FFP2-Masken für Senioren in Bremen

Bovenschulte: Niemand wird leer ausgehen

Die Gratis-Ausgabe von FFP2-Masken in Apotheken startet in Bremen an diesem Freitag – Ärzte-Vertreter kritisieren die Aktion.
13.11.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Bovenschulte: Niemand wird leer ausgehen
Von Sabine Doll
Bovenschulte: Niemand wird leer ausgehen

Thomas Real, Inhaber der Raths-Apotheke am Marktplatz, befestigt Hinweisschilder für die Masken-Verteilung.

Christina Kuhaupt

Die Apotheken haben sich gerüstet: Plakate hängen an Eingangstüren, Zehnerpacks mit dem Spezial-Mundschutz sind vorbereitet. An diesem Freitag startet in den Apotheken des Landes die kostenlose Ausgabe von FFP2-Masken an Bremerinnen und Bremer, die 65 Jahre und älter sind. Auftraggeber ist der Senat, Kooperationspartner die Apothekerkammer Bremen. Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) hatte die Gratis-Abgabe bei der Sondersitzung der Bürgerschaft Ende Oktober angekündigt. Zwei Millionen Euro werden dafür zur Verfügung gestellt.

„Mit dieser Aktion wollen wir den älteren Menschen in Bremen und Bremerhaven ermöglichen, sich und andere besser zu schützen; vor allem, wenn sie mit anderen in Kontakt kommen und der erforderliche Abstand nicht eingehalten werden kann“, sagte Bovenschulte am Donnerstag in einer Video-Pressekonferenz. „Wir wissen, dass etwa 90 Prozent der Corona-Toten älter als 65 Jahre sind. Deshalb ist es auch wichtig, diese Menschen besonders zu schützen.“ Jeder von ihnen habe Anspruch auf zwei Masken pro Woche. Um die Kontakte bei der Abholung so gering wie möglich zu halten, sollen je zehn Stück pro Person als Monatsbedarf abgegeben werden. Wer mobil eingeschränkt sei, könne auch eine Vertretung schicken.

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Die Masken stammen aus dem Lager für Schutzausrüstung des Landes Bremen. In einer ersten Tranche wurden laut Bovenschulte etwa 500 000 FFP2-Masken an die 140 Apotheken geliefert. „Es besteht kein Anlass zur Sorge, dass die Bestände nicht ausreichen, Nachschub aus dem Lager ist gesichert“, betonte Klaus Scholz, Präsident der Apothekerkammer. „Es gibt also keinen Grund für einen Ansturm auf die Apotheken, auch wer später kommt, wird nicht leer ausgehen.“ Es sei nicht möglich, Masken telefonisch zu reservieren oder sie sich per Post schicken zu lassen. Es handele sich um FFP2- und KN95-Masken. Beide Modelle verfügten über die gleiche Filterleistung, bei Letzteren handele es sich lediglich um einen chinesischen Standard. Alle Masken seien auf die Verkehrsfähigkeit geprüft worden. Niemand müsse Sorge haben, minderwertige Masken zu erhalten.

Eine Ausweiskontrolle in den Apotheken ist nicht vorgesehen. Bovenschulte appellierte an Verantwortung und Solidarität der Bürger. „Das Angebot richtet sich an Menschen, die zu dieser Altersgruppe gehören und ihren Wohnsitz im Land Bremen haben, ganz klar.“ Missbrauch sei Betrug.

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Die Kassenärztliche Vereinigung Bremen (KVHB) kritisiert die Massen-Ausgabe von medizinischen FFP2-Masken: Viele Ärzte und Praxismitarbeiter machten sich Sorgen, dass die Krisenreserve des Landes Bremen aufgebracht sei, wenn sie am dringendsten benötigt werde – nämlich in der Grippesaison im Januar und Februar, sagte der KVHB-Vorsitzende Jörg Hermann. Neben den vom Land zur Verfügung gestellten Schutzmitteln seit Pandemiebeginn habe die KVHB auch eigenes Material angeschafft und an die Praxen verteilt. Es handele sich aber um weit weniger als die jetzt angekündigten Zehnerpakete pro Monat und pro Person als kostenlose Abgabe in den Apotheken, so Hermann. Das Land habe zugleich angekündigt, keine weiteren Schutzmittel an niedergelassene Ärzte ausgeben zu wollen.

„Seit Beginn der Pandemie tragen wir in den Praxen dieselben Masken mehrere Tage am Stück, weil es nicht genug davon gibt. Damit haben wir uns arrangiert. Für die Ärzte und ihre Mitarbeiter in den Praxen ist die angekündigte Verteilaktion daher sehr irritierend“, betonte KVHB-Vertreter und Kinder- und Jugendarzt Stefan Trapp. Die Kassenärztliche Vereinigung fordert, eine eiserne Reserve für „schlechte Zeiten“ zu berücksichtigen und wieder den Medizinbetrieb prioritär mit FFP2-Masken auszustatten.

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Die FDP kritisiert die Verteilung der Spezialmasken „nach dem Gießkannenprinzip“ an alle Personen über 65 Jahre statt nach sozialen Kriterien. „Familien, die mit vielen Personen auf engem Raum zusammenleben oder Menschen, die über ein geringes Einkommen verfügen, sind durch die Pandemie durch die finanzielle Mehrbelastung, zum Beispiel für Desinfektionsmittel und Schutzmasken, auf besondere Unterstützung angewiesen“, so die stellvertretende Landesvorsitzende Bettina Schiller. „Diese Menschen sollten daher zuerst Zugang zu kostenlosen Masken erhalten.“

Bovenschulte verwies auf die hohe Sterberate bei Covid-19 in der Altersgruppe ab 65 Jahre. „FFP2-Masken dienen nicht nur dem Fremdschutz, sondern bieten gegenüber anderen Masken einen effektiveren Eigenschutz.“ In einem nächsten Schritt solle darüber nachgedacht werden, wie eine Gratis-Abgabe an weitere Risikogruppen, etwa jüngere Menschen mit Vorerkrankungen, organisiert werden könne. Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke) sagte zum zeitlichen Verlauf: „Es gibt zunächst einen Zeithorizont bis Weihnachten. Wir müssen sehen, wie es läuft.“ Abhängig vom Infektionsgeschehen sei auch denkbar, dass die Aktion im Januar weitergehe.

Info

Zur Sache

FFP2-Masken per Post

Auch in Tübingen erhalten Senioren ab 65 Jahre kostenlos FFP2-Masken – diese werden aber nicht in Apotheken ausgegeben. Wie die Stadt in einer Pressemitteilung in der vergangenen Woche mitteilte, wird jeweils eine Maske per Post an die rund 15 000 Tübinger verschickt, die Geburtsjahrgang 1955 oder älter sind. Der Ältestenrat habe für die Aktion 50 000 Euro bewilligt. 45 Beschäftigte der Stadtverwaltung, darunter Auszubildende sowie Mitarbeiter aus dem Kulturbereich, hätten den Versand der Briefe vorbereitet.

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