Geschwindigkeit langsamer als versprochen Ausbau des Glasfasernetzes in Niedersachsen stockt

Internet-Provider werben mit immer schnelleren Leitungen, oft kommt aber nicht das beim Verbraucher an, was der Tarif verspricht. Zudem kommt der Ausbau des Glasfasernetzes nur schleppend voran.
16.05.2020, 07:00
Lesedauer: 3 Min
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Ausbau des Glasfasernetzes in Niedersachsen stockt
Von Jean-Pierre Fellmer

Das Internet ist in Niedersachsen vielerorts deutlich langsamer als versprochen. „Beim Internetanschluss werden die Menschen in Niedersachsen von den Anbietern regelrecht übers Ohr gehauen“, sagt Sven-Christian Kindler (Grüne), Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Hannover. Nutzer sämtlicher Bandbreiten erhielten nur selten die vom Provider versprochene Kapazität. Das geht aus der Antwort des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie auf eine schriftliche Anfrage der Bundestagsfraktion der Grünen hervor, die dem WESER-KURIER exklusiv vorliegt.

„Wer zum Bäcker geht und zehn Brötchen bestellt, der bekommt zehn und zahlt auch zehn. Von dieser Selbstverständlichkeit können Verbraucherinnen und Verbraucher bei ihrer Internetverbindung nur träumen“, sagt Kindler. Im Bereich von 25 bis 50 Mbit/s stünde nur einem Viertel der Nutzer die versprochene Geschwindigkeit zur Verfügung, bei anderen Bandbreiten seien es noch weniger. Viele Nutzer könnten nicht einmal die Hälfte der versprochenen Leistung abrufen. Die Messwerte stammen aus dem Berichtsjahr 2018/2019 – teilgenommen hatten mehr als 80.000 Nutzer. Das Ministerium weist darauf hin, dass die Messung der Bandbreite von den Nutzern selbst initiiert und somit nicht zufällig sei, weshalb keine Aussagen zur Versorgungssituation getroffen werden könnten.

Distanz zum Schaltschrank entscheidend

Peer Beyersdorff, Geschäftsführer des Breitbandzentrums Niedersachsen-Bremen, erklärt den Grund für die unterschiedlichen Geschwindigkeiten: Je weiter ein Haushalt vom Schaltschrank am Straßenrand entfernt sei, desto weniger Bandbreite komme an, weil das Signal ab dem Verteiler über das Kupferkabel laufe. Je länger also die Strecke vom Kabelverzweiger zum Endkunden ist, desto stärker die Dämpfung des Signals und desto niedriger die tatsächliche Bandbreite. Wer, so Beyersdorff, mit der erbrachten Leistung nicht zufrieden sei, der könne bei der Bundesnetzagentur die Geschwindigkeit seines Anschlusses messen lassen. Bei einer zu niedrigen Leistung haben schon mehrere Gerichte geurteilt, dass dies Grund für eine außerordentliche Kündigung ist. Kindler fordert von der Bundesnetzagentur pauschalisierte Schadensersatzzahlungen für die Verbraucher, wenn die vereinbarte Leistung regelmäßig nicht erbracht werde. „Auf die Kulanz der Anbieter zu hoffen, ist zu wenig, den Rechtsweg zu bestreiten zu aufwendig“, sagt Kindler.

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Zudem hat eine Anfrage Kindlers und weiterer Abgeordneter der Grünen-Fraktion ergeben, dass der Ausbau des Glasfasernetzes in Niedersachsen nur schleppend vorankommt. In der Antwort des Bundesverkehrsministeriums heißt es, dass 2019 von knapp vier Millionen Haushalten in Niedersachsen nur 432 000 einen Glasfaseranschluss hätten. Das sind knapp elf Prozent. Die Bundesregierung hat im Koalitionsvertrag als Ziel vereinbart, in der Netzinfrastruktur zur Glasfaser zu wechseln – „in jeder Region und jeder Gemeinde, möglichst direkt bis zum Haus.“

Divergenz zwischen ländlicher und städtischer Versorgung

Das Gigabit-Netz – 1000 Mbit sind ein Gigabit – soll bis 2025 flächendeckend ausgebaut werden. Laut Bundesverkehrsministerium seien bundesweit bereits 34,1 Prozent der Haushalte mit gigabitfähigen Anschlüssen bestückt. Dennoch machten die aktuellen Zahlen eine Lücke zwischen der ländlichen und städtischen Versorgung deutlich. Der Geschäftsführer des Breitbandzentrums Niedersachsen-Bremen, Beyersdorff, erklärt, dass Geschwindigkeiten im Gigabit-Bereich auch ohne Glasfaseranschluss möglich seien – die beiden Begriffe dürfe man nicht verwechseln. Ziel der Bundesregierung ist es zudem, Schulen, Gewerbegebiete, Krankenhäuser und weitere öffentliche Institutionen an das Glasfasernetz anzubinden. Die Zahlen aus der Antwort des Bundesverkehrsministeriums zeigen aber, dass Niedersachsen von diesem Ziel weit entfernt ist.

Im Land Bremen hat Vodafone rund 293.000 Haushalte an sein eigenes Glasfaserkabelnetz angeschlossen, wie ein Sprecher dem WESER-KURIER mitteilte. Mehr als 94 Prozent der Kunden sollen so Zugang zu Anschlüssen mit Geschwindigkeiten im Gigabit-Bereich haben. Die Deutsche Telekom, das eigenen Angaben nach das größte Glasfasernetz Deutschlands hat, nennt aus wettbewerblichen Gründen keine regionalen Zahlen, so eine Sprecherin. Das Glasfasernetz des lokalen Internetanbieters LWLcom ist einem Sprecher zufolge 400 Kilometer lang, 6500 Haushalte seien daran angeschlossen.

Immerhin: Der Ausbau des Netzes in Bremen und der Region kommt voran: Am Freitag gab es mehrere Spatenstiche, bei denen der Grundstein für weitere Glasfaseranschlüsse gelegt wurde. Etwa in der Gemeinde Weyhe: Dort baut das Oldenburger Unternehmen Glasfaser Nordwest, ein Gemeinschaftsunternehmen der Deutschen Telekom und EWE, neue Anschlüsse für rund 2500 Haushalte. Außerdem wurde im Westen Achims und in Borgfeld mit den Arbeiten begonnen. Dort schafft Wesernetz gemeinsam mit der Oldenburger EWE Tel neue Anschlüsse.

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