Kommentar über Teilhabe

Inklusion ist ein Idealzustand

Inklusion beschreibt keinen Prozess, sondern einen gesellschaftlichen Idealzustand. Darauf weist Jochen Schlüter vom Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) in Bremen hin.
09.01.2018, 20:42
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Von Jochen Schlüter
Inklusion ist ein Idealzustand

_DSC5619.jpg

Es ist noch nicht lange her, da dachte man, Menschen mit schweren Behinderungen wären am besten in großen Anstalten untergebracht. Schon in den 1970er-Jahren stellte man fest, dass gerade diese Unterbringung bestimmte Krankheitsbilder erst hervorruft. Aber konnte man diese Großeinrichtungen auflösen und den dort untergebrachten Menschen trotzdem gerecht werden? Würde die Gesellschaft Menschen mit Behinderung in ihrer Nachbarschaft akzeptieren? Viele bezweifelten dies.

Trotzdem wurde Anfang der 1980er-Jahre in Bremen ein radikaler Wechsel eingeleitet. „Integration von Menschen mit Behinderung und von psychisch Erkrankten“ nannte man das damals.

Heute spricht man nicht mehr von Integration, sondern von Inklusion. Man „integriert“ nicht mehr, sondern „inkludiert“. Dabei hat sich in den Sprachgebrauch schon eine begriffliche Unschärfe eingeschlichen, denn „Inklusion“ beschreibt keinen Prozess, sondern einen gesellschaftlichen Idealzustand. Ein Mensch mit Behinderung ist nicht mehr oder weniger inkludiert, sondern eine Gesellschaft ist mehr oder weniger inklusiv. Das heißt, sie hat immer weniger Barrieren, nutzt das Potenzial der Verschiedenheit und ermöglicht allen Menschen Teilhabe an vielen gesellschaftlichen Prozessen. Nur: Wie ist dieses Ziel zu erreichen?

Im Jahr 2009 hat Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert und sich damit verpflichtet, Menschen mit Behinderung als gleichberechtigte Bürgerinnen und Bürger anzusehen, die ein Recht haben, an allen wesentlichen gesellschaftlichen Bereichen teilzunehmen. Davon sind nicht nur Kinder und Jugendliche betroffen (schulische Inklusion), sondern auch Erwachsene. Und zwar unabhängig von der Höhe des Unterstützungsbedarfs. Freizeit, Wohnen und Arbeiten – wie geht das inklusiv für Menschen, die einen großen Teil ihres Lebens in Sondereinrichtungen wie Wohnheimen und Tagesstätten zubringen? Vielleicht in kleinen Schritten. In Bremen geht die Tagesförderstätte für Menschen mit Behinderung des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) neue Wege. Hier wurden in den vergangenen Jahren immer mehr Arbeitstätigkeiten in den Stadtteil ausgelagert. Die Beschäftigten arbeiten nicht mehr nur in der Tonwerkstatt der Tagesförderstätte, sondern auch für eine Kirchengemeinde, einen Fahrradhändler, die Bremer Heimstiftung oder den Naturschutzbund (Nabu). Inzwischen gibt es 15 externe Arbeitsangebote. Das ist vielleicht nur ein kleiner Schritt in Richtung Inklusion und Teilhabe am Arbeitsleben für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf, aber ein Anfang.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+