Sonderausstellung Inklusion im Universum

Acht Stationen hat die Ausstellung „Lieblingsräume – so vielfältig wie wir“, die seit Dezember 2016 im Universum Bremen zu sehen ist. Jeder der acht Räume steht für ein Thema unserer Gesellschaft.
27.06.2017, 21:11
Lesedauer: 4 Min
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Von Lisa Urlbauer

Die Wände sind in einem satten Dunkelblau gestrichen. An der linken Wand befindet sich ein Spind neben dem anderen. Weiße Buchstaben kennzeichnen, zu wem jeder Spind gehört. In der Mitte des Raumes stehen Werkbänke sowie die passenden Utensilien und Werkzeuge. Eben alles, was in eine Werkstatt gehört. Dazwischen: ein Rollstuhl.

Die Werkstatt, sie ist die achte Station der Sonderausstellung „Lieblingsräume – so vielfältig wie wir“, die seit Dezember 2016 im Universum Bremen zu sehen ist. Lieblingsräume, das sind die Küche oder das Wohnzimmer, aber auch die Bühne, die ­Straße oder das Internet.

50 Freiwillige

Schwerpunkt der Ausstellung ist das Thema Inklusion in verschiedenen gesellschaftlichen Teilbereichen. Entstanden ist sie in Kooperation mit dem Martinsclub Bremen und 50 Freiwilligen – mit und ohne Beeinträchtigung. Jeder der acht Räume der Ausstellung steht für ein Thema unserer Gesellschaft, das aus unterschiedlichen Perspektiven gezeigt wird.

Zum Beispiel Kulturen, Sexualität und Partnerschaft, Freizeit – oder eben Arbeit und Beruf, symbolisiert durch die Werkstatt. In Kleingruppen haben die Freiwilligen gemeinsam die Inhalte eines jeden Raumes erarbeitet. Unterstützung erfuhren sie durch die Leiterin der Ausstellung, Kerstin Haller, und den Projektleiter des Martinsclubs, Benedikt Heche.

Sehr großes Feingefühl

„Die Freiwilligen haben ein sehr großes Feingefühl für die Dinge, die das Thema Inklusion mit sich bringt“, sagt Benedikt ­Heche. So habe es zum Beispiel noch nie ein so dezidiertes Leitsystem in einer Sonderausstellung gegeben, erklärt Kerstin Haller. „Zu wissen, wo man ist, ist sehr wichtig.“

Neben der farbigen Zuordnung der einzelnen Räume gibt es zum Beispiel einen Plan der rollstuhlgerechten Ausstellung in Brailleschrift. Auch die einzelnen Mitmach-Stationen funktionieren nach einem Zwei-Wege-Prinzip: Filme haben zum Beispiel Untertitel bekommen und Texte sind auch in verständlicher Sprache verfasst.

„Es gab einen hohen Erkenntnisprozess bei den Freiwilligen und auch bei uns“, sagt Haller. „Inklusion ist viel mehr als nur eine schiefe ­Kante am Bordstein oder gemischte Schulklassen“, ergänzt Benedikt Heche. Im Rollstuhl sitzen und in einer Werkstatt arbeiten?

Grundforderung von Inklusion ist ganz klar

Das ist möglich – mit Hilfe einfacher Mittel, die in der Ausstellung ausprobiert werden können. Damit Menschen im Rollstuhl an einem Tisch arbeiten können, muss dieser unterfahrbar sein. Benötigte Arbeitsmittel auf dem Tisch sollten nicht weiter als eine Armlänge entfernt liegen und Schalter, Griffe oder Werkzeuge nicht zu hoch angebracht sein.

Frank Wichmann betreibt selbst eine Werkstatt. Der 57-Jährige ist Geigenbauer – und hat als Freiwilliger an der Umsetzung der Ausstellung mitgewirkt. Für ihn ist die Grundforderung von Inklusion eine ganz klare: Die Gesellschaft müsse sich an die individuellen Bedürfnisse des Menschen anpassen, nicht umgekehrt.

