Immer weniger Eltern auf Zeit in Bremen

Kinder in Gefahr: Übergangspflegestellen sollen attraktiver werden

In Bremen gibt es immer weniger Familien, die Minderjährige aus Notlagen aufnehmen. Deswegen sollen Übergangspflegestellen attraktiver und an Erwerbsstrukturen angepasst werden.
09.10.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Kinder in Gefahr: Übergangspflegestellen sollen attraktiver werden
Von Pascal Faltermann
Kinder in Gefahr: Übergangspflegestellen sollen attraktiver werden

Wenn ein Kind bei seinen Eltern nicht mehr sicher ist, kann es in eine Übergangspflegestelle vermittelt werden.

Christian Charisius /dpa

Es gibt diese Fälle. Wenn durch Gewalt, Missbrauch, Drogen oder Alkohol die Gefahr droht, dass Minderjährige in ihren Familien verwahrlosen oder Misshandlungen erleben. Es gibt diese Situationen, in denen das körperliche, geistige oder seelische Wohl eines Kindes gefährdet ist. In solchen akuten Krisensituationen können Mitarbeiter des Jugendamtes Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren zu ihrem eigenen Schutz in Obhut nehmen.

Dann werden sie temporär in Einrichtungen der stationären Jugendhilfe oder bei einer Übergangspflegestelle untergebracht, also bei Paaren, Familien oder Singles. Für viele Experten ist das die beste Unterbringung, gerade für Kleinkinder. Doch von diesen Stellen gibt es immer weniger. „In den vergangenen Jahren ist ein kontinuierlicher Rückgang der Übergangspflegestellen festzustellen“, sagt Birgitt Pfeiffer, Sozial- und Familienpolitikerin der SPD. Das habe Gründe und müsse sich ändern.

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Aus ganz eigenen Motivationen und Erfahrungen nehmen zwei Bremerinnen seit 16 und 21 Jahren Kinder in einer solchen Übergangspflegestelle auf. Sie begleiten die noch nicht volljährigen Menschen für eine befristete Zeit – für Tage, Wochen oder mehrere Monate. Die beiden Frauen übernehmen das Ehrenamt sozusagen als Vollzeitjob. Die eine Familienmutter hat selbst drei Kinder und bietet zwei Pflegestellen an. Ihre Mitstreiterin hat ebenfalls eine Familie mit vier erwachsenen Kindern, sie stellt zwei bis drei Stellen bereit.

Erste-Hilfe-Kurs, Führungszeugnis, gesundheitliche Eignung und ein extra vorgehaltenes Zimmer müssen vorhanden sein, um eine solche Betreuung überhaupt leisten zu können. Die Übergangspflege ist in Bremen professionell durch die Gesellschaft Pflegekinder in Bremen (PiB) organisiert. Interessierte müssen eine Grundqualifizierung mit Themen wie Nähe und Distanz, Bindungen, Konflikte oder Biografiearbeit durchlaufen, bevor sie sich bewerben können. Im Anschluss gibt es Supervision und Fortbildungen sowie Begleitung und Beratung durch PiB.

Kinder zurück in eine bessere Situation in der Herkunftsfamilie

„Betroffene Kinder sollen einen Schutzraum mit übersichtlichen und stabilen Strukturen sowie eine verlässlicher Begleitung vorfinden“, sagt die eine Pflegemutter. Für viele gebe es keine bessere Unterbringung als in einem familiären Rahmen, ergänzt die zweite Begleiterin. Ziel der Übergangspflegestelle sei es stets, die Kinder zurück in eine bessere Situation in der Herkunftsfamilie zu bekommen. Das habe oberste Priorität.

Aber auch Dauerpflegestellen, Jugend- oder Wohngruppen oder bei fast volljährigen Jugendlichen auch eine Verselbstständigung seien möglich. „Wenn ich sehe, es ist gut für das Kind, kann ich mir nichts Besseres vorstellen, als wenn sie wieder zurück in die Familien können“, sagt die Bremerin. Es müsse klar sein, dass Grenzen gewahrt würden. Die Beziehung dürfe nicht zu eng werden, es müsse ehrlich und verlässlich bleiben.

