Nordbremer Nachtwanderer

In roten Westen durch die Nacht

Rote Westen, auf dem Rücken ist das Wort "Nachtwanderer" aufgedruckt: So zieht eine Gruppe Erwachsener an Wochenenden nachts durch Bremen-Nord. Um Ansprechpartner für Jugendliche zu sein - wenn es Probleme gibt.
05.10.2016, 00:00
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Von Ulrike Schumacher
In roten Westen durch die Nacht

Sprechen vor der Grohner Düne die Route für diese Nacht ab: Marianne Berger, Lasse Berger, Mustafa Al Mustafa, Karin Sfar und Gernot Schmidt (von links).

Christian Kosak

Rote Westen, auf dem Rücken ist das Wort "Nachtwanderer" aufgedruckt: So zieht eine Gruppe Erwachsener an Wochenenden nachts durch Bremen-Nord. Um Ansprechpartner für Jugendliche zu sein - wenn es Probleme gibt.

Projekt gibt es seit zwölf Jahren

Die Gruppe ist in Bremen-Nord bekannt. Das soll sich gleich wieder zeigen. Im Bewohnertreff Dünenwind in der Grohner Düne streifen sich Marianne Berger, ihr Mann Lasse Berger, Gernot Schmidt, Karin Sfar und Mustafa Al Mustafa die roten Westen über, auf deren Rücken das Wort „Nachtwanderer“ aufgedruckt ist. Seit zwölf Jahren gibt es das Projekt in Bremen-Nord, bei dem sich ehrenamtlich engagierte Männer und Frauen an den Wochenendnächten auf Straßen, Plätzen und in Bussen zeigen, um Jugendlichen Ansprechpartner zu sein, wenn es Probleme gibt.

„Sie sollen gut durch die Nacht kommen“, sagt Lasse Berger. Dafür treffen sich an den Wochenenden mindestens vier der 25 Ehrenamtlichen. Im Bewohnertreff stecken sie die Route ab. „Im Freizi ist heute Disco“, hat Lasse Berger gehört. Da müssen sie vorbeischauen. Auch der Stadtgarten ist ein Ziel. Es ist Vegesacker Markt, da kann auf den Wiesen an der Weser schon mal mehr los sein als sonst. Nicht zu vergessen die vollen Busse. „Im letzten Jahr gab es Stress im Bus“, erinnert sich Lasse Berger.

Karten mit Telefonnummern

Zeit zu gehen. Die Nachtwanderer packen Taschenlampen ein, jeder nimmt sich eine Handvoll Karten, auf denen wichtige Telefonnummern abgedruckt sind: vom Notruf für Jugendliche, von der Sucht- und Drogenhilfe, vom Mädchen-Notruf, vom Jungenbüro und von der Notunterkunft für Jugendliche, die Nummer der Polizei und die für den Notarzt. Wenn nötig, geben sie die Kärtchen an Jugendliche weiter. Es ist zehn Uhr abends, als die Gruppe den Bewohnertreff verlässt. Wenige Schritte später der erste Halt. Auf den Steintreppen am Haven Höövt hocken Jugendliche und rauchen Wasserpfeife. „Das sind Nachtwanderer“, erklärt einer seinen Freunden. „Du kannst mit denen spazieren gehen.“ Ob sie auch mal rauchen wollen, fragen die jungen Leute. Kopfschütteln. Rauchen wollen die Nachtwanderer nicht, aber ein bisschen schnacken, bevor es weitergeht in Richtung Stadtgarten. Bis Blumenthal werden sie in dieser Nacht noch kommen.

Lasse Berger und seine Frau kennen das Nachtwanderer-Projekt als erfolgreiche Initiative aus Schweden. Als sie es in Bremen-Nord auf die Beine stellten, waren sie bundesweit die Ersten, erzählt Karin Sfar. „Ein Vorbild für ganz Deutschland.“ Rund 40 Nachtwanderer-Initiativen seien daraufhin zwischen Nordseeküste und Alpen entstanden. Die einzelnen Gruppen sind über Bundesländergrenzen hinweg in Kontakt und sprechen über ihre Erfahrungen.

„Damals gab es hier viel Unruhe“, erinnert sich Lasse Berger an den Beginn des Projektes. „Die Jugendlichen waren ein Thema.“ Nicht unbedingt ein rühmliches. Komasaufen, Streitereien im Stadtgarten und auf dem Bahnhofsvorplatz, Abziehen auf dem Weg zur Diskothek Arena – das waren die Probleme, mit denen Bremen-Nord zu tun hatte. „Alle forderten mehr Polizei und mehr Sozialarbeiter.“ Die Nachtwanderer waren aber davon überzeugt, dass es darum gehe, Zivilcourage zu zeigen. Ganz sicher waren sie sich anfangs nicht, ob sie schaffen würden, was sie sich vorgenommen hatten, blickt Karin Sfar zurück.