Das gelte auch für Gegenstände und Möbel – oder ­Instrumente. Diese baut Wichmann nach den persönlichen Bedürfnissen seiner Kunden um. Da wird der Hals eines Cellos verlängert, wenn der kleine Finger verkürzt ist oder die ­rechte Ecke entfernt, damit das Bein des Spielers besser Platz findet.

Unvollständige Querschnittslähmung als Diagnose

„Das Cello ist ein gutes Beispiel für ­Inklusion“, sagt Benedikt Heche. „Man muss nicht im klassischen Sinne behindert sein, um inkludiert zu werden. Inklusion ist
nicht nur der Umgang mit Behinderten, ­sondern mit den besonderen Fähigkeiten, die alle Menschen haben“, fügt Wichmann hinzu.

Mit dem Thema Inklusion hat sich Wichmann immer mal wieder beschäftigt. „Vor dreißig Jahren habe ich schon mit Rollstuhlfahrern darüber diskutiert, wie ihre Roll­stühle besser an die Bedürfnisse der Menschen angepasst werden könnten.“ Dann habe er lange Zeit keine Berührungs­punkte mit dem Thema gehabt.

„Bis zu meinem Unfall 1998. Ich habe mir beim Theater auf der Bühne das Kreuz gebrochen.“ Unvollständige Querschnittslähmung, lautet die Diagnose für den Bühnentechniker. Fast zwanzig Jahre später ist von dem Unfall augenscheinlich nichts zurückgeblieben. Rückenschmerzen und Muskelverspannungen bestimmen aber häufig immer noch Wichmanns Alltag.

"Mir macht es Freude, anderen zu helfen."

„Ich habe Momente, die fühlen sich an wie ein Kater“, sagt der Geigenbauer. „Dann bin ich schlapp, müde und kann nicht arbeiten.“ Mit seinem freiwilligen Engagement möchte Frank Wichmann etwas zurückgeben: „Es haben Leute für mich schon mehr getan, als sie hätten tun müssen. Mir macht es Freude, anderen zu helfen.“

Neben Mitmach-Stationen gibt es kurze Videos, Audiostücke und klassische Erklärexponate zum Thema Inklusion. Immer im Vordergrund: die Menschen und ihre persönlichen Erfahrungen. Vier Monate und sieben gemeinsame Treffen hat die Vorbereitungszeit mit den 50 Freiwilligen in Anspruch genommen. Nur die Themen, die die einzelnen Räume behandeln, waren vorgegeben.

Vorurteile sind im Arbeitsleben noch immer alltäglich: im Rollstuhl, zu alt, ausländische Zeugnisse, Mutter von vier Kindern. Doch jeder Mensch hat das Recht auf Arbeit. Regelmäßige Arbeit verleiht dem Leben Sinn und Struktur. Wer arbeitet, kann sich weiterentwickeln.

Bis zum 7. Januar 2018

Die Werkstatt in der Sonderausstellung zeigt einen Arbeitsplatz, der sich den individuellen Bedürfnissen der einzelnen Arbeitnehmer angepasst hat. Ganz nach dem Prinzip: In jedem Menschen steckt ein wertvolles Potenzial.

Die Sonderausstellung „Lieblingsräume“ ist noch bis zum 7. Januar 2018 im Universum Bremen zu sehen. Am Freitag, 18. August, findet eine Ausstellungsbegleitung mit Gebärdenübersetzung statt und am 15. September mit Aktiv-Hörbegleitung – jeweils um 15 Uhr. Anmeldung unter Telefon: 04 21 / 33 46-0.

Die Begleitung ist im Eintrittspreis erhalten. Das „All-Inklusive-Festival“ für Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderungen findet am Sonnabend, 9. Juli, auf dem Außengelände des Universum Bremen statt. Der Eintritt ist frei. Das Begleitprogramm gibt es im Internet unter: www.universum-bremen.de

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