Gedenken an Kinderarzt

In Gedanken bei Professor Hess

Der von den Nazis verfolgte Kinderarzt Rudolf Hess ist in Bremen unvergessen, nicht nur weil die Kinderklinik nach dem Professor benannt ist. Auf private Initiative ist sein Grabstein restauriert worden.
15.11.2018, 13:18
Lesedauer: 3 Min
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Von Matthias Holthaus

Wo sich vor nicht allzu langer Zeit eine schwarze und undefinierbare Fläche ausbreitete, strahlt nun ein heller Sandstein. Er zeigt klar und deutlich die Namen von Else und Elisabeth Hess sowie von Professor Rudolf Hess, der lange Zeit als leitender Arzt der Kinderklinik des St.-Jürgen-Krankenhauses wirkte. Sie trägt seit 1966 seinen Namen.

Zu verdanken ist der neue Grabstein unter anderem Marlis Ebeling aus Horn-Lehe und Holger Hasenkamp aus Schwachhausen. Sie haben Geld gegeben, um den Stein professionell säubern zu lassen. „Professor Hess war unser Kinderarzt, und ich habe ihn sehr geliebt“, sagt Marlis Ebeling. „Er war ein wunderbarer Mensch. Man hatte sofort Vertrauen zu ihm. Er darf nicht vergessen werden.“ Holger Hasenkamp ergänzt: „Er hat sich sehr um das Klinikpersonal und die Kinder bemüht. Ich habe viel von Professor Hess für meine eigene Lebensbetrachtung mitgenommen.“ Auch er war Patient des Arztes und erinnert sich noch genau an die Zeit: „Er hatte eine breite Klientel. Ich bin gleich nach dem Krieg zu ihm gegangen“, erzählt der 1935 geborene Hasenkamp, „und ich war erstaunt, dass er noch ein Bild von mir in seiner Praxis hängen hatte.“ Denn schon vor dem Zweiten Weltkrieg war Hasenkamp ein Hess-Patient gewesen.

Die Mutter von Rudolf Hess war jüdischer Herkunft, und der Professor durfte, der nationalsozialistischen Logik folgend, ab 1934 aus „rassischen Gründen“ nicht mehr als städtischer Kinderarzt tätig sein. Zuvor hatte der 1886 in Worms geborene Rudolf Ludwig Emil Carl Hess in Heidelberg, Freiburg und an der Universitäts-Kinderklinik in Straßburg gewirkt. Dort wurde er 1919 ausgewiesen, es folgten Stationen in Würzburg, Frankfurt, Essen und Mannheim, bevor er 1928 die Stelle des städtischen Kinderarztes und leitenden Arztes der Kinderabteilung der Städtischen Krankenanstalt, dem heutigen Klinikum Bremen-Mitte, übernahm. Nachdem er 1934 „freigestellt“ wurde, ließ sich Hess als Kinderarzt in freier Praxis nieder. Doch ihm drohte die Inhaftierung in ein Konzentrationslager, und Rudolf Hess musste fliehen. „Unauffindbar in der Lüneburger Heide“, heißt es in der von Wilhelm Lührs herausgegebenen „Bremischen Biographie“ von 1969, bevor Hess im Mai 1945 in sein Amt zurückkehrte. Im Jahre 1955 ging er in den Ruhestand, am 25. August 1962 starb Hess und wurde auf dem Friedhof Riensberg ­begraben.

Dort ist seine Grabstelle zwischenzeitlich aufgegeben worden, und der Stein verwitterte. Flechten und schwarze Flecken hätten ihn überzogen, kann Steinmetz Frank Graup­ner berichten. „Ein sehr weicher Stein, deshalb gehen die Flechten in die Oberfläche rein. Ich habe den Stein mit einem Mittel behandelt, um die Flechten abzutöten“, sagt er. Marlis Ebeling meint: „Der Stein ist nicht spektakulär, aber er passt zu Professor Hess. Er war ein bescheidener Mensch.“

„Es wundert mich, dass kein Mensch nach dem Stein geschaut hat, wenn er schon für den Friedhofsrundgang empfohlen wird“, sagt Holger Hasenkamp. Rudolf Hess ist in der Broschüre erwähnt, die der Umweltbetrieb Bremen über den Friedhof herausgibt. In ihr werden berühmte Bremerinnen und Bremer genannt, die dort bestattet sind.

Wie eine Grabstelle auszusehen hat, sei eine Entscheidung der Familie, sagt Irma Gerken, Leiterin des Friedhofs Riensberg. „Es gibt verschiedene Vorstellungen. Jedes Grab ist individuell gestaltet, das mag man mögen oder nicht. Es ist Sache der Familie. Ein höchst privater Raum.“

Bei der Grabstätte von Professor Hess sei das Nutzungsrecht abgelaufen, doch der Umweltbetrieb Bremen habe sich entschieden, wegen der immer noch gegenwärtigen Präsenz dieses Namens den Grabstein zu erhalten. „Weil die eigentliche Grabstätte neu vergeben wurde, haben wir den Stein etwa 20 Meter entfernt aufgestellt.“ Irma Gerken stellt klar, dass die Reinigung eines solchen Grabsteins nicht von jedem vorgenommen werden kann. „Wir möchten sicherstellen, dass die Reinigung fachgerecht durchgeführt wird und dass die Materialien, die beim Säubern verwendet werden, den Stein nicht beschädigen. Wobei zu einem alten Stein auch Patina gehört und er Verwitterungsspuren aufweisen kann.“

Im Falle des Grabsteins von Professor Hess sei Holger Hasenkamp an den Steinmetz Frank Graupner und dieser wiederum an die Friedhofsverwaltung herangetreten: „Wer Interesse an einer Grabsteinpflege hat, sollte sich direkt an uns wenden“, sagt Friedhofsleiterin Irma Gerken. „Wir beraten und besprechen mit den Interessenten, welche Art von Reinigung durchgeführt werden kann. Das ist immer eine Einzelfallentscheidung und muss über die Friedhofsverwaltung laufen.“

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