Shirin Dezfouli aus dem Iran hat ihr Psychologiestudium noch einmal gemacht und träumt von der eigenen Praxis Integration - schwer gemacht

Ostertor·Findorff. Aus dem "Land der Arier" - so lautet die Übersetzung für Iran aus dem Persischen ins Deutsche, ist Shirin Dezfouli nach Bremen gekommen. Die jugendlich wirkende Frau wohnt am Remberti-Ring und fährt fast täglich zur Arbeit nach Findorff. Im "Seniorenzentrum am Weidedamm" kümmert sie sich seit drei Jahren um hilfebedürftige Senioren. In ihrem Geburtsland durfte sie schon seit Jahren als Psychologin arbeiten. In Deutschland ist sie wie viele andere eingewanderte Akademiker erst einmal wieder zur Uni gegangen.
08.08.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Edwin Platt

Ostertor·Findorff. Aus dem "Land der Arier" - so lautet die Übersetzung für Iran aus dem Persischen ins Deutsche, ist Shirin Dezfouli nach Bremen gekommen. Die jugendlich wirkende Frau wohnt am Remberti-Ring und fährt fast täglich zur Arbeit nach Findorff. Im "Seniorenzentrum am Weidedamm" kümmert sie sich seit drei Jahren um hilfebedürftige Senioren. In ihrem Geburtsland durfte sie schon seit Jahren als Psychologin arbeiten. In Deutschland ist sie wie viele andere eingewanderte Akademiker erst einmal wieder zur Uni gegangen.

Shirin Dezfouli hat enorm viel Energie und ist beliebt im Seniorenheim. Mit Schlaganfallpatienten, von dementen oder unter Altersdepression leidenden Menschen macht sie Gedächtnistraining, führt Einzelgespräche, sie hat für Angehörige ein offenes Ohr, plant Aktivitäten gegen das Alltagseinerlei, koordiniert Dienstpläne, und wenn ihr Zeit dafür bleibt, kümmert sie sich um Mitarbeiterschulungen.

Langer Weg

Neben ihren 30 Stunden Arbeit in der Seniorenanlage geht sie weiter ihrer Ausbildung nach. Als Psychologin und Therapeutin in Deutschland arbeiten zu dürfen, ist ihr Ziel. In der knappen Freizeit malt sie Bilder nach eigenen Fotografien, Naturmotive mit Ölfarben, singt im Chor der Musikhochschule und wirkt ehrenamtlich in der Betreuung von traumatisierten Flüchtlingen bei Refugio mit.

Während sie mit Berta Hützel und Frau Ziegler, der gerade ihr Vorname nicht über die Lippen kommt, auf der Terrasse des Seniorenzentrums rätselt, erzählt Shirin Dezfouli, dass sie in der 800000-Einwohner-Stadt Ahwas zur Schule gegangen ist und zwei Geschwister hat. Das Schulsystem im Iran ähnele dem deutschen. Fünf Jahre Grundschule, drei Jahre Aufbau zur Realschulreife, vier weitere Jahre bis zum Abitur. "Ich wollte Malerin werden", sagt Shirin Dezfouli. Davon habe ihr Vater ihr abgeraten, weil damit kein Geld zu verdienen sei. Ärztin war ihr zweiter Berufswunsch. Ärztin mit eigener Praxis. Den "iranischen Numerus clausus", der alle Abiturnoten des Landes berücksichtigt und wenige Abiturienten mit den besten Noten zum Medizinstudium zulässt, habe sie knapp verpasst. Und sie habe nicht warten wollen, bis sie als Nachrückerin eine Chance bekommen hätte. Also sei sie zu ihren Großeltern gezogen und habe Psychologie studiert, nach acht Semestern als Diplom-Psychologin ihr Studium

abgeschlossen und angefangen zu arbeiten.

Als Kind sei sie mit ihren Eltern in Europa gewesen, erzählt die gebürtige Perserin. An Spanien, Griechenland und Deutschland hat sie Erinnerungen. In Deutschland ist der Sommer längst nicht so heiß wie in ihrer Heimat Iran, wo 50 Grad erreicht werden. In Deutschland also will Shirin Dezfouli leben, und sie beginnt, an einer Hochschule Deutsch zu lernen.

Etwa 24 Jahre alt ist Shirin Dezfouli, als sie, ohne Freunde oder Angehörige in Deutschland zu haben, nach Bremen zieht. Sie baut auf ihre gute Ausbildung, frische Sprachkenntnisse und ihr Diplom. Sie möchte arbeiten, möchte sich eine Zukunft aufbauen, möchte Menschen mit Störungen helfen. Weder Studium noch Diplom werden anerkannt. Sie orientiert sich, informiert sich. Wie kann sie weiterkommen? In ihrem Beruf arbeiten?

Verzweifeln ist nicht die Art dieser zierlichen Frau aus dem Iran. Sie geht es an. Vier Semester des deutschen Psychologiestudiums werden ihr erlassen. Während im Iran anfangs alle Grundlagen studiert werden und gegen Ende des Studiums eine Spezialisierung kommt, ist es in Deutschland anders. Bereits zu Anfang legen sich die Studenten auf eine Ausprägung fest.

Während ihrer ersten drei Semester habe sie alle Prüfungen und Scheine gemacht, die sie im gesamten Studium benötigt, sagt Shirin Dezfouli. Nebenher verdiente sie sich ihren Unterhalt in Kneipen oder bei anderen Gelegenheitsjobs. Ihr Abschluss, das deutsche Diplom, wird Schwerstarbeit. Fachbegriffe und fachspezifische Ausdrucksweisen sind gefragt, die sie sich auch sprachlich erst aneignen muss.

Nach dem siebten Semester bekommt Shirin Dezfouli das deutsche Diplom. Das kostbare Papier selbst hat sie erst seit zwei Wochen. Seit 2008 ist sie als Betreuerin im Seniorenzentrum am Weidedamm neben dem Studium tätig. Dort hat man ihr Anfang des Jahres eine Anstellung als Psychologin angeboten, und sie hat die Stelle angenommen. Shirin Dezfouli hat ein Ziel erreicht. Eine eigene Praxis zu haben, liegt noch in der Ferne. Sie beginnt jetzt eine tiefenpsychologische Therapieausbildung, um mit einer Krankenhauszulassung eine Praxis eröffnen zu können. Die Therapieausbildung dauert mindestens drei Jahre. "Dafür werde ich länger brauchen, neben der Arbeit", sagt sie. Auch während sie an der Diplomarbeit schrieb, reiste Shirin Dezfouli gelegentlich in den Iran, um die Familie zu besuchen. Das will sie weiterhin tun, und das kostet Zeit, in der sie lernen könnte. Im Seniorenzentrum betreut sie 75 Patientinnen und Patienten des Pflegebereichs als Psychologin. Berufliche Perspektiven sieht sie

für sich. "3000 Iraner leben in Bremen. Die haben sprachliche Barrieren. Ich kann für sie da sein", sagt sie über die Notwendigkeit ihrer Therapieausbildung. Ihr Wunsch nach Familie steht hintenan. Ob Shirin Dezfouli irgendwann zurückgehen wird? "Es ist gut hier", sagt sie. "Man ist frei. Nichts ist zwingend. Man kann leben, wie man will. Alle sind nett zu einem, und es ist nicht so heiß."

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