Landesarchäologin Uta Halle über Ausgrabungen in Bremen-Nord und ihren Vortrag in Farge

„In Rekum war mehr los als in der Altstadt“

Uta Halle ist Abteilungsleiterin im Focke-Museum, sie hat eine Professur für Ur- und Frühgeschichte an der Universität Bremen, und sie ist obendrein außerdem die Bremer Landesarchäologin. Die 59-jährige Mutter von drei Kindern hat in Hamburg studiert und in Berlin habilitiert.
17.05.2016, 00:00
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„In Rekum war mehr los als in der Altstadt“

Landesarchäologin Uta Halle mit Urnen und Knochenreste, die vor einiger Zeit bei Ausgrabungen in Rekum gefunden wurden.

Frank Thomas Koch

Uta Halle

ist Abteilungsleiterin im Focke-Museum, sie hat eine Professur für Ur- und Frühgeschichte an der Universität Bremen, und sie ist obendrein außerdem die Bremer Landesarchäologin. Die 59-jährige Mutter von drei Kindern hat in Hamburg studiert und in Berlin habilitiert.

Wenn Sie Grabungen machen, gehen Sie dann im Kopf auf Zeitreise und sehen die Menschen hier vor 100, 1000 oder 10 000 Jahren? Wie bebildert sich eine Archäologin im Kopf die Dinge, die sie findet?

Zuerst geht es in der Archäologie darum, die archäologischen Befunde vollkommen ohne Interpretation aufzunehmen und zu dokumentieren. Erst danach fangen wir am Schreibtisch an zu überlegen: Wie hat es da ausgesehen? Welche Menschen haben da gelebt? Was ist das für eine Situation gewesen? Im Gelände draußen geht es nur darum zu dokumentieren.

Eine faszinierende Wissenschaft – Sie öffnen Tore in die Vergangenheit. Sie tragen praktisch Mosaiksteinchen zusammen.

Manchmal sagen auch Leute, die uns am Tag des offenen Denkmals besuchen: Das ist ja ein 3-D-Puzzle, das wir herstellen. Man muss das wirklich so sehen: Wir setzen die Vergangenheit eines Ortes zusammen aus den Teilen, die wir finden. Das sind Verfärbungen im Boden, Brunnen. Wir erfahren Dinge aus Objekten, die zu einer Siedlung, einem Ort gehören. Diese Indizien und Faktoren können uns dann ein Bild liefern, wie Bremen-Nord zu einer bestimmten Zeit besiedelt gewesen ist.

Sie haben ein Orakelstäbchen aus Bronze in Huchting gefunden – ein Kultgegenstand, mit dem man sich bei Lebensentscheidungen helfen ließ. Wie muss man sich den Glauben der Menschen zu der Zeit vorstellen, aus der dieser Fund stammt?

Wir wissen nicht genau, wie der Glaube dieser Menschen zu dieser Zeit ausgesehen hat. Das Orakelstäbchen ist unsere Interpretation. Damit müssen wir auch relativ vorsichtig umgehen. Wir vergleichen das mit Funden, die wir an anderen Orten hatten oder die sogar in anderen Regionen gemacht worden sind. Wir übernehmen auch Interpretationen, die dort gewonnen worden sind. Der Fund in Huchting ist durch eine geologische Sonde gemacht worden. Huchting ist eins unserer Spezialgebiete zur Zeit. Da haben wir ein Forschungsprojekt laufen, haben noch mehr gefunden und können deshalb schon ein bisschen mehr dazu sagen. Bremen-Nord ist von der geologischen Topografie ganz anders als Huchting. Huchting ist praktisch ein Sandhügel im Bremer Becken. Und Bremen-Nord ist die Geestkante, komplett anders.

Am Chaukenhügel in St. Magnus hat es ja Ausgrabungen gegeben, die eine ganz frühe Besiedlung belegen. Wie muss ich mir Bremen-Nord vorstellen, wenn ich ganz weit zurückschaue?

Man muss sich vorstellen, dass das gesamte Bremer Becken ausgesehen hat wie der Spreewald: Durchzogen von ganz vielen Altarmen der Weser. Es gab nur die Düne zwischen Achim und der Lesum und einige Sandhügel, auf denen man leben konnte. Und die Geestkante muss man sich als besiedelten Ort vorstellen – seit dem Rückgang des Eises nach der letzten Eiszeit. Die ältesten Funde aus ganz Bremen stammen von dort.

Über welche Zeit reden wir dabei? Und wie haben die Menschen damals gelebt?

Wir reden über die jüngere Steinzeit. Wir können anhand unserer archäologischen Funde sagen, dass zwischen 3700 und 3000 vor Christi Geburt dort Menschen gelebt haben. Wir haben keine Befunde, wie sie genau dort gelebt haben. Aber wir haben aus einem Nachbarbezirk, nämlich Pennigbüttel, einen Grundriss. Danach hat man ein relativ kleines Haus aus Holz gebaut. Es hatte einen kleinen Vorplatz und verjüngte sich trapezförmig nach hinten. Die Westseite war ganz schmal und nach hinten, also Osten, öffnete es sich breiter. Pennigbüttel ist 25 Kilometer von Farge entfernt. Und dort sind ähnliche Fundstücke gefunden worden, etwa vergleichbare Keramik. Deshalb können wir davon ausgehen, dass so ähnlich die Häuser auch in Bremen-Nord aussahen.

Warum ist Bremen eigentlich nicht in Bremen-Nord entstanden, wenn es schon damals so komfortabel war, hier zu wohnen?

