In Zeiten von Corona

Kleingartengebiete in Bremen und der Wunsch nach einer Auszeit

Im Frühjahr kehrt das Leben in die Kleingartengebiete zurück. Doch in Zeiten von Corona tummeln sich dort mehr Menschen als sonst um diese Jahreszeit. Verbandsfunktionäre erkennen den Wunsch nach einer Auszeit.
29.03.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Kleingartengebiete in Bremen und der Wunsch nach einer Auszeit
Von Jürgen Theiner

In den Kleingartenanlagen ist auf den ersten Blick alles wie sonst um diese Jahreszeit. Die Parzellenpächter bereiten den Boden für neue Anpflanzungen vor, bringen die Laube in Schuss oder genießen ganz einfach das schöne Wetter. Frühjahr halt. Doch wen man auch fragt in den Vorständen der rund 100 Bremer Kleingartenvereine: Alle sagen, es sei viel mehr Betrieb auf den Flächen. Und sie kennen auch den Grund – Corona.

Katharina Rosenbaum ist Geschäftsführerin des Landesverbandes der Gartenfreunde, sie hat den Blick auf das große Ganze. Insgesamt 94 Prozent der Kleingärtner leben nach ihren Angaben in Mehrfamilienhäusern, etwa die Hälfte dieser Bevölkerungsgruppe hat nur vergleichsweise wenig Wohnfläche zur Verfügung. Für diese Menschen ist eine Parzelle im Grünen „schon in normalen Zeiten als Rückzugsort wichtig“, weiß Rosenbaum. Aber die Zeiten sind eben nicht normal. Durch die coronabedingten Kontaktbeschränkungen, geschlossene Geschäfte und Gaststätten spielt sich das Leben mehr als sonst in den eigenen vier Wänden ab. Und wenn der Raum dazwischen besonders eng ist, steigt das Bedürfnis nach Ausgleich.

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Gesche Ahlgrim ist in diesen Tagen fast täglich auf ihrer Scholle im Findorffer Kleingartengebiet Nürnberg e.V. anzutreffen. „Ich bin sehr dankbar, dass ich den Garten habe“, sagt das Vorstandsmitglied des Landesverbandes der Gartenfreunde in Bremen und des Kleingärtnervereins Nürnberg. Ihre Wohnung mit Balkon zum Innenhof misst nur 65 Quadratmeter. Dort jetzt durch Corona quasi festgenagelt zu sein – kein schöner Gedanke. Da ist die gärtnerische Betätigung an der frischen Luft doch ein ganz anderer Schnack. Kein Wunder, dass der Findorffer Verein zurzeit verstärkt Anfragen nach freien Parzellen verzeichnet. Viel hat die 2. Vorsitzende Dorothea Meyer allerdings nicht mehr anzubieten.

„Hauptsächlich Flächen, auf denen nichts steht oder die aus anderen Gründen kaum einer haben will.“ Die Funktionärin registriert zudem einen überdurchschnittlichen Zustrom von Spaziergängern auf den Wegen, die die Anlage durchziehen. Die Städter aus den angrenzenden Wohnquartieren suchen zumindest die Nähe zum Grün der Parzellen, wenn sie schon über keine eigene verfügen. Gut, dass die Kleingärten in Bremen grundsätzlich für die Öffentlichkeit zugänglich sind, findet Dorothea Meyer. In Niedersachsen sei das nämlich anders.

„Normalität bewahren“

Carsten Siemering ist Landesfachberater der organisierten Gartenfreunde. Bei ihm können die rund 17.000 Mitglieder Expertenrat einholen. Auch Siemering beobachtet in diesen Tagen einen Drang in die Parzellen, der über das jahreszeitlich übliche Maß hinausgeht. „Die Anspannung, die sonst über der Stadt liegt, gibt es hier nicht.“ Alle sehnten sich nach einem solchen Refugium. „In Gesprächen spüre ich ständig das Bemühen der Menschen, sich ein Stück Normalität zu bewahren und aus der Kopfigkeit rauszukommen, die die Corona-Krise mit sich gebracht hat“, berichtet Siemering.

Kleingärtner sind für ihn Leute, "die sehr bewusst durchs Leben gehen". Das zeige sich unter anderem an dem Wunsch, eigenes Obst und Gemüse herzustellen. In Zeiten von Corona komme der Gedanke der Versorgungssicherheit hinzu. Natürlich stehe Deutschland keine Hungersnot bevor, sagt Carsten Siemering, "aber machen wir uns nichts vor: Die meisten landwirtschaftlichen Produkte sind Importware. Da muss man den Lieferketten vertrauen.

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Und bei Anbau und Ernte im eigenen Land haben wir derzeit die Saisonarbeiter-Problematik. Da kann Frau Klöckner als Landwirtschaftsministerin noch so beruhigend auf die Bevölkerung einreden – eine gewisse Verunsicherung bleibt". Die Möglichkeit, auf selbst produzierte Lebensmittel zurückgreifen zu können, lindere diese unterschwellige Nervosität.

Gemüsebauer haben gut zu tun

Aktuell sind die Kleingärtner in allen Bremer Parzellengebieten sehr emsig, auch weil der milde Winter schon früh die Vegetationsphase hat einsetzen lassen. „Normalerweise geht das erst um Ostern rum richtig in die Vollen, aber in diesem Jahr hat der Gemüsebauer jetzt schon zu tun“, sagt Carsten Siemering. Die Früherbsen in die Erde zu bringen, dafür sei es zum Beispiel jetzt genau die richtige Zeit.

Katharina Rosenbaum kann sich an der Aktivität in den Kleingärten erfreuen. Sie radelt gern durch die Laubenpieperkolonien und klönt mit den Pächtern über die Hecke weg. Rund 1040 Hektar verwaltet der Landesverband der Gartenfreunde. Zum Vergleich: Das riesige Stahlwerkeareal zwischen Industriehäfen und Werderland kommt nur auf etwa 700 Hektar. Nicht nur was ihren Freizeitwert angeht, auch ökologisch sind die Kleingartenareale damit ein ziemliches Pfund. „Sie bieten einen Lebens- und Rückzugsraum für Tiere und Pflanzen, und mit ihrem gesunden Mikroklima wirken sie in den Sommermonaten der Aufheizung der Stadt entgegen“, zählt die Geschäftsführerin einige nützliche Effekte auf. Die grünen Schneisen durch die Großstadt sind aus ihrer Sicht unverzichtbar. Durch Corona werde das noch deutlicher.

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++ Dieser Artikel wurde am 30. März um 14.53 Uhr aktualisiert ++

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