Immer mehr Pendler

In Bremen arbeiten, im Umland wohnen

Seit fast 20 Jahren steigt die Zahl der Berufspendler in Bremen kontinuierlich. Und auch wenn mehr Aus- als Einpendler dazukommen: Es fahren morgens mehr als doppelt so viel hinein wie hinaus.
05.02.2018, 19:47
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In Bremen arbeiten, im Umland wohnen
Von Timo Thalmann
In Bremen arbeiten, im Umland wohnen

„Überall wächst die Zahl der Pendler. Inzwischen haben wir sogar immer mehr Fernpendler, die zwischen weit auseinanderliegenden Regionen wechseln“, sagt der Referent für Wirtschafts- und Infrastrukturpolitik Dominik Santner.

dpa

Bremen hat immer mehr Berufspendler. Die jüngste Auswertung der Regionaldirektion Bremen-Niedersachsen der Agentur für Arbeit in Sachen Pendlerzahlen ergab zum Stichtag 30. Juni 2017 insgesamt rund 187 500 Pendler. Im Jahr zuvor waren es noch 183.300. Das entspricht einem Anstieg von rund 2,3 Prozent und bedeutet eine neue Dynamik der Entwicklung.

Denn ab dem Jahr 2000 war die Zahl der täglichen Pendler im Schnitt jährlich um gut 1,5 Prozent gewachsen. Damals ging es um knapp 144.000 Menschen, die entweder in Bremen arbeiteten und außerhalb der Stadt wohnten oder umgekehrt von ihrem Wohnort Bremen aus zur Arbeit ins Umland oder noch weiter fuhren. Verantwortlich für den Anstieg sind vor allem die Auspendler, also Bremer, die außerhalb der Stadt arbeiten.

Ihre Zahl stieg von 48.690 im Jahr 2016 um über fünf Prozent auf 51.200. Die Zahl der Einpendler erhöhte sich von 134.800 auf 136.300 – ein Plus von 1,1 Prozent. Auch auf lange Sicht wuchs die Zahl der Auspendler, relativ betrachtet, stärker: Seit 2000 stieg ihre Zahl um rund 55 Prozent, die Zahl der Einpendler erhöhte sich dagegen in diesem Zeitraum um gut 23 Prozent. Der Anteil der Auspendler an den Bremer Pendlern insgesamt macht darum heute 27,3 Prozent aus gegenüber 22,3 Prozent im Jahr 2000.

Die Einpendler stellen gleichwohl den Löwenanteil dar. Gemessen an der Zahl vorhandener Stellen haben sie in Bremen einen Anteil von aktuell 43 Prozent am Arbeitsmarkt. Fast jeder zweite Arbeitsplatz der Stadt wird also von jemanden besetzt, der nicht in Bremen wohnt. Beim deutschlandweiten Spitzenreiter Düsseldorf beträgt diese Quote sogar 68 Prozent.

Dagegen pendelt beispielsweise in der Region Hannover lediglich jeder vierte Arbeitnehmer von außerhalb ein. Der Vergleich zur niedersächsischen Hauptstadt offenbart zugleich das mit den Pendlern verbundene Kernproblem Bremens: Der überwiegende Teil kommt wie in Hannover aus der näheren Umgebung.

Hier fahren die Menschen also vor allem aus den Landkreisen Osterholz, Diepholz, Verden sowie Cuxhaven in die Stadt. Aber sie überschreiten dabei eine Landesgrenze. Und weil zahlreiche Steuerzuweisungen des Bundes an die Länder von der Wohnbevölkerung abhängen, macht sich das in Bremen jährlich mit einem Minus von geschätzt 200 Millionen Euro bemerkbar.

Ein "tragischer Erfolg" für Bremen

Und mehr noch: Der Großraum Hannover ist auch administrativ viel enger mit seinem Umland verflochten als Bremen beispielsweise über den Kommunalverbund Bremen-Niedersachsen mit seinen Nachbarn. Das macht eine abgestimmte Wohnungs- und Verkehrspolitik komplizierter und schwergängiger als in der Region Hannover.

Beim Öffentlichen Personen-Nahverkehr (ÖPNV) werden die Folgen offensichtlich: Einpendler nach Bremen nutzen für ihren Arbeitsweg zu über 80 Prozent das Auto, bundesweit hingegen liegt dieser Wert im Schnitt bei nur 66 Prozent. Städte wie Hannover oder auch München, das eine ähnliche Einpendlerquote wie Bremen aufweist, bieten bessere Bus- und Bahnverbindungen in die Stadt.

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„Uns fehlt eben eine echte S-Bahn“, sagt dazu Olaf Orb. Der Verkehrsreferent der Handelskammer Bremen nennt die Zahl der Einpendler einen „tragischen Erfolg“ für Bremen. Denn sie zeige, dass die Stadt als Beschäftigungsstandort attraktiv ist und offenbar über ihre Grenzen hinaus Anziehungskraft entwickelt. Tatsächlich ist die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Bremen seit 2011 um elf Prozent auf 325.400 Menschen gestiegen.

„Als Wohnort kann die Stadt an diesen Erfolg aber nicht anknüpfen“, sagt Orb. Aus seiner Sicht reicht eine Konzentration des Wohnungsbaus auf innerstädtische Verdichtung einerseits und Geschosswohnungsbau andererseits nicht aus. „Insbesondere von der Mittelschicht wird das Reihen- Doppel- oder Einfamilienhaus nachgefragt. Auch dafür muss in Bremen Platz sein“, sagt Orb und verweist exemplarisch auf den Konflikt um die Osterholzer Feldmark als mögliches Baugebiet.

Situation von Schulen und Kindergärten spielt eine Rolle

„Wenn man die Zahl der Einpendler senken will, darf es keine Tabus geben.“ Auch die Situation der Schulen und Kindergärten spiele eine wichtige Rolle bei der Wahl des Wohnortes. „Die Probleme von Bremen in diesem Bereich sind ja bekannt.“ Dominik Santner von der Arbeitnehmerkammer sieht die Bremer Entwicklung im Geleitzug eines bundesweiten Trends.

„Überall wächst die Zahl der Pendler. Inzwischen haben wir sogar immer mehr Fernpendler, die zwischen weit auseinanderliegenden Regionen wechseln“, sagt der Referent für Wirtschafts- und Infrastrukturpolitik. Tatsächlich gilt das auch für Bremen. Rund 2500 Menschen kommen aus Hamburg hierher zum Arbeiten, etwa 1000 aus Berlin.

Umgekehrt pendeln 4500 Bremer nach Hamburg und etwa 900 nach Berlin. Knapp 200 Bremer sind sogar Teil des Zustroms in die Pendlerhauptstadt Düsseldorf. Nahezu ausgeglichen ist die Bilanz mit Bayern: Jeweils etwas über 1400 Menschen fahren wegen der Arbeit zwischen den Bundesländern hin und her.

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