hat der Woltmershauser Hausarzt gerade eine Runde Hausbesuche beendet, in der er ausschließlich hochbetagten Pflegebedürftigen die lang ersehnte Corona-Schutzimpfung verabreichen konnte. „Das waren alles Patienten der höchsten Priorität, die ihre Einladung ins Impfzentrum nicht wahrnehmen konnten.“ Hier schließen die Hausärzte nach Überzeugung Mühlenfelds eine Lücke und dabei spricht er als Vorsitzender des Bremer Hausärzteverbandes auch für rund 250 Kollegen.

Seit Mittwoch sind die niedergelassenen Ärzte in Bremen beim Impfen mit dabei. Laut Meldung des Robert-Koch-Instituts haben sie bis Donnerstagabend an den ersten zwei Tagen im Land Bremen 4714 Erst- und vier Zweitimpfungen verabreicht. Bei knapp 9000 gelieferten Impfdosen muss demnach vor allem Freitag ein arbeitsreicher Tag gewesen sein, denn derzeit wird ausschließlich Biontech an die Ärzte geliefert. Die Substanz kommt gekühlt, aber aufgetaut in den Praxen an. Das bedeutet, sie muss innerhalb von fünf Tagen verbraucht werden. „Und natürlich wollen wir keine einzigen Tropfen Serum umkommen lassen“, sagt Mühlenfeld.

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In Einzelfällen bedeutet das auch Wochenendarbeit: Eine hausärztliche Gemeinschaftspraxis in Bremen-Borgfeld mit sieben Ärzten hatte 140 Dosen bestellt, durch einen Irrtum beim Apotheker aber 342 geliefert bekommen. "Also erklärten wir uns alle bereit, auch an Ostern Patienten anzurufen, um Impftermine anzubieten“ sagt Hausarzt Jörg Dieter Löffler. Es sei schön und gleichzeitig sehr motivierend, wenn sich bei vielen Patienten durch die Impfung eine riesige Last und Angst löst, berichtet der Mediziner. Lange Aufklärungsgespräche sind dagegen laut Mühlenfeld zurzeit kaum erforderlich. "Im Grunde kommen die Leute mit aufgekrempelten Ärmel in die Praxis und wollen ihre Spritze."

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Der Vizevorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung in Bremen, Peter Kurt Josenhans, ist auch vor dem Hintergrund solcher Geschichten voll des Lobes. „Das ist schon bemerkenswert, was die Hausärzte hier in wenigen Tagen aus dem Boden gestampft haben“, sagt er. Denn zum Start und auch weiterhin erfahren die Praxen jeweils am Donnerstag, wie viel und welchen Impfstoff sie tatsächlich bekommen. Geliefert wird dann am darauf folgenden Dienstag. Um die Impftermine abzustimmen, bleiben den Ärzten also zwei bis drei Werktage. „Wir haben daher im Vorfeld eine Liste derjenigen gemacht, die aus unsere Sicht Priorität genießen“, berichtet Gabriel Rogalli, der eine Hausarztpraxis in der Stader Straße betreibt. Die werde von oben herab abtelefoniert.

Das ist auch deswegen nicht einfach, weil nahezu alle Praxen mit Anfragen nach Impfterminen überschwemmt werden. „Das ist menschlich verständlich, beeinträchtigt aber die normale hausärztliche Versorgung“, sagt Mühlenfeld. Denn die Ärzte seien dadurch für Patienten mit anderen, ebenso notwendigen Anliegen kaum noch telefonisch erreichbar. Josenhans appelliert deswegen, von Anfragen abzusehen. „Die Ärzte melden sich für die Impfungen.“

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Hausarzt Rogalli ist zuversichtlich, dass sich das Impftempo jetzt beschleunigt. Man könne nach den ersten Erfahrungen die Abläufe noch weiter optimieren. Und er weist darauf hin, dass in zahlreichen Praxen aus den Fläschchen mit offiziell sechs Impfdosen noch eine siebte gezogen wird. „Das ist regelhaft möglich, ohne die Wirkung des Impfstoffs zu gefährden.“ Entsprechende Anleitungen dazu gebe es beispielsweise vom Schweizer Apothekerverband. So konnte er mit den 66 an seine Praxis gelieferten Impfdosen 77 Impfungen setzen. „Die zusätzlichen Termine waren zeitnah besetzt und einige weitere Hausbesuche waren ebenfalls schnell möglich.“ Für die kommende Woche wurden ihm 90 Impfdosen angekündigt, sodass er nun von vornherein mit 105 Impfterminen kalkuliert. Ob das bei den übrigen Impfstoffen auch funktioniert, ist noch unklar. Aussuchen, was sie geliefert bekommen, können sich auch die Hausärzte nicht.

Vorerst planen die meisten Praxen mit zusätzliche Impf-Sprechstunden zu Zeiten, an denen sie gewöhnlich geschlossen haben. „Das wird bei aller anfänglichen Motivation auf Dauer aber kein Praxisteam leisten können“, sagt Mühlenfeld. Ziel müsse es daher sein, die Impfungen in die reguläre Sprechstunde zu integrieren.

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