Umbau der alte Partymeile "Höfe" In teure Wohnungen könnten Flüchtlinge einziehen

Auf den "Höfen" im Viertel entstehen Wohnungen für Besserverdienende. Die Arbeiten laufen und vorübergehend könnten auch Flüchtlinge dort unterkommen. Eine Idee mit Kalkül der Investoren.
06.08.2015, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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In teure Wohnungen könnten Flüchtlinge einziehen
Von Jürgen Hinrichs

Bambus auf dem Boden, woanders Parkett. Die Küchen und Bäder wie aus dem Katalog, neu und nicht von der Stange. Hohe Decken mit freigelegten Balken. Große Fenster zum Hof hinaus. Das ist Luxus, ein Wort, das Lars Behrmann heute nicht mehr verwenden würde. „Das war ein Fehler“, sagt er, „das trägt man mir immer noch nach.“

Er hatte Luxuswohnungen angekündigt, und schon war das Thema aufgerissen: Das Viertel, schon jetzt eine teure Adresse, wandelt sich mehr und mehr zu einem Quartier für Gutbetuchte. Die anderen Bewohner werden verdrängt, weil sie sich die Preise fürs Wohnen nicht mehr leisten können. Gentrifizierung! Das ist der Begriff dafür.

Lars Behrmann, 52 Jahre alt und vom Typ her einer, der es locker nimmt, baut die „Höfe“ aus, Bremens frühere Partymeile im Ostertor. Am Ende soll es dort keine Gastronomie mehr geben, sondern nur noch Wohnungen. Solche für teures Geld. Behrmann rechnet mit einer Miete von zwölf Euro für den Quadratmeter, aber erst dann, wenn das gesamte Projekt abgeschlossen ist. „Bis dahin nehmen wir rund zehn Euro.“

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Die „Höfe“, das war einmal der Treffpunkt schlechthin in Bremen. Kneipen, Clubs, Restaurants, ein Lokal neben dem anderen, und an manchen Abenden war es so brechend voll, dass es in der schmalen Gasse kaum ein Durchkommen gab. Viele Gäste aus Bremen und von außerhalb, die feiern wollten oder ein Konzert besuchen. Viel Ärger aber auch, weil die Anwohner der umliegenden Straße nachts manchmal kein Auge zumachen konnten, weil es mit dem Lärm zu arg wurde.

Die Gasse voll mit Gästen

Das ist vorbei. Zwei Clubs noch und ein kleines Restaurant, mehr ist nicht übrig geblieben. Ihnen kann wegen Sonderrechten, die in den Mietverträgen stehen, nicht ohne Weiteres gekündigt werden. Einige Jahre vielleicht noch, bis auch diese Lokale schließen. Ziel der Investoren ist jedenfalls, aus den Höfen ein reines Wohnquartier mit rund 40 Einheiten zu machen, die zwischen 80 und 100 Quadratmeter groß sind.

Behrmann hat das Ensemble von Immobilien zusammen mit seinem Geschäftspartner Jörg Becker im November bei einer Zwangsversteigerung erworben. Der vorherige Eigentümer konnte die Schulden bei den Banken nicht mehr bedienen und war in die Insolvenz gegangen. Den Zuschlag gab es vor dem Amtsgericht für glatte drei Millionen Euro. „Wir haben ordentlich Geld gespart“, sagt Behrmann, „unser Limit war eine ganze Ecke höher.“

Seit einem halben Jahr wird gebaut auf den Höfen. Die Planer und Bauarbeiter nehmen sich nach und nach jede Wohnung vor. Allen 30 Mietern ist gekündigt worden. „Wir suchen in jedem dieser Fälle aber nach einer guten Lösung“, versichert Jörg Becker. Sei es, dass jemand in der Gasse einfach eine Wohnung weiter rückt oder in einer Nebenstraße untergebracht wird, wo Behrmann und Becker ebenfalls Immobilien besitzen. „Wir haben es aber auch schon so gemacht, dass wir die eigentlich gekündigten Verträge noch einmal verlängert haben“, so die beiden Investoren. Nur mit einer Mietpartei sei man sich nicht einig geworden. Gegen sie läuft eine Räumungsklage.