Auch die Krakeler erreicht

Marianne Berger erinnert sich, dass sie von der Reaktion der Jugendlichen positiv überrascht war. Selbst die Lautstarken hätten sie erreicht. „Man muss mit den Jugendlichen reden, um an sie heranzukommen. Man sollte nicht mit dem Finger auf sie zeigen.“ Viele Jugendliche kennen Erwachsene, die nur schimpfen und verbieten, ergänzt ihr Mann. Lehrer, Eltern, Busfahrer, Schaffner im Zug – die verkörperte Antihaltung. Nicht alle, aber manche. Lasse Berger: „Viele junge Leute erleben, dass sie negativ behandelt werden.“

Andererseits sind nicht alle Jugendlichen sanfte Lämmer. Das wissen die Nachtwanderer. Wo es Zoff gibt, wollen sie deeskalierend einwirken, erklärt Karin Sfar. Dafür lassen sie sich regelmäßig schulen. Ohne Kenntnisse in Rhetorik, Erster Hilfe und ohne Deeskalationstraining gehen die Nachtwanderer nicht auf die Straße. Oder in den Stadtgarten, wo nichts los ist an diesem Abend. Niemand, der einem begegnet. Allein würde man hier trotzdem nicht gern unterwegs sein. „Wenn die merken, dass wir in der Nähe sind, passiert nichts“, beruhigt Lasse Berger. In brenzlige Situationen seien die Nachtwanderer noch nicht gekommen. Sie würden sich auch nicht unnötig in Gefahr bringen. „Bei Schlägereien gehen wir nicht dazwischen, sondern rufen die Polizei“, sagt Marianne Berger.

Die Gruppe verlässt den Stadtgarten wieder. Karin Sfar erzählt, wie Mustafa Al Mustafa zu den Nachtwanderern gekommen ist. Sie spricht seine Sprache und dolmetscht in dieser Nacht immer mal wieder, was gesagt wird. Der 52-Jährige Syrer aus Aleppo ist seit acht Monaten in Deutschland. Er sei dankbar für die guten Erfahrungen, die er hier machen konnte, erzählt der Familienvater. Er sei dankbar für die Gastfreundschaft. „Ich möchte Deutschland etwas zurückgeben“, übersetzt Karin Sfar seine Worte, während die fünf Männer und Frauen die Treppe in Richtung Innenstadt hochlaufen. Vorbei an der Stadtkirche, an deren Ecke einem schon die Bässe aus dem Freizi entgegendröhnen.

Erleichterte Eltern

„Ihr seht ja wichtig aus mit euren roten Westen“, sagen ein paar Jugendliche, die draußen stehen. „Und ihr? Macht weiter Party?“, antwortet Gernot Schmidt, bevor die Nachtwanderer weiterziehen zum Rummel. „Kein Alkohol an Jugendliche“, mahnt dort ein Plakat am Eingang des Marktes. Das hält manche junge Besucher aber nicht davon ab, sich selbst Hochprozentiges mitzubringen. Die Nachtwanderer haben einen Blick dafür. Beim Autoscooter fällt ihnen jemand auf, der eine Flasche Wodka dabei hat – eingewickelt in ein Handtuch. Lasse Berger geht auf den jungen Mann zu, spricht mit ihm. Ein Signal. Mehr ist es nicht. Der Hinweis: „Wir kriegen mit, was du tust.“

Viele Eltern seien erleichtert zu wissen, dass die Nachtwanderer auf den Straßen sind, sagt Karin Sfar. Manche Nachtwanderer seien zu der Gruppe gestoßen, weil sie Kinder im Jugendalter haben. Manche haben sich auch wieder verabschiedet. „Wer macht ein Ehrenamt schon 13 Jahre lang?“, gibt Lasse Berger zu bedenken. Nachrücker sind deshalb bei ihnen immer willkommen, erzählen die Nachtwanderer, deren Alter zwischen 35 und 75 Jahren liegt.

Wer Interesse hat, kann sich unter der Mail-Adresse berger_lm@web.de melden, sagt Lasse Berger und steigt mit den anderen in den Bus nach Blumenthal. „Die Fahrer sind ganz froh, wenn wir dabei sind“, weiß Gernot Schmidt. Am Bahnhof Blumenthal geht‘s raus. Die frische Luft tut gut. Die Stille ist ein Kontrastprogramm zum Stimmengewirr im Bus. In Blumenthal gibt es für die Gruppe nichts zu tun. Außer ihnen ist niemand auf der Straße. „Fahren wir wieder zurück“, schlägt Lasse Berger vor. Zeit für den Heimweg. Früher waren sie bis in die frühen Morgenstunden unterwegs. Das ist in dieser Nacht nicht nötig. „Es ist ruhiger geworden in den letzten anderthalb Jahren“, erzählt Lasse Berger. Gut so.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+