Soziale Träger schlagen neue Strategie vor

Initiative für auffällige Jugendliche

Wie geht Bremen mit der kleinen Gruppe unbegleiteter jugendlicher Flüchtlinge um, die für Ärger sorgen? Vertreter von Jugendhilfe, Polizei, Justiz, Drogenhilfe und Psychiatrie könnten zukünftig in Kooperationspools enger zusammen arbeiten.
27.11.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Initiative für auffällige Jugendliche
Von Sara Sundermann
Initiative für auffällige Jugendliche

Arnold Knigge.

Frank Thomas Koch

Wie geht Bremen mit der kleinen Gruppe unbegleiteter jugendlicher Flüchtlinge um, die für Ärger sorgen? Die freien Wohlfahrtsverbände melden sich jetzt zu Wort und machen einen Vorschlag: Sie wollen sogenannte Kooperationspools einrichten, bei denen Vertreter von Jugendhilfe, Polizei, Justiz, Drogenhilfe und Psychiatrie zusammenkommen und beraten, was zu tun ist, wenn ein Jugendlicher auffällig wird.

Außerdem müsse die Straßensozialarbeit verstärkt werden, um diese Gruppe zu erreichen. Polizeipräsident Lutz Müller befürwortet die Einrichtung von Kooperationspools und bezeichnet individuelle Fallkonferenzen als „vernünftigen Ansatz“.

Die rot-grüne Landesregierung hat sich im Koalitionsvertrag vorgenommen, eine „fakultativ geschlossene Einrichtung“ zu schaffen – für Jugendliche, bei denen alles andere nicht greift. Eine Einrichtung, in der zusätzlich zu pädagogischen Hilfen auch Einsperren möglich sein soll. Doch eine solche Einrichtung gibt es noch nicht. Sie ist in der Koalition umstritten und wird bei den Grünen und auch innerhalb der SPD kontrovers diskutiert (wir berichteten).

„Entscheidend ist nicht, was im Koalitionsvertrag steht – entscheidend ist, dass das Problem gelöst wird“, sagt jetzt Arnold Knigge von der Landesarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege (LAG). Es sei ein Fehler gewesen, dass der frühere Bürgermeister Jens Böhrnsen bereits im Februar die Vorgabe gemacht habe, dass eine geschlossene Unterbringung kommen müsse. „Damit wurde die fachliche Diskussion abgewürgt.“ Das „Warten auf eine große Lösung“ bringe nun nicht weiter.

Die Bremer Wohlfahrtsverbände lehnen eine geschlossene Jugendhilfeeinrichtung ab. „Wir wollen alles tun, um geschlossene Unterbringung zu vermeiden“, so Knigge. Jetzt wollen sich die Träger offenbar für Alternativen stärker einbringen: „Wir wollen uns nicht der Pflicht entziehen, bei der intensivpädagogischen Betreuung müssen wir nachlegen.“ Die Frage, welcher Träger die Arbeit mit diesen Jugendlichen übernehmen könnte, beantwortet Knigge noch nicht: „Darüber sind wir im Gespräch.“

Es solle nun – ähnlich wie in Hamburg – ein Kooperationspool mit Sozialpädagogen, Polizisten, Suchtexperten und Psychiatern und Justizvertretern gebildet werden, fordert Knigge. Auch Hamburg versucht seit Längerem vergeblich, eine geschlossene Einrichtung für verhaltensauffällige Jugendliche aufzubauen. Unterdessen hat der Paritätische dort für diese Jugendlichen eine Koordinierungsstelle entwickelt. Diese könnte der LAG zufolge Bremen als Vorbild dienen.

„Sobald ein Jugendlicher von der Polizei aufgegriffen wird, sollte eine kleine Gruppe entscheidungsbefugter Vertreter zusammenkommen, möglichst noch innerhalb von 24 bis 48 Stunden“, so Knigge. Diese Gruppe solle dann gemeinsam eine individuelle Lösung für den Jugendlichen erarbeiten. Das könne bedeuten, ihm rund um die Uhr einen Sozialpädagogen zur Seite zu stellen. Das könne eine Entzugstherapie sein, aber auch Jugendarrest „als Warnschuss“: „Wir brauchen ein fachliches Konzept, das verschiedene Instrumente umfasst.“

Über diesen Ansatz haben Knigge und Polizeipräsident Lutz Müller gesprochen. „Ich begrüße alles, was uns in die Lage versetzt, mit diesen Jugendlichen umzugehen“, sagt Müller. „Wir müssen schnell zu einer pragmatischen und geeigneten Lösung kommen.“ Es sei ein vernünftiger Ansatz, dass sich Fachleute verschiedener Stellen zu individuellen Fallkonferenzen zusammensetzen. „Wir wollen gerne als Polizei unsere Expertise einbringen“, so Müller. „Es ist aber wichtig, dass das, was in einer solchen Runde besprochen würde, dann auch wirklich konsequent umgesetzt wird.“ So lasse sich möglicherweise vermeiden, dass man „eine geschlossene Einrichtung in großem Stil aufbauen“ müsse, sagt Müller. „Ich glaube dennoch, dass wir am Ende um eine Möglichkeit für die geschlossene Unterbringung nicht herumkommen, aber ich lasse mich auch gerne eines Besseren belehren.“ Aus derzeitiger Sicht geht er davon aus, dass Freiheitsentzug unabdingbar ist: „Ich wünsche mir, dass man beispielsweise die Möglichkeit hat, Jugendliche nach 22 Uhr festzuhalten – damit sie nicht wieder in dieses Milieu abrutschen und sich nicht mit anderen Spitzbuben am Bahnhof oder im Viertel treffen können.“

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