Interview mit Bremer Ärztepräsidentin

„Infiziertes Klinikpersonal kann Dienst verrichten“

Können mit Corona infizierte Ärzte und Pfleger an Kliniken Dienst tun? Entsprechende Pläne des Bremer Klinikverbundes Geno haben für Wirbel gesorgt. Bremens Ärztepräsidentin Heidrun Gitter unterstützt die Geno.
20.03.2020, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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„Infiziertes Klinikpersonal kann Dienst verrichten“
Von Jürgen Theiner
„Infiziertes Klinikpersonal kann Dienst verrichten“

Nach Ansicht der Geno sollte Klinikpersonal, welches mit dem Coronavirus infiziert ist, weiterarbeiten können.

Marcel Kusch /dpa
Frau Dr. Gitter, der städtische Krankenhausverbund Geno hält den Einsatz von mit Corona infiziertem Personal im klinischen Bereich für vertretbar. Sie auch?

Heidrun Gitter: Je weiter sich die Corona-Krise zuspitzt, kann das nicht nur vertretbar, sondern sogar geboten sein. Denn natürlich werden sich früher oder später auch Geno-Beschäftigte anstecken. Wenn man dann alle Betroffenen und ihre Kontaktpersonen unter Quarantäne stellt, ist die Gesundheitsversorgung schnell lahmgelegt. Und das in einer Phase, in der wir eigentlich mehr ärztliche und pflegerische Kräfte brauchen.

Der Leiter des Uni-Laboratoriums für Virologie, Professor Andreas Dotzauer, rät vom Einsatz infizierten Personals ab.

Das ist ein guter Rat vom universitären Schreibtisch, aber perspektivisch nicht praktikabel. Aus meiner Sicht kann infiziertes Klinikpersonal, das mit Schutzkleidung und virusdichten, sogenannten FFP-2-Masken ausgestattet ist, durchaus seinen Dienst verrichten, sofern sich die Kollegen nicht krank fühlen. Das ist natürlich eine entscheidende Voraussetzung. Wer sagt: Ich bin erkrankt, der muss natürlich das Recht haben auszusetzen.

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Manchen Patienten wird bei dem Gedanken, von infiziertem Personal betreut zu werden, nicht wohl sein.

Das ist ja auch nicht der Idealzustand, aber wir haben zurzeit keine normalen Verhältnisse – übrigens nicht nur in den Kliniken, sondern auch in den Arztpraxen. Die Zahl der Infizierten steigt bundesweit drastisch an. Da müssen wir uns Gedanken machen, wie das Gesundheitssystem auch in einer zugespitzten Lage noch funktionsfähig gehalten werden kann. Insbesondere spräche ja nichts dagegen, dass Corona-Patienten von Corona-infiziertem Personal behandelt werden.

Gegenwärtig gibt es für die Diagnostik die beiden Corona-Ambulanzen an den Kliniken Mitte und Ost. Dorthin werden die Verdachtsfälle von den Hausärzten geschickt. Hat sich diese Struktur bewährt?

Es gibt ein paar Irrläufer im System, denn manche Hausärzte überweisen auch solche Personen in die Ambulanzen, die zwar Corona-Symptome aufweisen, bei denen aber kein Kontaktrisiko mit Infizierten bestanden hat. Voraussetzung ist gegenwärtig aber beides. Die niedergelassen Kollegen sollten möglichst ressourcenschonend an die Ambulanzen überweisen, das ist mein Appell. Im Großen und Ganzen funktioniert die vorhandene Struktur aber nach meiner Einschätzung.

Was kann die Ärztekammer tun? Versuchen Sie, pensionierte Kollegen zu reaktivieren, um so den Kliniken Verstärkung zuzuführen?

Das tun wir in der Tat. In einem ersten Schritt tragen wir gerade Adressen möglicher Ansprechpartner zusammen und prüfen Einsatzmöglichkeiten für diese erfahrenen Kollegen.

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Noch ist die Bewegungsfreiheit der Menschen nicht eingeschränkt, aber eine Ausgangssperre gilt als denkbar. Ist sie geboten?

Im Moment denke ich das nicht, wobei sich die Erkenntnisse natürlich jeden Tag ändern können. Die Schließung von Kitas, Schulen und Geschäften hat ja schon das Signal ausgesendet: Es ist ernst, wirklich ernst. Wenn alle solidarisch sind und von Gruppenaktivitäten absehen, brauchen wir keine Ausgangssperre. Es ist ja beispielsweise auch gesünder, im Park spazieren zu gehen, als zu Hause zu hocken. Aber wer sich draußen bewegt, sollte das eben vorsichtig tun und Abstand halten. Der Schutz der Mitbürger, insbesondere der Riskogruppen, ist das A und O.

Das Gespräch führte Jürgen Theiner.

Info

Zur Person

Heidrun Gitter (59) ist Präsidentin der Bremer Ärztekammer. Die promovierte Medizinerin arbeitet für den Klinikverbund Gesundheit Nord, ist aber beurlaubt, um ihre Verbandsfunktionen wahrnehmen zu können.

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