Historiker Elmshäuser im Interview

"Integration dauerte lange"

Konrad Elmshäuser, Historiker und Leiter des Staatsarchiv Bremen, spricht im Interview über die Flüchtlinge und Vertriebenen nach dem zweiten Weltkrieg.
27.09.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Silke Hellwig
"Integration dauerte lange"

Konrad Elmshäuser.

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Herr Elmshäuser, wie muss man sich die Situation in Bremen kurz nach dem Zweiten Weltkrieg vorstellen, was die Lage von Flüchtlingen betrifft?

Konrad Elmshäuser: Man muss da sehr vorsichtig sein. Oft vermischt sich die eigene Erinnerung mit Gehörtem oder Angelesenem. Entweder wird die Vergangenheit dann zu einer Zeit der Bedrängnis und des Horrors oder sie wird verklärt und zum großen Miteinander. Insgesamt neigt man, glaube ich, zu einer sehr wohlwollenden Beurteilung der Integrationsleistung damals. Wenn man aber genauer hinsieht, ergibt sich oft ein anderes Bild.

Welches?

Die Flüchtlinge selbst haben oft nicht so positive Erinnerung an ihre Aufnahme in Bremen oder in der niedersächsischen Umgebung. Selbst die Kinder, die noch sehr klein waren, als ihre Familien flohen, erinnern sich noch an eine Identität als Flüchtling – weil der Prozess der Integration doch sehr lange dauerte. Bis in die 50er-, wenn nicht 60er-Jahre hatte eine Herkunft als Flüchtling einen negativen Beigeschmack. Bei manchen wurde die gesamte Kindheit auf diese Weise geprägt.

Einer der gravierenden Unterschiede zur Situation heute war, dass die Flüchtlinge in Bremen auf Menschen stießen, die meist selber nicht mehr viel hatten.

Das ist richtig. Die Flüchtlinge trafen auf Ausgebombte und sogenannte Displaced Persons, also Zwangsarbeiter und Verschleppte. Das machte es schwieriger, weil sich jeder sozusagen dazu gezwungen sah, zuerst an sich zu denken, um durchzukommen. Aber es machte die Situation auch einfacher, weil alle furchtbare Kriegserfahrungen hatten und ein Schicksal teilten. Selbst wer die Verantwortung für Flucht und Vertreibung ablehnte, wusste sehr genau, wie es dazu gekommen war. Das ist heute ganz anders: Menschen kommen aus dem grausamsten Elend in das Herz einer Wohlstandsgesellschaft. Selbst wenn weltpolitische Entscheidungen und Fehler die Flucht der Menschen auslösen, die Zusammenhänge bleiben viel abstrakter.

Wie sah es damals ganz konkret in Bremen aus?

Bremen hat sich schon sehr früh abgeschottet, indem eine Zuzugssperre verhängt wurde, schon im Juli 1945. Dafür mag es gute Gründe gegeben haben, weil Bremen beispielsweise zu 60 Prozent zerstört war. Aber es zeigt auch, dass manches im Nachhinein rosarot gefärbt wurde. Die Trecks kamen nicht nach Bremen, und die Flüchtlinge wurden auch nicht überall mit offenen Armen empfangen. Sie wurden an der Stadtgrenze zu Bremen abgewiesen und ins Umland verteilt. Oft wurden sie bei Bauern zwangseinquartiert, was selten gut ankam. Die Länder, die die meisten Flüchtlinge aufnahmen, waren Bayern, Schleswig-Holstein und Niedersachsen, weil die Fluchtwege über den Südosten oder das Meer führten. In Bremen wurden die Flüchtlinge in Notunterkünften und Barackenlagern untergebracht. In den Lagern mussten kurz zuvor oft noch Zwangsarbeiter leben, man kann sich die Zustände also vorstellen. Es kam zu Beschwerden und Unruhen. In den Behörden, das belegen diverse Dokumente, herrschte gegenüber Flüchtlingen und Vertriebenen ein sehr rauer Ton. Tenor: Die sollen sich mal nicht so anstellen.

Aber es gab in Bremen doch sicher auch mildtätige Aktivitäten, beispielsweise von den Kirchgemeinden, oder?

So weit war es damit offenbar nicht her. Die Bremische Evangelische Kirche entfaltete zwar Aktivitäten, aber erst durch Anstöße von außen, beispielsweise durch die Evangelische Kirche Deutschlands. Bald kam es auch zu Reibereien mit den Interessenvertretungen der Flüchtlinge in den kirchlichen Gremien. Das war ohnehin ein Problem: Bremens Politiker wollten vermeiden, dass sich Flüchtlinge organisierten, über ihre Fremdheit identifizierten und Parteien bildeten. Also wurde stets konsequent negiert, dass Bremen ein Flüchtlingsproblem hat.

Und die Flüchtlinge organisierten sich trotzdem.

Exakt. Das Deutsche Haus am Marktplatz mit seinem Satz „Gedenke der Brüder, die das Schicksal unserer Trennung tragen“ war lange Zeit der Sitz der Landsmannschaften. Sie hatten dort ihre Büros, im Restaurant hängen noch heute Bildkacheln mit Kirchen und Rathäusern aus ihren Herkunftsregionen im Osten. Die Vertriebenen und Flüchtlinge organisierten sich auch im Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE), aber der Einzug in die Bremische Bürgerschaft gelang dem BHE 1951 mit zwei Mandaten nur ganz knapp. 1959 trat er zum letzten Mal zur Wahl an, noch erfolgloser.

Aber die Integration ist letztlich geglückt, das kann man sagen, oder?

Ja, sicher, das ist richtig, und es stellt eine gesellschaftlich enorme Leistung dar, obgleich sich noch viele Flüchtlinge an schlimme Jahre erinnern können. Den Flüchtlingen wurde abverlangt, sich zu assimilieren, sich ganz und gar anzupassen. Die gemeinsame Sprache, Kultur und oft auch Religion haben das sicher erleichtert. Und, wie gesagt, die gemeinsame Verantwortung für die gesamte Situation in Deutschland und Europa.

Das Interview führte Silke Hellwig.

Zur Person: Konrad Elmshäuser (55) ist Historiker. Seit 1995 ist er im Staatsarchiv Bremen tätig, seit 2003 sein Leiter. Elmshäuser ist Honorarprofessor an der Universität Bremen und Vorsitzender der Historischen Gesellschaft Bremen.

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