Rechtsextreme Szene in Bremen In die Tonne

Seit einigen Wochen ist Sozialarbeiter Ole Völkel mit einem besonderen Auftrag unterwegs. Als "Ausstiegsberater" soll er jungen Menschen helfen, aus dem rechtsextremen Milieu aiszubrechen.
21.06.2015, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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In die Tonne
Von Christian Weth

Zwei Männer stehen im Einkaufszentrum, ohne etwas kaufen zu wollen. Sie haben den Ort gewählt, um auf neutralem Terrain zu reden. Was sie sagen, klingt banal, ist aber ernst. Es geht um Musik. Der Ältere: „Welche Bands hörst du gerne?“ Der Jüngere: „,Lanzer’, auch ,Sturmgewehr’ ist gut. Kennst du die?“ Der Andere nickt: „Die singen viel über Hass. Wen hasst du?“

Frage, Gegenfrage – es geht hin und her. Der Ältere heißt Ole Völkel und ist Sozialarbeiter. Sein Gegenüber hat in dieser Geschichte keinen Namen. Er trägt die Haare millimeterkurz und ein T-Shirt mit Hakenkreuz. Er denkt darüber nach, aus der rechten Szene auszusteigen. Und Völkel will ihm dabei helfen. Sie stehen noch am Anfang. Es ist erst ihr drittes Treffen.

Völkel ist der Neue im Team von Vaja. Die vier Buchstaben stehen für den Verein zur Förderung akzeptierender Jugendarbeit. Seit einigen Wochen ist der Sozialarbeiter mit einem besonderen Auftrag unterwegs. „Ausstiegsberater“ nennt er sich jetzt. Genauso wie Linda Sennhenn. Beide bilden eine Einheit, die es so bei Vaja noch nicht gegeben hat. Sie sollen jungen Leuten helfen, aus dem rechtsextremen Milieu auszubrechen. „Reset“ steht auf ihren Visitenkarten – wie auf Tasten elektronischer Geräte, mit denen alles auf Anfang gestellt werden kann. Nur dass die Sozialarbeiter nicht wie Apparate löschen können, was einmal war. Und der Neustart ihrer Klientel wesentlich schwieriger ist als ein Knopfdruck.

Es ist Dennis Rosenbaum, der das sagt. Er gehört zwar nicht zu „Reset“, berät aber die Berater. Sie sitzen zu dritt im Konferenzraum des Vereins. Völkel, Sennhenn und Rosenbaum. Er kennt die rechten Cliquen. Als Streetworker bei Vaja trifft er sie überall in der Stadt. Er weiß, wie groß der Druck werden kann, wenn jemand versucht, aus den Gruppen auszubrechen. Und wie gefährlich. „Dann wird gedroht, aufgelauert und per SMS immer wieder aufgefordert, sich zu melden.“ Manchmal mehr als das. Rosenbaum erzählt von einem jungen Mann, der im vergangenen Sommer auf der Diskomeile von Rechten krankenhausreif geschlagen wurde, nachdem er sich von ihnen abgewendet hatte. Auch die Berater müssen sich schützen, deshalb gibt es keine Fotos von ihnen, nicht mal auf der Internetseite des Vereins, auf der sonst alle Ansprechpartner zu sehen sind.

Angst vor dem Ausstieg. Ole Völkel schüttelt den Kopf. Nein, darüber hat er mit dem Jugendlichen, den er betreut, noch nicht gesprochen. Sie taxieren sich noch. Völkel will alles über ihn wissen, der Jugendliche alles über Völkel: Weiß der Sozialarbeiter eigentlich, wovon er spricht? Kennt er sich aus mit Rechtsextremen? Hat er eine Ahnung, wie sie ticken – und was es bedeutet, sich von ihnen abzuwenden. Völkel: „Die Aussteiger wollen ernst genommen werden, weil es ernst ist.“ Es ist wie ein Test. Besteht ihn der Sozialarbeiter, kann er den nächsten Schritt wagen. Macht er ihn zu früh, muss Völkel mit dem Schlimmsten rechnen: „Der Jugendliche bricht den Kontakt ab, bevor der Ausstieg überhaupt begonnen hat.“

Wie schnell das passieren kann, hat Linda Sennhenn schon erlebt. Sie ist länger bei Vaja als Völkel. Sie gehört zum „Reset“-Team von Anfang an: seit Sommer vergangenen Jahres, als der Bund erstmals Geld für den Aufbau einer Anlaufstelle für Aussteiger bereitstellte. Mehrere Jugendliche hat es seither gegeben, die sich einmal, manchmal mehrmals und dann nicht wieder gemeldet haben. Das droht jetzt wieder. Die Sozialarbeiterin hat den Eindruck, dass ihr der nächste Jugendliche abspringt. „Er meint es nicht ernst genug.“ Manche spielten nur mit dem Gedanken auszusteigen, schreckten aber davor zurück, ihn zu Ende zu denken. Sich neu orientieren zu müssen, falle vielen schwer.

