Fachschule fehlen jährlich 100.000 Euro

"Impuls" steht vor dem Aus

Inge Deppert ist eigentlich schon im Ruhestand. Doch die Tanzpädagogin findet keine Ruhe. Nicht, ehe die zwei Ausbildungsschulen, die sie aufgebaut hat, in guten Händen sind. Aber "Impuls" steht vor dem Aus.
04.12.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Antje Stürmann
"Impuls" steht vor dem Aus

Der Verein Impuls bildet staatlich anerkannte Beweungsexperten aus. Und bietet Gymnastikkurse an, zum Beispiel Ausgleichsgymnastik für den Rücken.

Frank Thomas Koch

Inge Deppert ist 75 und eigentlich schon seit zehn Jahren im Ruhestand. Doch die Tanzpädagogin findet keine Ruhe. Nicht, ehe die zwei Ausbildungsschulen, die sie aufgebaut hat, in guten Händen sind.

Um einen Schulleiter zu bezahlen und vielleicht eine Bürokraft, braucht es jedoch Geld, das der Verein Impuls nicht hat. Inge Deppert leitet die Schulen seit 30 Jahren ehrenamtlich. Ende dieses Jahres soll damit Schluss sein.

An diesem Tag hilft Inge Deppert auch noch im Gymnastikraum aus. Sie vertritt eine Kollegin. „Ausgleichsgymnastik für den Rücken“. Der älteste Teilnehmer ist 97 Jahre alt – aber fit wie ein Turnschuh. Er sitzt auf dem Boden und streckt seine Beine. Nur ein kleines Zucken im Gesicht verrät, dass es plötzlich in der Hüfte zwickt. „Da ist deine Problemzone, nicht?“, fragt Inge Deppert einfühlsam. Der Mann nickt.

Inge Deppert hat auch ein Problem. Es ist nicht ihre Hüfte. Inge Deppert macht sich Gedanken über den Fortbestand der Bewegungsschulen des Vereins Impuls an der Fleetrade in Hastedt. Dem Verein fehlen die finanziellen Mittel. Zurzeit muss das Schulgeld von 400 Euro pro Auszubildendem reichen. Hinzu kommen die Beiträge der Vereinsmitglieder. Die Krankenkassen bezahlen für die Teilnahme ihrer Mitglieder an Reha-Kursen bei Impuls pauschal fünf Euro je Person und Kurs. Doch das reicht lange nicht. Auf der Ausgabenseite stehen Mieten, Dozentenhonorare und die Verwaltungskosten. „Ohne die ehrenamtliche Arbeit, die unsere Schulleiterin und Gründerin Inge Deppert und PC-Administrator Henner Oberhoff leisten, ist der Verein mit seinen Schulen und Kursen nicht lebensfähig“, sagt Sprecherin Felicitas Scheel. Beide wollten sich jedoch 2016 altersbedingt ins Privatleben zurückziehen.

Rund 100.000 Euro jährlich muss der Verein dann zusätzlich aufbringen, um die frei werdende Leitungs- und Administratorenstelle neu besetzen zu können. Gelinge das nicht, müsse der Verein an seinen zwei Standorten in Hastedt und Hemelingen 2017 die Tore schließen, sagt Scheel.

Schon jetzt ist Impuls die einzige Einrichtung im Land, die Bewegungsexperten ausbildet. An der Universität gibt es seit zwei Jahren keine Ausbildung mehr, die Behinderten- und Sportpädagogik miteinander vernetzt. In 120 Stunden ausgebildete Übungsleiter können laut Scheel nicht die Fachkenntnis der in 3200 Stunden ausgebildeten, staatlich anerkannten Bewegungspädagogen ersetzen. „Nur sie können auf die speziellen Bedürfnisse zum Beispiel von psychisch Kranken oder Lungenpatienten eingehen und für sie ein sportpädagogisches Konzept erarbeiten“, sagt Scheel.

Aber auch vor einem anderen Hintergrund kann Inge Deppert nicht verstehen, dass Stadt und Land die Bewegungsschulen nicht unterstützen. „Die Menschen bewegen sich zu wenig“, sagt Inge Deppert. Bewegungsmangel sei eine Ursache für viele Volkskrankheiten.

Seit 1993 bildet Impuls staatlich anerkannte Bewegungspädagogen aus. Auf ihrem Stundenplan stehen Gymnastik, Tanz und Bewegungstherapie. Das Besondere: Die Lehrkräfte verfolgen einen ganzheitlichen Ansatz. Das heißt, Körper, Geist und Seele werden als Einheit gesehen. 1997 erkannte das Land die private Fachschule mit staatlichem Abschluss an.

Seitdem hat Inge Deppert mit ihrem Team aus bis zu 30 Dozenten 200 Bewegungspädagogen aus ganz Deutschland ausgebildet. Die Spezialisten in Sachen Bewegung vermitteln Lehrern in Fortbildungen kreative Methoden, die Freude an der Bewegung wecken. Die Schulen, sagt Scheel, haben vorgemacht, dass Tanz, Kreativität und Gesundheitsförderung zusammengehörten.

Auf dem Arbeitsmarkt seien die Absolventen von Impuls heiß begehrt. „Sie arbeiten unter anderem in Reha-Kliniken, in sozialen Einrichtungen, Kindertagesstätten, Sportvereinen, Kliniken, in den Bremer Bädern, in Fitness- und Tanzstudios, an staatlichen Schulen und in der betrieblichen Gesundheitsförderung – oder sie sind selbstständig“, zählt Scheel auf. Die Tanzvorführungen der Ausbildungsklassen und die generationsübergreifenden Projekte seien über die Landesgrenzen hinaus bekannt. „Impuls ist ein Aushängeschild für Bremen“, sagt Deppert. Sie und Scheel sehen darum das Land in der Pflicht, „diese Institution zu unterstützen, die 30 Jahre erfolgreich zur Bildungs- und Kulturlandschaft Bremens beigetragen hat“. Die Bildungssenatorin lässt mitteilen: „Wir schätzen die Arbeit von Impuls sehr. Es können aber vom Land Bremen nur solche Träger einen Zuschuss erhalten, die eine nach dem Privatschulgesetz genehmigte Ersatzschule sind, und im Wesentlichen auf gemeinnütziger Grundlage und ohne Gewinnerzielung betrieben werden.“

Helfen will nun die SPD-Sprecherin für Sport und Menschen mit Beeinträchtigungen, Ingelore Rosenkötter. Sie will Anfang 2016 gemeinsam mit Inge Deppert Ideen zur Rettung der Bewegungsschulen entwickeln. „Man könnte darüber nachdenken, dass Einrichtungen und Unternehmen, die von den Absolventinnen profitieren, eine Art Schulgeld bezahlen.“ Außerdem soll ein Berater Einnahmen und Ausgaben des Vereins prüfen. Der Profi wird Inge Deppert auch über eine Abwicklung der Bewegungsschulen aufklären. Die Tanzpädagogin hofft nicht, dass es soweit kommt.

Dann legt sie sich auf die Matte, winkelt ein Knie an und wiegt es sanft hin und her. Der 97-Jährige tut es ihr gleich. Inge Deppert hat ihn wieder im Blick.

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