Gender-Rolle für Dissertation untersucht Ingenieurin: Bei Radwegen mehr an Frauen denken

Radwege werden in Bremen vor allem als Pendlerwege gestaltet, der Gender-Aspekt spiele keine Rolle. Das müsse sich ändern, um mehr Menschen aufs Rad zu bekommen, meint die Ingenieurin Katja Leyendecker.
28.01.2019, 14:06
Lesedauer: 4 Min
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Von Emma Gasster

„Wir sehen wirklich eine Zerstückelung der Gesellschaft. Das Individuelle steht dem Kommunalen gegenüber, insbesondere, wenn wir uns Verkehrssicherheitsthemen angucken“, sagt Katja Leyendecker bestimmt. Wie zur Untermalung ihrer Worte haut ein Baby, das mit seinen Eltern im Publikum sitzt, dreimal hörbar auf den hölzernen Bühnenrand. Unbeirrt führt Leyendecker fort, im Straßenverkehr gelte generell das Credo: „Jeder passt auf sich selbst auf“, aber so gehe das nicht mehr weiter. Die Diplom-Ingenieurin hat im Café Karton ihre Dissertation vorgestellt, und scharfe Kritik parat gehabt für Verkehrspolitiker, Planer und sogar einige Radfahr-Aktivisten.

Kleines, aber kompetentes Publikum

Aus den Lautsprechern im Café Karton klingt leise Reggae-Musik. Im Raum verteilt stehen Sofas, Stühle und große Wohnzimmersessel. Das Publikum ist klein, aber kompetent: Wissenschaftler von der Universität Bremen sind da, Vertreter vom Bremer ADFC, Gründer von Bürgerinitiativen und Mitglieder der Geographischen Gesellschaft Bremen, die Veranstalter ist. Vor manchen steht ein volles Bierglas, andere trinken Bio-Limonade. Alles im Karton deutet darauf hin, dass dies eine andere Art von wissenschaftlicher Vortrag werden wird.

Leyendecker ist Diplom-Ingenieurin. Sie arbeitet und forscht für ihre Dissertation in Newcastle an der Northumbria University. Das Thema lautet: „Mobilität, Politik und Aktivismus – Die Rolle von Gender in Radwege-Kampagnen in Bremen und Newcastle, UK.“ Sie vergleicht darin die Radwege der beiden Städte und untersucht, warum Radwege-Aktivistinnen mit ihren Belangen nicht ­vorankommen.

Die 45-jährige zählt sich selbst auch zur Gruppe der Radwege-Aktivistinnen hinzu. Durch ihren Vortrag zieht sich ein klarer roter Faden: Nur zu propagieren, wie toll das Fahrrad doch ist, reicht nicht, um Menschen von dem Verkehrsmittel zu überzeugen. „Wir wollen uns über den öffentlichen Raum unterhalten, wir wollen wissen, wie wir ihn besser und fairer gestalten können, sodass mehr Menschen zu Fuß und mit dem Rad unterwegs sind.“

Keine Radwege in Newcastle

Sie ist aus einem ganz bestimmten Grund auf dieses Thema gestoßen: „In Newcastle gibt es keine Radwege.“ Das sei auch der Grund für die sehr niedrige Quote von Radfahrern in der Stadt. „Radwege sind ungeheuer wichtig. Das sage ich aus Erfahrung: Bei 50 Stundenkilometern auf der Straße mit dem Rad mitzumischen macht wirklich keinen Spaß,“ sagt Leyendecker.

Im Vergleich zu Newcastle ist Bremen eine wahrhaftige Fahrradstadt: Statt nur einem Prozent beträgt der Anteil von Radfahrern am Gesamtverkehr in der Hansestadt etwa 25. Trotzdem wollte sie die beiden Städte vergleichen, weil sie bereits Aktivistinnen in Bremen kannte und auch weil die Zahlen in ganz Deutschland seit Jahren stagnieren würden. Also interviewte sie Aktivistinnen, führte ein Videotagebuch, analysierte die Verkehrsleitlinien der Städte und befragte auch Verkehrsplaner und -politiker zu dem Thema.

Frauen übernehmen Versorgungswege

Ihr Ergebnis dazu, warum Aktivistinnen schwer vorankommen, ist für beide Städte ernüchternd: „Unsere Straßen werden technisch für die Pendlerwege gestaltet, selbst wenn 80 Prozent der Wege anders zurückgelegt werden“, sagt sie. Die meisten Fahrten seien nämlich nicht zur Arbeit hin- und dann wieder zurück, sondern vielmehr Versorgungswege. Damit meint Leyendecker die Fahrt zum Supermarkt, zur Schule, zu den Großeltern und zu Freunden.

Hier kommt der Aspekt Gender ins Spiel, denn diese Aufgaben werden in Großbritannien wie in Deutschland auch hauptsächlich von Frauen übernommen. Für ihre Wege plane aber die Stadt keinen öffentlichen Raum ein. Das läge zum einen an den Technikern, also den Verkehrsplanern, schlussfolgert Leyendecker, weil sie auf Anstöße der Politik warteten. Zum anderen bei den Verkehrspolitikern, die sich hauptsächlich auf die Pendler konzentrieren würden, und nicht bereit wären, für den Radverkehr etwa Parkplätze zu opfern.

Zum Ende ihres Vortrages hin gab Leyendecker noch einmal klare Empfehlungen ab. Wenn man mehr Menschen zum Radfahren bewegen möchte, müssten mehr Radwege her, und zwar solche, die vom Autoverkehr getrennt sind. Auf dem Bordstein, oder mit anderer räumlicher Trennung, nur eine farbliche Abgrenzung reichten ihr nicht.

Schlussfolgerungen umstritten

Ob sie mit ihren Schlussfolgerungen letztendlich richtig liegt, ist umstritten. Der Bremer ADFC beispielsweise ist mit dem von Leyendecker interviewten Bremer Verkehrspolitiker auf einer Wellenlänge und in den vergangenen Jahren stark für das Radfahren auf der Fahrbahn aufgetreten.

Auch die Gründe hinter dieser Ansicht lassen sich nachvollziehen: Der Radfahrer bleibt dem Autofahrer präsent und geht nicht hinter Büschen und parkenden Fahrzeugen unter, die Baukosten sind geringer, es gibt keine Konflikte zwischen Fußgängern und dem Radverkehr. Auch seien Kreuzungen und Einmündungen so für den Radler viel sicherer zu navigieren.

„Man muss einfach gucken, was wo geht“, sagt Sven Eckert, der Geschäftsführer des Bremer ADFC. Grundsätzlich seien die geschützten Fahrstreifen toll, die auch Katja Leyen­decker präferiert, nur auf den schmalen Bremer Straßen nicht immer realisierbar. Wenn aber die Wahl besteht zwischen Radfahren auf dem Bordsteinradweg, neben den Fußgängern, und einem farblich abgegrenzten Weg auf der Fahrbahn, plädiert Sven Eckert für Letzteres.

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