Das ist eine der wichtigsten Fragen, die wir haben. Wir wissen nicht genau, warum die Altstadt von Bremen da entstanden ist, wo sie entstanden ist. Wir wissen, dass wir auf der Geest eine kontinuierliche Besiedlung hatten. Auf der Altstadtdüne hatten wir auch eine durchgehende Besiedlung so von 1000 vor Christus an. Aber warum sich die Altstadt dort entwickelt hat und nicht auf der Geest, das wissen wir nicht. Da hat jemand wohl gesagt: Hier machen wir ein bisschen mehr.

Hätte also irgendein Frühherrscher hier im Norden sein Kreuz auf den Boden gemalt, dann wäre Bremen hier entstanden?

Ja, vielleicht. Wir wissen, dass es auch auf der Geest mehrere Befestigungen gegeben hat. Etwa an der Lesum zwischen 800 und 1000, aber von dieser Befestigung, von der wir aus alten Urkunden wissen, haben wir noch keine einzige archäologische Spur gefunden. Das ist eine Frage, der wir noch intensiver nachgehen wollen, wenn wir mal Zeit und Geld haben. Burg Blomendal und Schloss Schönebeck sind ja noch da. Die Befestigung auf dem Burgwall in Blumenthal hat es gegeben. Es waren also kleine Adelssitze da, aber die haben sich aus der ländlichen Siedlung nicht zu einem städtischen Zentralort entwickelt. Wir haben Fundstellen in Mahndorf und in Rekum, durch die wir nachweisen konnten, dass dort im Frühmittelalter schon viel mehr los war, als in der Altstadt. Aber wir müssen einfach sagen: Wir wissen nicht, warum es mit der städtischen Besiedlung dort nicht weiter gegangen ist. In Rekum gab es große Langhäuser, und dort wie auch in Huchting sind römische Importe gefunden worden.

Es gibt in der römischen Geschichtsschreibung Schilderungen von Schiffs-Expeditionen über den Rhein in die Weser hinein. Die Menschen hier werden als Primitive beschrieben, die am Ufer in Fellen gekleidet an ihren Einbäumen kauern. Das Urteil: Die Gegend sei es nicht wert, erobert zu werden.

Na ja, das ist die Interpretation vieler Geschichtswissenschaftler: Es ist nicht wertvoll genug gewesen. Aber man kann sich auch etwas anderes vorstellen. In den vergangenen Jahren ist noch einiges mehr bekannt geworden. Die Römer haben sich hier oben länger aufgehalten. Wir sagen immer scherzhaft: Wenn die Römer bis Bremen gekommen sind, dann sind sie in Seehausen angelandet. Da konnte man die Schiffe gut an Land ziehen und nicht an der Geestkante. Das ist nämlich das andere Problem: An der Geestkante ist es schwierig mit der Hafensituation. Wir haben aber auch in Seehausen keine Hinweise auf ein römisches Marschlager gefunden. Es gibt ein paar römische Funde – auch welche aus Bremen-Nord: Aus Marßel etwa haben wir eine große „Terra-Mater-Schüssel“, die wahrscheinlich als Urne gedient hat. Aber die ist schon im vergangenen Jahrhundert ohne archäologische Begleitung gefunden worden. Das ist auch unser großes Problem in Bremen-Nord. Im Grunde gibt es wenig planmäßige Ausgrabungen und auch bei den großen Siedlungsbauprojekten in den 50er-Jahren hat man nicht immer auf die Archäologie geachtet.

Wo würden Sie denn, wenn Sie freie Wahl hätten – hier nachschauen im Boden?

Oh, da wüsste ich genau, wo ich gucken will, weil wir da schon etwas vorbereiten: Wir wollen uns mit einer zerstörungsfreien Prospektion die Bockhorner Binnendüne anschauen. Da brauchen wir die Unterstützung von Kollegen aus Hamburg, die ein Geomagnetikgerät haben und wir holen uns Unterstützung vom Alfred-Wegner-Institut in Bremerhaven. Da leihen wir uns ein Georadargerät aus. Wir wissen, dass es im Bereich der Binnendüne eine bronzezeitliche Besiedlung gegeben hat. Einige Funde deuten auch schon auf eine steinzeitliche Besiedlung hin. Wir haben inzwischen Satellitendaten des Landes Bremen, auch das wollen wir in Bremen-Nord nutzen – eben auf freien Flächen.

Sie halten am Mittwoch in der Farger Begegnungsstätte einen Vortrag. Das ist nicht weit weg vom U-Boot-Bunker „Valentin“ und tatsächlich haben Sie auch am Bunker gearbeitet. Was haben Sie als Archäologin eigentlich mit dem Bunkerbau zu tun? Der ist ja noch nicht lange her.

Wir haben inzwischen viel mit Bunkerbauten zu tun und haben beim Bunker Valentin viel gemacht. Das hängt damit zusammen, dass wir über das Landesdenkmalschutzgesetz in unserer Arbeit keine zeitliche Begrenzung haben. Wir dokumentieren alles bis gestern. Am Bunker Valentin haben uns die dortigen Wissenschaftler vor der Einrichtung des Denkortes gesagt, dass sie gerne einen Rundweg machen würden und eine der Betonmischanlagen wieder sichtbar machen wollten. Und ich habe gesagt: Gut, das geht, aber nur, wenn wir es archäologisch begleiten. Wir haben dort drei Grabungskampagnen durchgeführt.

Das Interview führte Volker Kölling

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Uta Halle hält am Mittwoch, 18. Mai, ab 15 Uhr einen Vortrag in der Farger Awo-Begegnungsstätte, Farger Straße 136. Anmeldungen werden erbeten unter Telefon 04 21 / 79 02 57.

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