Bremer Gerichtsvollzieher im Interview „Eine Eskalation ist nie auszuschließen“

Jörg Behrens arbeitet als Gerichtsvollzieher in Bremen-Nord. Im Interview erzählt er davon, ob er sich in seinem Beruf sicher fühlt und ob ihm wegen seiner Tätigkeit privat nachgestellt wird.
30.12.2020, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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„Eine Eskalation ist nie auszuschließen“
Von Jürgen Theiner

Herr Behrens, fühlen Sie sich bei der Ausübung Ihres Amtes noch einigermaßen sicher, oder begegnen Sie dabei zunehmender Gewaltbereitschaft?

Jörg Behrens: Grundsätzlich gibt es schon noch ein Gefühl der Sicherheit, weil man sich als Gerichtsvollzieher in seinem Bezirk auskennt und uns auch die Personen, die wir aufsuchen müssen, zum Teil bekannt sind. Allerdings nimmt der politisch motivierte Druck auf uns zu. So hat es beispielsweise schon mehrere Fälle gegeben, bei denen von linksautonomen Kräften gegen uns mobilisiert wurde und Einsätze abgebrochen werden mussten. Wir bekommen es auch zunehmend mit sogenannten Reichsbürgern zu tun. Die erkennen unseren staatlichen Auftrag nicht an, wähnen sich mit ihren eigenen vier Wänden außerhalb der Bundesrepublik Deutschland und wollen dann mit uns darüber diskutieren, dass unser Tun illegal sei. Auch das kann Stress bedeuten.

Häufen sich Fälle, in denen Ihnen wegen Ihrer beruflichen Tätigkeit privat nachgestellt wird?

Man muss darauf zumindest vorbereitet sein. Unlängst ist zum Beispiel ein Kollege bei einer Zwangsräumung fotografiert worden, das Bild tauchte wenig später auf einer linksextremen Internetseite auf. Klar, dass das auf Einschüchterung angelegt ist. Wir Gerichtsvollzieher werden von der militanten Linken in einen Topf geworfen mit bestimmten Akteuren der Immobilienwirtschaft, gegen die es ja schon häufiger Brandanschläge gegeben hat. Das hinterlässt ein mulmiges Gefühl, das einige von uns mit in den Feierabend nehmen.

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Der Senat sieht keine besondere Belastungssituation bei den Gerichtsvollziehern. Können Sie das unterschreiben?

Es ist natürlich grundsätzlich belastend, wenn man es oft mit Leuten zu tun hat, die vor den Trümmern ihrer Existenz stehen. Wir bemühen uns im Rahmen unserer Möglichkeiten zu helfen. Erst kürzlich habe ich beispielsweise im Vorfeld einer Zwangsräumung für einen Betroffenen einen Termin mit der Wohnungshilfe arrangiert. Es wurde sichergestellt, dass der Mann nicht ins Bodenlose fällt. Trotzdem weigerte er sich dann bei der Räumung, seine Wohnung zu verlassen, sodass die Polizei hinzugezogen werden musste. Man kann den Leuten in solchen Extremsituationen nur bis vor die Stirn gucken, eine Eskalation ist nie auszuschließen. Ich bekomme zunehmend Rückmeldungen von Kollegen, die sich deshalb Sorgen machen.

Das Gespräch führte Jürgen Theiner.

Info

Zur Person

Jörg Behrens (54) arbeitet als Gerichtsvollzieher in Bremen-Nord. Der Lüssumer ist Vorsitzender des Landesverbandes Bremen im Deutschen Gerichtsvollzieher-Bund (DGVB).

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