Zwei Arten des Ausstieges gibt es. Völkel und Sennhenn – beide 30, beide ehemalige Streetworker, beide seit Jahren mit politischer Bildung betraut – spielen die Varianten haarklein in Gesprächen mit den Jugendlichen durch. Die eine Art ist hart und endet häufig mit einem Knall, die andere sanfter und leiser. Entweder die Jugendlichen sagen es den Mitgliedern der Clique direkt auf den Kopf zu, dass sie ab sofort nicht mehr kommen. Oder sie bleiben den Treffen ohne Ansage fern und erklären sich nur, wenn es Nachfragen gibt. Leicht sind beide Varianten nicht. Die Ausstiegsberater empfehlen die zweite Art. Streetworker Rosenbaum: „In der Regel ist sie ungefährlicher.“

Vaja hat bisher einen jungen Mann erfolgreich beim Ausstieg aus der rechten Szene unterstützt. Momentan betreuen Völkel und Sennhenn zwei Jugendliche. Dass die Bilanz nicht mehr Fälle aufweist, hat für die Berater mehrere Gründe. Zum einen brechen viele ab, zum anderen dauert es, bis sich jemand traut, sich von der Szene abzuwenden. Völkel spricht nicht von Monaten, sondern von Jahren, die er seinen Jugendlichen begleiten wird – immer vorausgesetzt, der bleibt bei seinem Entschluss. Linda Sennhenn nennt noch einen anderen Grund, warum die Statistik der Aussteiger nicht zwei- oder dreistellig ist: „Uns gibt es zwar schon fast ein Jahr, aber erst jetzt kommen Hilferufe oder Hinweise regelmäßig.“ So lange habe es gedauert, „Reset“ bekannt zu machen. Nicht nur bei rechten Gruppen, sondern vor allem bei denen, die mit ihnen zu tun haben: Polizei, Gerichte, Jugendhilfe, Lehrer, Eltern.

Auf sie sind die Berater angewiesen, um Kontakt zu potenziellen Aussteigern zu bekommen. Nur selten passiert es, dass sich jemand bei ihnen meldet und offen sagt, er wolle aussteigen. Fast immer sind es Dritte, die auf sie aufmerksam machen. Im Fall von Völkels Jugendlichen war es ein Familienhelfer. Er rief den Sozialarbeiter an, weil er meinte, der junge Mann könnte es leid sein, rechts zu sein. Zuerst haben sie sich zu dritt getroffen, jetzt erstmals zu zweit. Das lässt den Ausstiegsberater hoffen, zumal der Jugendliche ihn wiedersehen will. Er könnte der zweite sein, der mit Hilfe der Sozialarbeiter den Ausstieg schafft.

Dass Rechtsextremismus in Bremen allgegenwärtig ist, erlebt Streetworker Rosenbaum beinahe täglich. Zwar verzeichnet der Verfassungsschutz keinen Zuwachs bei den organisierten Gruppen, dafür bestätigt er das, was der Sozialarbeiter schon seit Langem beobachtet: „Es gibt immer mehr Sympathisanten.“ Und wie er sprechen auch die Verfassungsschützer davon, dass sich der harte Kern der rechten Szene weiter verfestigt hat und zunehmend gewalttätiger wird. Das belegt die Zahl der Straftaten. Im vergangenen Jahr ist sie von 115 auf 142 gestiegen.

Völkels Jugendlicher ist kein dumpfer Schläger. Der Sozialarbeiter nennt ihn einen hellen Kopf. Seine Vita ist so unauffällig wie die von vielen jungen Leuten, die in die rechte Szene abdriften: Keine Probleme in der Schule, keine Berührung mit der Justiz. Aus der Mittelschicht kommt er, ist 15 und hat gute Chancen, dass Abitur zu schaffen. Seine Freunde sind rechts, darum ist er es auch. Völkel: „Es geht um Anerkennung und darum, kein Außenseiter zu sein.“

Demnächst steht das vierte Treffen an. Wieder im Einkaufszentrum. Völkel will dort weitermachen, wo er beim letzten Mal aufgehört hat. Darüber sprechen, warum der Jugendliche einen Hass auf andere hat – und woher der kommt. Aus ihm selbst oder von der Clique. Es könnte der nächste Schritt auf dem Weg des Ausstiegs sein.

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