Impfstoffmenge begrenzt

Grippeimpfung zuerst für Risikogruppen

Weil die Menge des verfügbaren Impfstoffes zu weiten Teilen vor Beginn der Corona-Pandemie bestimmt wurde, können die amtlichen Empfehlungen nicht einfach ausgeweitet werden.
04.09.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Grippeimpfung zuerst für Risikogruppen
Von Timo Thalmann
Grippeimpfung zuerst für Risikogruppen

Gesundheitsminister Spahn empfiehlt Eltern ihre Kinder gegen Grippe impfen zu lassen.

Franziska Gabbert

Von verunsicherten Eltern und zahlreichen Anrufen in den Praxen der Kinder- und Jugendärzte berichtet Torsten Spranger, Sprecher des Bremer Verbandes der Kinder- und Jugendärzte. Der Grund: Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte in einem Interview Eltern dazu aufgefordert, sich und ihre Kinder in diesem Jahr gegen Grippe impfen zu lassen. „Gleichzeitig eine größere Grippewelle und die Pandemie kann das Gesundheitssystem nur schwer verkraften“, wird Spahn in der Welt am Sonntag zitiert. „Deswegen haben wir diesmal zusätzlichen Grippeimpfstoff besorgt. Jeder, der sich und seine Kinder impfen lassen will, sollte und kann das tun.“

Nach Einschätzung von Spranger hat sich der Minister damit etwas weit vorgewagt. „Wir werden jetzt ab September sicher nicht genügend Impfstoff haben, um jeden Menschen zu impfen, der das wünscht.“ Zudem entspreche der Rat, möglichst alle Bürger gegen die Influenza zu impfen, nicht den gültigen Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (Stiko). Die Empfehlungen dieses unabhängigen Expertengremiums des Robert Koch-Instituts werden seit 2007 in den Katalog der Pflicht­leistungen der ge­setzlichen Kranken­ver­sicherung aufgenommen. „Daher können Impfungen, die nicht diesen Vorgaben entsprechen, auch nur privat abgerechnet werden“, erläutert Spranger.

Kinder rund Jugendliche zählen zu den stärksten Überträgern

Der Kinderarzt weist darauf hin, dass eine allgemeine Impfung für alle Kinder und Jugendliche seit Jahren zu den Forderungen seines Berufsverbandes zählt. Aufgrund ihrer vielfältigen Kontakte zu Gleichaltrigen in Kindergärten und Schulen zählten sie bei der gewöhnlichen Influenza zu den stärksten Überträgern der Krankheit. „Aber bislang ist dieser Forderung in den Impfempfehlungen nicht entsprochen worden.“

Die aktuell gültigen Empfehlungen sehen vor, besonders gefährdete Gruppen gegen Grippe zu impfen. Dazu zählen Menschen mit chronischen Erkrankungen, Personen im Alter ab 60 Jahren, Schwangere und jeweils deren Angehörige im Haushalt sowie Heimbewohner und Beschäftigte in Gesundheitsberufen.

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Die Impfquoten bei diesen Betroffenen sind in den vergangenen Jahren stets sehr niedrig gewesen. Laut Mitteilung der Stiko waren in der Grippesaison 2018/19 bei den über 60-jährigen 35 Prozent geimpft, in der Gruppe der chronisch Erkrankten lag die Quote ebenfalls unterhalb von 50 Prozent. Eine Studie mit Krankenhausbeschäftigten ergab in der Vergangenheit Impfquoten von weniger als 50 Prozent beim Klinikpersonal. „Zum Schutz der Menschen und zur Entlastung des Gesundheitssystems in der kommenden Influenzasaison 2020/21 ist mit den verfügbaren Impfstoffmengen der größte Effekt erzielbar, wenn die Impfquoten vor allem in den Risikogruppen erheblich gesteigert werden“, heißt es deshalb in einer Mitteilung der Stiko.

Die Disposition und Logistik des Impfstoffes hat einen langen zeitlichen Vorlauf. Produziert werden die Impfdosen im Laufe des Sommers, auf der Grundlage der Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation hinsichtlich ihrer Zusammensetzung. Die Menge in Deutschland richtet sich nach Bestellungen der Ärzte, die zwischen Januar bis spätestens April erfolgen müssen. Ein Anfang Mai herausgegebener Hinweis der Kassenärztlichen Vereinigung Bremen, in diesem Jahr mit Blick auf Corona mehr Impfstoff zu bestellen, kam daher zu spät. Für die jetzt anstehenden Impfungen haben die Kalkulationen des Bedarfs noch vor der Corona-Pandemie stattgefunden. „Jetzt den Kreis der Impfberechtigten auszuweiten, ist darum gar nicht möglich“, sagt Thomas Real, stellvertretender Vorsitzender des Bremer Apothekerverbandes. In diesen Tagen erreichten die bestellten Impfstoffe die Apotheken.

26 Millionen Impfdosen für Deutschland

Insgesamt sind in diesem Jahr nach frühzeitigen Hinweisen der Stiko die Bestellungen dennoch rund 20 Prozent höher ausgefallen. Für ganz Deutschland wurden demnach rund 26 Millionen Impfdosen geordert. Davon entfallen nach Angaben der jeweiligen kassenärztlichen Vereinigungen etwa 100.000 Dosen auf Bremen und gut 1,4 Millionen auf Niedersachsen. Zur Einordnung: In der Grippesaison 2019/20 haben niedergelassene Ärzte in Bremen und Bremerhaven 82.283 Menschen gegen die saisonale Influenza geimpft. Im Vorjahreszeitraum waren es 80.681 Patienten.

Allein um die bestehenden Empfehlungen vollständig zu erfüllen, wären nach Auskunft der Stiko deutschlandweit etwa 40 Millionen Dosen Influenza-Impfstoff notwendig. „Wir werden in der ärztlichen Praxis Patienten deutlich machen müssen, dass eine Impfung für sie nicht infrage kommt, weil sie bei aller persönlicher Sorge nicht zu den Risikogruppen zählen“, sagt Spranger. Aussagen des Gesundheitsministers, dass Impfstoff für jeden Interessenten bereitstehe, seien nicht hilfreich.

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