Bremer Zentrum für Kinder und Erwachsene Intensiv-Therapie aus einer Hand

Seit etwas mehr als einem Jahr gibt es das Therapiezentrum für Kinder und Erwachsene in Bremen: Es bietet im Rahmen einer Studie eine neuartige Therapie für Kinder mit infantiler Cerebralparese an.
22.01.2018, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Intensiv-Therapie aus einer Hand
Von Sabine Doll

Das Autogramm von Ailton ist ganz neu. Beim Fußball-Hallenturnier Anfang Januar in Oldenburg hat der frühere Werder-Spieler auf dem grün-weißen Speichenschutz von Bjarnes Rollstuhl unterschrieben. Auch wenn Ailton heute Fußball-Rentner ist und nur noch bei Benefiz- und Promi-Spielen den Kugelblitz aus Brasilien gibt, ist Bjarne besonders stolz auf das Autogramm.

„Ich bin totaler Werder-Fan“, sagt er. Bei jedem Heimspiel – und eben auch bei Turnieren wie in Oldenburg – ist der Siebenjährige im Weserstadion dabei und feuert im „Kruse“-Trikot die Mannschaft aus seinem Rollstuhl an. „Eigentlich weiß er über jede Bundesliga-Mannschaft Bescheid“, sagt Bjarnes Mutter Andrea Jürgensen. „Und jedes Spiel, wenigstens in der Zusammenfassung, wird geguckt und kommentiert, wenn es geht. Nicht nur erste Bundesliga.“ Fußball ist Bjarnes Welt, später möchte er Torwart werden. „Und danach wahrscheinlich Trainer“, sagt der Siebenjährige.

Bjarne ist als Frühchen mit einer Hirnblutung zur Welt gekommen. Seitdem leidet er an einer sogenannten infantilen Cerebralparese, kurz ICP. Dabei handelt es sich um eine Störung des Nerven- und Muskelsystems, die durch die frühkindliche Hirnschädigung ausgelöst wird.

Je nachdem, welche Bereiche im Gehirn geschädigt sind, treten unterschiedliche Folgen auf. Am häufigsten sind Bewegungs- und Haltungsstörungen durch Muskelspannungen. Es kann aber auch zu Krampfanfällen, eingeschränkten motorischen Fähigkeiten sowie einer verlangsamten Sprachentwicklung kommen. Die betroffenen Kinder müssen so früh wie möglich mit Therapien beginnen, um Beschwerden zu lindern – und vor allem, um Mobilität und die Selbstständigkeit zu erhalten. „Bjarne ist im Grunde seit seiner Geburt in Therapie“, sagt seine Mutter.

Neuartige Therapieform nur im Bremer Zentrum möglich

Seit dem vergangenen Jahr ist Bjarne in dem neuen Therapiezentrum für Kinder und Erwachsene an der Universitätsallee in Behandlung. Das Besondere an dem Angebot beschreibt der physiotherapeutische Leiter, Marco Kürschner, so: „Wir bieten ein Therapiekonzept an, in dem Kinder und Jugendliche mit dieser Diagnose alle notwendigen Therapien aus einer Hand bekommen – und zwar in Intensivblöcken. Dazu kommt, und das ist der wesentliche Unterschied, wir bieten auch die Neuroaktive Reflextherapie, kurz NART, an.“ Diese neuartige Therapieform sei einmalig in Deutschland und nur in dem Bremer Zentrum möglich, das es seit August 2016 gibt.

Kürschner: „Es handelt sich um ein Behandlungskonzept für Kinder und Jugendliche mit frühkindlichen Hirnschäden, Verletzungen des peripheren Nervensystems, Schädel-Hirn-Traumata, spastischen Lähmungen oder schweren Skoliosen.“ Die Einzeltherapien finden in Blöcken von jeweils zehn Tagen statt. Bis zu einer Stunde und 45 Minuten – oder auch länger – werde an der Beweglichkeit der Patienten gearbeitet. Das sei deutlich intensiver und dadurch auch erfolgversprechender, so der Physiotherapeut.

„Die Behandlung besteht aus einer Kombination bewährter und ganz klassischer Methoden wie Krankengymnastik auf neurologischer Basis, mit neurologischen Massagen werden die Muskelspannung korrigiert, Spastiken gelöst, Muskelverkürzungen gelindert und die Durchblutung verbessert“, zählt der Physiotherapeut auf. „Das Rad wurde damit nicht neu erfunden, weil es sich um längst bekannte Methoden handelt, sie sind zu einem neuen intensivierten Konzept zusammengefasst.“

Dennoch müssen Patienten die Therapie selbst zahlen, weil sie vom Gemeinsamen Bundesausschuss bislang nicht anerkannt und in den Katalog von Behandlungen aufgenommen ist, deren Kosten von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden. „Das Therapiezentrum hat im vergangenen Jahr Patienten im Rahmen einer Studie aufgenommen, um die Wirksamkeit der Neuroaktiven Reflextherapie zu untersuchen und zu belegen“, sagt Carsten Roelecke. Er ist Vorstandsmitglied der Stiftung Aktion Hilfe für Kinder, die das Therapiezentrum in Bremen gegründet hat. Er hat selbst eine Tochter mit infantiler Cerebralparese. „Bislang mussten Eltern mit ihren Kindern ins Ausland fahren, um diese Intensivtherapie zu bekommen“, sagt er.

Die NART-Studie an dem Bremer Zentrum soll noch zwei Jahre laufen, neue Patienten werden wieder aufgenommen. Auch Andrea Jürgensen hofft, dass Bjarne wieder dabei sein kann. „Er hat unglaubliche Fortschritte gemacht, und das im wahrsten Sinne des Wortes“, sagt die Mutter. „Vorher konnte er nicht laufen, vielleicht mal kurz stehen, aber ansonsten war er auf den Rollstuhl angewiesen. Das hat sich komplett geändert. Bjarne steht auf und geht auf ebenen Flächen. Vorher musste er außerdem Orthesen bis zum Knie tragen, die braucht er jetzt nicht mehr.“ Im Rahmen der Studie wird die Therapie zu einem kleinen Teil aus Spenden der Stiftung finanziert.

Das Zentrum bietet neben der Studie aber auch ganz klassische und von den Krankenkassen anerkannte Therapien an – auch für Erwachsene. „Der Schwerpunkt liegt auf der Behandlung von Kindern. Das Besondere daran: Die Patienten werden vom Kindes- bis ins Erwachsenenalter behandelt“, betont Kürschner.

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