Impfungen sollen vorangetrieben werden

Priorisierung aufgeweicht

In den Bremer Arztpraxen kann sich ab sofort jeder über 18 Jahren nach individueller Aufklärung mit Astra-Zeneca impfen lassen. Für die Ärzte gibt es zugleich keine Obergrenze mehr bei den Bestellmengen.
05.05.2021, 19:57
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Priorisierung aufgeweicht
Von Timo Thalmann
Priorisierung aufgeweicht

In Bremen wird die Priorisierung für alle Impfwilligen über 18 Jahren mit Astra-Zeneca aufgehoben.

Matthias Bein

Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Bremen hat sich nach ihrer Darstellung mit dem Land Bremen darauf verständigt, die Priorisierung für alle Impfwilligen über 18 Jahren praktisch aufzuheben soweit es um Impfungen mit Astra-Zeneca geht. Arztpraxen in Bremen und Bremerhaven könnten abhängig von den vorhandenen Impfstoffmengen ab sofort jeden über 18 Jahren damit impfen. Möglich werde dies laut KV, weil die Ständige Impfkommission (Stiko) ihre Empfehlungen zu Astra-Zeneca noch einmal konkretisiert hat. Zur Verabreichung des Impfstoffes an Patienten unter 60 Jahren heißt es jetzt, diese sei „nach ärztlicher Aufklärung und bei individueller Risikoakzeptanz durch den Patienten möglich“. Die strengeren Vorgaben aus älteren Empfehlungen sind damit hinfällig.

Das Bremer Gesundheitsressort betont dagegen, dass die Priorisierung auch in den Praxen grundsätzlich weiter gilt. Schon bislang seien Impfungen für Menschen unter 60 Jahren mit Astra-Zeneca durch eine gemeinsame Entscheidung von Arzt und Patient möglich gewesen, soweit der Impfstoff nicht von priorisierten Patienten genutzt wird. Daran habe sich nichts geändert. Die KV verweist jetzt aber hinsichtlich der Haftung auf eine neue, schriftlich vorliegende Aussage von Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke), in der sie der Stiko folgend die Impfung mit Astra-Zeneca für Personen zwischen 18 und 60 Jahren nach einer jeweils individuell vorzunehmenden Risikoabwägung und ärztlichen Aufklärung empfiehlt.

Hintergrund der Entscheidung sind auch zu erwartende steigende Liefermengen des Vakzins. Der Bund wird für die Woche vom 10. bis 16. Mai etwa drei Millionen Impfstoffdosen für die Arztpraxen bereitstellen: rund 1,6 Millionen von Biontech und etwa 1,3 Millionen von Astra-Zeneca. Die KV Bremen hat den Ärzten zudem mitgeteilt, dass für Astra-Zeneca keine Obergrenzen für die Bestellmengen gelten. Bei Biontech sind höchstens 36 Impfdosen pro Arzt und Woche lieferbar.

Hans-Michael Mühlenfeld, der als Vorsitzender des Bremer Hausärzteverbandes für rund 250 Kollgen spricht, bremst jedoch etwas. „Ich habe zum Beispiel für kommende Woche Astra-Zeneca nicht bestellt, weil noch reichlich im Praxiskühlschrank liegt.“ Auch seine Kollegen berichteten Ähnliches. Insofern erwartet der Woltmershauser Arzt jetzt auch keinen Ansturm auf die Praxen. „Diese Situation ist ja auch der Grund für die Entscheidung, die Priorisierung aufzuheben.“

Ohnehin empfiehlt Mühlenfeld, mit den Astra-Zeneca Impfungen für unter 60-Jährige noch zu warten, bis die damit verbundenen Haftungsfragen tatsächlich geklärt seien. „Aktuell hat das Bundesgesundheitsministerium im Zuge der Stiko-Empfehlung lediglich angekündigt, den Entschädigungsanspruch von Geimpften bei Impfschäden auch in diesen Fällen zulasten des Staates zu regeln.“ Bis es so weit sei, hafte allein der jeweiligen Arzt für mögliche Nebenwirkungen. Mühlenfeld macht zugleich deutlich, dass die verbreitete Ablehnung von Astra-Zeneca durch eine realistische Risikoabwägung kaum zu begründen ist. „Das Risiko einer Thrombose durch den Impfstoff entspricht zum Beispiel bei einem gesunden 55-jährigen Mann statistisch dem Risiko, innerhalb von vier Jahren vom Blitz getroffen zu werden.“

Lesen Sie auch

Die KV hat einen Aufruf gestartet, um Arztpraxen dafür zu gewinnen, neben ihren originären Patienten auch weiteren Interessenten Coronaimpfungen anzubieten. Der Aufruf richtet sich an niedergelassene Haus- und Fachärzte in Bremen und Bremerhaven. Das erweiterte Impfangebot dieser Praxen soll sich an Menschen ohne regelhafte haus- oder fachärztliche Betreuung richten sowie an Angehörige von Pflegebedürftigen oder Anspruchsberechtigte, die noch kein Impfangebot erhalten haben. "Wir bitten alle, sich zu melden, die angesichts steigender Impfstoff-Liefermengen in den kommenden Wochen die Möglichkeit sehen, auch Patienten über ihren Patientenstamm hinaus zu impfen“, appellieren die Vorstände der KV Bremen Bernhard Rochell und Peter Kurt Josenhans. Erste Rückmeldungen auf diesen Aufruf sind laut KV bereits unmittelbar danach erfolgt.

Dieser Beitrag wurde am 13.20 Uhr mit den Aussagen von Hans-Michael Mühlenfeld ergänzt. Dieser Beitrag wurde um 13.40 und 15.40 Uhr weiter aktualisiert.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+