Loch in der Wanne

Eine Mieterin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, bestätigt, dass verlängert wurde: „Wir dürfen bis Dezember bleiben.“ In Kauf nehmen müsse sie dafür aber viele Unannehmlichkeiten. „Dass in der Nachbarschaft gebaut wird, ist gar nicht mal das Problem“, sagt die Frau, die mit ihrem Mann und zwei Kindern auf den Höfen lebt. „Uns ärgert, dass die Arbeiten so unberechenbar sind.“ Mal links, mal rechts, mal auch so, dass die eigene Wohnung betroffen ist. „Plötzlich hatten wir ein Loch in der Badewanne, da haben die einfach durchgebohrt.“ Oder es sollte mir nichts dir nichts der Eingang verändert werden. „Da hätten wir unsere Möbel nicht mehr aus der Wohnung bekommen.“

Die Wohnung der Frau ist 85 Quadratmeter groß und nach ihren Angaben in Eigenregie sorgsam renoviert worden. Sie zahlt eine Kaltmiete von 490 Euro. „Zu dem Preis und der Größe finden wir im Viertel nichts anderes.“ Ein Problem, denn der Umzug in einen anderen Stadtteil würde für die beiden Kinder bedeuten, die Schule wechseln zu müssen. „Schön ist das alles nicht“, sagt die Mutter.

Ein Problem haben aber auch die Investoren. „Unser Konzept sieht vor, die Höfe zu schließen“, erklärt Behrmann. Verständlich, denn die Wohnungen mit den Fenstern zum Hof würden im Erdgeschoss bei Publikumsverkehr geradezu einladend wirken: „Schaut her, so leben wir.“ Freier Blick auf Sofa und Küche, weil ein Vorhang das einzige Tageslicht nehmen würde. Auf den Höfen ist Licht ein rares Gut. Die Wohnungen nach hinten zu öffnen, und es von dort hell werden zu lassen, ist aus baurechtlichen Gründen nicht möglich.

Farbkonzept für die Höfe

Genauso ist aber auch verboten, die beiden Eingänge zu den Höfen dicht zu machen. Zum großen Erstaunen der neuen Eigentümer: „Das haben wir nicht gewusst.“ Sie hätten freilich nur in den Bebauungsplan schauen müssen. „Der Plan 345 sieht für die Höfe ein Gehrecht zugunsten der Allgemeinheit vor“, erklärt ein Sprecher des Bausenators. So etwas lasse sich nicht mit einem Federstrich verändern, sofern dies denn überhaupt gewollt sei. Die zuständige Ortsamtsleitern soll bereits klar gemacht haben, dass die Höfe auf jeden Fall geöffnet bleiben müssen.

Was tun? Fraglich, ob sich die Wohnungen unter solchen Bedingungen so teuer wie geplant vermieten lassen. Die Investoren sind deswegen jetzt auf eine andere Idee gekommen und haben bei den Behörden bereits vorgefühlt: Sämtliche Wohnungen, die kompletten Höfe, als Quartier für Flüchtlinge. „In der kommenden Woche haben wir in der Angelegenheit einen Gesprächstermin“, sagt Jörg Becker. Verhandlungen mit der Sozialbehörde, die händeringend nach weiteren Unterkünften sucht. Becker und Behrmann wollen einen Gesamtmietvertrag über zehn Jahre anbieten. Danach, so die beiden, müsse man weitersehen.

Zeit gewinnen, bis in den Höfen keine Gastronomie mehr ist, nur noch Wohnungen und möglicherweise die Argumente ausgehen, die Gasse weiter als öffentlichen Weg zu deklarieren. In dieser Zeit nichts leer stehen lassen, sondern das Geld mit der Unterbringung von Flüchtlingen verdienen. Das ist das Kalkül. Die Investoren geben das offen zu. „Wir lieben dieses Projekt und werden die Höfe nie verkaufen“, beteuern sie. So idealistisch seien sie aber auch wieder nicht, um auf Einnahmen zu verzichten.

Es gibt ein Farbkonzept für die „Höfe“. Jedes Haus bekommt einen individuellen Anstrich. Warme Farben: Pinie, Jura, Lazur, Patina, Barolo, die Gestalter nennen es „American Style“. Auch architektonisch soll es so vielfältig bleiben, wie die „Höfe“ immer waren. „Eine bunte Straße“, sagt Behrmann. Möglicherweise noch bunter, als er sich das mal vorgestellt hat.

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