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Für die Übergangspflege gibt es einerseits einen Sachaufwand, der für Miete, Lebensmittel oder Kleidung gedacht ist. Zudem gibt es ein monatliches Pflegegeld, eine Erziehungsaufwandsentschädigung. Was die Begleiterinnen bis auf einen sehr minimalen Anteil nicht bekommen, sind komplette Beiträge für ihre Altersvorsorge. „Es ist beschämend, dass wir sozusagen in die Altersarmut entlassen werden“, sagt die Familienmutter.

Sie und ihre Kollegin fordern ein Anrechnen der Zeit auf ihre Rente, in der sie ein Kind aufgenommen haben. Einerseits würde von den Pflegefamilien weitgehend erwartet, dass der Pflegende ganz oder teilweise auf die eigene Berufstätigkeit verzichte, ohne dafür aber einen Ausgleich für fehlende Rentenansprüche zu erhalten. Heißt: Eine gesetzliche Regelung, dass bei der Unterbringung in einer Pflegefamilie auch die Alterssicherung der Pflegeperson zu übernehmen ist, gibt es nicht.

Modelle regulärer Erwerbstätigkeit ermöglichen

Das will SPD-Politikerin Birgitt Pfeiffer ändern. Sie spricht davon, dass sich die Forderungen häufen, innerhalb der Übergangspflege auch Modelle regulärer Erwerbstätigkeit zu ermöglichen. Dazu gehöre die Sozialversicherungspflicht mit angemessener Vorsorge vor Arbeitslosigkeit, Krankheit, Pflegebedürftigkeit und die finanzielle Altersvorsorge durch Beiträge zur gesetzlichen Rentenversicherung. „Wir müssen das Modell der Übergangspflegestellen in eine gute Zukunft bringen“, so Pfeiffer.

In ihrem Antrag – der am Donnerstagmittag von der Bremischen Bürgerschaft einstimmig beschlossen wurde –, fordert sie den Senat auf, Konzepte und Vergütungsleistungen in der Übergangspflege deutschlandweit in Sinne von „models of best practice“ hinsichtlich der geänderten Bedarfe der Übergangspflegestellen zu prüfen. Das Ziel lautet: die Übergangspflege soll für anbietende Familien attraktiver und an Erwerbsstrukturen angepasst werden.

Info

Zur Sache

Übergangspflege in Zahlen

2019 lebten insgesamt 188 Kinder und Jugendliche in Übergangspflege-Familien. Inobhutnahmen gibt es in Bremen insgesamt zwischen 500 und 650 pro Jahr ohne unbegleitete minderjährige Geflüchtete. Neu aufgenommen wurden 2019 insgesamt 142 Kinder und Jugendliche, die durchschnittliche Aufenthaltsdauer betrug 99 Tage (etwa drei Monate). 52,5 Prozent der Kinder waren länger als drei Monate in der Übergangspflege, die Aufenthaltsdauer variiert zwischen einem und 1138 Tagen. Ende 2019 zählte Bremen 66 Übergangspflegeplätze in 43 Stellen. Die Platzzahl sinkt seit 2016, großer Sprung von 2018 (80) auf 2019 (66); 40 Prozent der Familien wechselten in die Vollzeitpflege.

Mehr Informationen gibt es bei PiB (Pflegekinder in Bremen) im Internet unter www.pib-bremen.de, per Mail an info@pib-bremen.de oder telefonisch unter der Telefonnummer 0421/9588200.

Weitere Informationen

Die beiden im Artikel genannten Frauen wollen ihre Namen anonym halten, weil es immer wieder vorkomme, dass die Eltern nach ihrem Nachwuchs suchen. Das könne oft problematisch sein, weil die Kinder aus schwierigen Verhältnissen, aus dem Drogenumfeld oder auch aus kriminellen Clan-Strukturen kommen.

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