Autonomes Architektur Atelier informiert bei Spaziergang durch Hemelingen über die Entwicklung des Stadtteils Industrie und Wohnen nebeneinander

Oliver Hasemann und Daniel Schnier bieten seit 2006 mit dem "Autonomen Architektur Atelier" Spaziergänge zu Bremens baulichen Besonderheiten an. Sie wollen informieren, unterhalten und auch verschiedene Meinungen zu Architektur vermitteln. In diesem Jahr erkunden sie den Bremer Osten. 40 Gäste in wetterfesten Schuhen fanden sich ein, um den eingespielten Stadtkundlern in Hemelingen zu folgen.
30.08.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Edwin Platt

Oliver Hasemann und Daniel Schnier bieten seit 2006 mit dem "Autonomen Architektur Atelier" Spaziergänge zu Bremens baulichen Besonderheiten an. Sie wollen informieren, unterhalten und auch verschiedene Meinungen zu Architektur vermitteln. In diesem Jahr erkunden sie den Bremer Osten. 40 Gäste in wetterfesten Schuhen fanden sich ein, um den eingespielten Stadtkundlern in Hemelingen zu folgen.

UND KORNELIA HATTERMANN

Hemelingen. An der Sebaldsbrücker Heerstraße, wo die Linien 2 und 10 Fahrt aufnehmen, gilt es auf Schniers Bitte, den Radweg freizuhalten und zu lauschen. Es geht durch Hemelingen. Mehr zu verstehen, das lässt der Lärm von Flugzeugen, Straßenbahnen, Gelenkbussen, Lastern und Autos nicht zu.

Am Haltepunkt vor der unfertigen Mercedes-Halle steht ein Stück Mauer mit einer bronzenen Gedenktafel für Carl F. W. Borgward. 1963 in Bremen verstorben, hat er bis zum Konkurs 1961 die Firmen Borgward, Goliath und Lloyd als größte Arbeitgeber Bremens geschaffen. Dazu gehörte die Lastwagen-Sparte Büssing AG. Die hannoversche Hanomag übernahm das Sebaldsbrücker Autowerk, wurde zu Hanomag-Henschel und als solche von Daimler Benz gekauft.

Die Architektur-Stadtführer verweisen darauf, dass Hemelingen erst spät (seit 1939) zu Bremen gehörte und vorher Hannoversches Zollgebiet war (ab 1719 Kurfürstentum Hannover). Die Industrieansiedlung in Sebaldsbrück und Hemelingen hing mit der Bahnstrecke Bremen-Hannover zusammen, die seit 1847 Sebaldsbrück mit Hannover verband.

Selbst sonntags ist Baulärm aus dem Hallengerippe zu hören. Unter der Sebaldsbrücker Heerstraße geht die Gruppe zum Tor 1 des Mercedes-Werks. Daniel Schnier erzählt von Oliver Hasemanns Arbeit während seiner Studienzeit bei Mercedes und davon, dass ein Buspendelverkehr auf dem Werksgelände besteht. Die Brücke der Sebaldsbrücker Heerstraße ist entstanden, um das Mercedes Gelände nicht zu durchtrennen. 300000 Pkw verlassen jährlich das Bremer Mercedes-Werk.

Von unten sind Betonbahnen und graue Wolken zu sehen. Auf dem Brüggeweg geht es hinauf zur Bahnüberführung. Groß und breit macht sich dort das Atlas-Elektronik-Werk, das weltweit in 58 Ländern die Marine beliefert, wie Schnier und Hasemann erläutern. Geliefert würden unter anderem Sonare, Waffeneinsatz- und Minenjagdsysteme. Unter der Brücke rauscht endlos ein Containerzug hindurch.

Eduscho und St. Godehard

Die nächste Station, das Werk für Entkoffeinierung, auf Betreiben von Eduard Schopf (Eduscho) gebaut, entlässt ihre Düfte. Der weite Blick über Gleisanlagen streift auf der einen Seite Rheinmetall Defence Electronics, wo an Rüstungsgerät wie Drohnen gearbeitet wird und olivbraune Container im Hof stehen. Zur anderen Seite ragt der Turm der St.-Godehard-Kirche in den Himmel.

Auf dem Brachland neben der Wilkens-Straße sagt Daniel Schnier: "Wir stehen über dem Hemelinger Tunnel". Weitgehend im Krieg zerbombt, mussten restliche Industriebauten dem Tunnelbau weichen. Oliver Hasemann: "Hier wurde erst alles aufgegraben, der Tunnel reingelegt und wieder zugeschüttet." Das war die billigste Möglichkeit, den Tunnel zu verwirklichen. Der Erdboden ist von den alten Industrieanlagen kontaminiert. Erdhügeln vom Tunnelbau schreibt man Schallschutz zu und lässt sie liegen.

Stadtteilpark auf der Brache

Ein Bebauungsplan für Privathäuser auf der Brache scheiterte. Nach zehn Jahren zieren lediglich eine angebrannte Skulptur vom Mitmachfestival "Allerort" vom Sommer 2011 und eine Holzhütte mit Bank und einigen Blumen das Gelände. Ein Teil des Geländes soll zu einem Stadtteilpark als Ort für Spiel und Begegnung werden. Das Bauschild der Behörde steht schon.

Vor dem Kubiko (Kultur-, Bildungs- und Kommunikationszentrum in der Godehardstraße 19) auf dem Parkplatz weisen Hasemann und Schnier auf die Nutzung durch das Ortsamt, die St. Petri Kinder- und Jugendhilfe und die Mal-Werkstatt des Bürgerhauses Hemelingen hin. Der Backsteingebäudekomplex von St. Godehard wird von Künstlern, vom "Ein Haus für unsere Freundschaft" und der Kirchengemeinde genutzt. Er steht unter Denkmalschutz.

Damit steht die Gruppe auch schon im Zentrum der ehemaligen Silberwarenmanufaktur Wilkens. Das Bürgerhaus Hemelingen war Wohnsitz von Wilkens. Hinter dem Kubiko standen Hallen des Getränkeherstellers Coca Cola, heute haben sich Filialen von Bekleidungs- und Lebensmittelketten angesiedelt.

Der verbale Ausflug der Stadtführer zur alten Hemelinger Apotheke, dessen Hof zu sehen ist, geht dann leider im Regen unter. Ganz Wetterfeste zieht es noch zu den Hallen der Fleischwarenfabrik Könecke am Sebaldsbrücker Bahnhof, wo noch bis Jahresende produziert wird. In Hemelingen liegt vieles dicht nebeneinander: Wohnhäuser neben Industrie, Rüstungsproduktion neben der Kirche und Neues neben Altem.

Der nächste Öko-Stadt-Spaziergang führt am Sonntag, 23. September, 14 Uhr, durch Sebaldsbrück. Treffpunkt ist an der Haltestelle Weserwehr. Die urbanen Spaziergänge des Autonomen Architektur-Ateliers werden vom Senator für Umwelt, Bau und Verkehr in Kooperation mit dem Verein Öko-Stadt-Bremen unterstützt.

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