Neue Bertelsmann-Studie veröffentlicht In Bremen fehlen besonders viele Kita-Plätze

Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung bescheinigt Bremen, dass hier noch besonders viele Kita-Plätze fehlen. Der Personalschlüssel bestehender Kitas sei allerdings gut - Bremer Kritiker bezweifeln das.
27.08.2017, 17:24
Lesedauer: 4 Min
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In Bremen fehlen besonders viele Kita-Plätze
Von Sara Sundermann

Die Bildungschancen für Kinder sind innerhalb Deutschland höchst unterschiedlich, je nachdem, wo das Kind geboren wird. Zudem droht eine weitere Verschärfung des Fachkräftemangels in Kitas, bundesweit würden mehr als 100.000 zusätzliche Fachkräfte benötigt. Zu diesem Schluss kommen die Autoren einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung zur frühkindlichen Bildung. "Wir brauchen verlässliche Kita-Qualität in ganz Deutschland", fordert Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung. "Bund und Länder müssen einheitliche Qualitätsstandards umsetzen." Der Kita-Ausbau und die Verbesserung der Betreuungsqualität erfordere einen Kraftakt von Bund, Ländern, Kommunen und Eltern. Ohne attraktivere Rahmenbedingungen für das Kita-Personal werde es schwer, den steigenden Fachkräfte-Bedarf zu decken.

In Bremen klafft der Studie zufolge bundesweit die größte Lücke zwischen dem Bedarf nach Betreuung und dem Angebot an Kita-Plätzen. "Bei dieser Lücke ist Bremen absolutes Schlusslicht", sagt Bertelsmann-Expertin Annette Stein. Grundlage für die Erhebung sind Daten der Statistischen Landesämter, die im März dieses Jahres von den Autoren verglichen wurden. Auffällig ist laut Stein in Bremen zudem, dass mehr als jeder dritten Kita vertraglich keine Zeit für Leitungsaufgaben zugestanden werde. Das betrifft vor allem kleinere Kitas. "Kita-Leitungen sind aber maßgeblich für die Qualität der Betreuung", betont Stein. Wenn keine Leitungszeit zugesichert werde, bedeute das in der Praxis, dass Leitungsaufgaben entweder liegen blieben oder von Fachkräften in ihrer Freizeit erledigt würden.

Nur jedes fünfte Kleinkind in Bremen hat einen Krippenplatz

Ein anderes Ergebnis der Studie polarisiert: Bremen schneidet beim statistischen Blick auf den Personalschlüssel der Kitas in den Studien der Bertelsmann-Stiftung besonders gut ab. Rechnerisch kämen in Bremer Kindergärten 7,5 Kinder auf eine Fachkraft und in den Krippen drei Kinder auf eine Fachkraft, heißt es in der Studie. "Die Personalschlüssel in Bremen erreichen damit fast den Wert, den wir für eine kindgerechte Betreuung empfehlen", sagt Stein. Noch bessere Werte erreicht hier laut Studie nur Baden-Württemberg. In Niedersachsen sind die Werte mit acht Kindern pro Fachkraft in Kindergärten und vier Kindern pro Fachkraft in Krippen ähnlich wie in Bremen.

Ganz andere Werte benennt die Studie dagegen für ostdeutsche Bundesländer: So kämen in Kindergärten in Sachsen-Anhalt elf Kinder auf eine Fachkraft, in Sachsen 13 und in Mecklenburg-Vorpommern sogar 14. Stein stellt fest: In einem Bundesland wie Bremen seien die Gruppen kleiner und die Qualität der Betreuung besser – wenn man denn einen Kita-Platz ergattert. In ostdeutschen Bundesländern seien die Personalschlüssel schlechter, dafür bekomme die große Mehrheit der Kinder dort zumindest einen Platz. Zum Vergleich: In Sachsen-Anhalt hatten zuletzt 56 Prozent aller Kleinkinder unter drei Jahren einen Krippenplatz, in Bremen nur 22 Prozent.

An dem guten Zeugnis, dass die Bertelsmann-Stiftung der Personalausstattung in Bremens Kitas bereits zum wiederholten Mal ausstellt, entzündet sich vor Ort immer wieder scharfe Kritik. Die statistischen Werte würden einen Eindruck vermitteln, der wenig mit der Realität zu tun habe, kritisieren der Personalrat des städtischen Trägers Kita Bremen und der Zentralelternvertretung (ZEV). Auch eine Bremer Professorin übt Kritik.

"Die Realität wird schöngerechnet"

Die Kritiker bezweifeln nicht, dass Bremen möglicherweise theoretisch einen besseren Personalschlüssel als viele ostdeutsche Bundesländer hat. Sie betonen aber, dass die Realität in den Kitas anders aussieht, als die Studie suggeriert. "Dass bei uns angeblich 7,5 Kinder auf eine Erzieherin kommen, ist eine rein rechnerische Größe. Wenn wir tatsächlich im Alltag so einen Betreuungsschlüssel hätten, wäre das ja super", sagt Grit Wetjen vom Personalrat Kita Bremen. "In der Realität betreuen in den Kitas in der Regel anderthalb Kräfte eine Gruppe von 20 Kindern, also eine Vollzeit-Kraft und eine zweite Kraft, die vier Stunden pro Tag da ist." Das aber ergäbe einen Personalschlüssel von 13 Kindern pro Fachkraft – und wäre weit entfernt von den Empfehlungen der Bertelsmann-Experten.

"Die Realität wird schöngerechnet, die Autoren der Studie klopfen der Politik auf den Rücken – das Geld, was in diese Studie fließt, sollte man lieber in Stellen für Fachkräfte stecken", sagt Andreas Seele von der Bremer Zentralelternvertretung. In den Personalschlüsseln der Studie blieben unbesetzte Stellen und Krankheitsausfälle unberücksichtigt. Seele kritisiert zudem: "Für die Studie wurden nur Kita-Gruppen betrachtet, in denen es keine Kinder mit Förderbedarf gibt, doch gerade in den Gruppen mit Förderkindern haben wir große Probleme, gerade dort gibt es besonderen Personalbedarf."

Bertelsmann-Experten fordern Bremen zum Handeln auf

"Der Personalschlüssel, wie ihn die Bertelsmann-Stiftung berechnet, lässt ohne Berücksichtigung weiterer Aspekte keine Rückschlüsse auf die Qualität der Personalausstattung in Bremer Kitas zu", stellt auch Ursula Carle klar. Die Bremer Erziehungswissenschaftlerin ist Uni-Professorin im Ruhestand und auf frühkindliche Bildung spezialisiert. Um die Qualität der Kitas beurteilen zu können, müsse man genau hinsehen, was dort geleistet werden müsse, sagt Carle: Wie viele Kinder wachsen in Armut auf? Wie viele Kinder haben besonderen Förderbedarf? Wie viele müssen noch gewickelt werden? Die Ausgangslage in Bremen benennt auch die Studie: Fast jedes zweite Kind unter sechs Jahren hat hier Migrationshintergrund, jedes dritte Kind kommt aus einer Familie, die Sozialleistungen bezieht.

Klar ist: Trotz der guten Bewertung für den Personalschlüssel im kleinsten Bundesland fordern die Bertelsmann-Experten Bremen zum Handeln auf: "Das Wichtigste ist, nun die große Lücke bei Kita-Plätzen schnell zu schließen, dabei aber nicht die Qualität in der Betreuung zu verschlechtern", sagt Stein. "Es wäre fatal, jetzt auf Quantität zu setzen und dabei die Standards der Betreuung zu senken."

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