Interview mit Ex-Bürgermeister

Carsten Sieling: „Ich bin damit total im Reinen“

Vor einem Jahr wurde Carsten Sieling von seinem Amt als Bürgermeister entbunden, durch die Wahl von Andreas Bovenschulte. Im Interview schaut Sieling auf seine Amtszeit und die Zeit seit seinem Rücktritt.
15.08.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Carsten Sieling: „Ich bin damit total im Reinen“
Von Silke Hellwig
Carsten Sieling: „Ich bin damit total im Reinen“

Carsten Sieling war vier Jahre Bürgermeister in Bremen. Nach den rot-grün-roten Koalitionsverhandlungen trat er zurück.

Christina Kuhaupt
Herr Sieling, an diesem Sonnabend vor einem Jahr endete Ihre Amtszeit als Bürgermeister. Haben Sie zumindest Teile dieses Jahres mit einer Art von Aufarbeitung verbracht?

Carsten Sieling: Natürlich habe ich über viele Dinge nachgedacht. Aber ich war und bin mit meiner Entscheidung, mein Amt abzugeben, total im Reinen. Ich bin auch sehr froh, dass ich nicht den Hut genommen habe und nie wieder gesehen ward, sondern mich als Abgeordneter der Bürgerschaft weiterhin engagiere. Es handelt sich also um einen Wechsel auf demselben Terrain.

Sie nennen es einen Wechsel, andere würden möglicherweise von einem Abstieg reden.

Ich bin gewählt worden. Mir fällt kein Zacken aus der Krone, diese Wahl anzunehmen und mich als Abgeordneter im Interesse der Wähler weiter um Bremen zu kümmern. Politik macht man nicht nur in vorderster Front.

Lesen Sie auch

Haben Sie das nötig oder hat die SPD-Fraktion Ihren Sachverstand nötig?

Ich habe kein Interesse, mich mit 61 Jahren zur Ruhe zu setzen. Ich gehöre nicht zu denen, die das große Geld verdienen wollen und dafür das Gewissen zu Hause lassen, sondern möchte weiter etwas bewegen. Deshalb helfe ich bei der Ausgestaltung des Bremen-Fonds und bin stellvertretender Vorsitzender der Enquete-Kommission für Klimaschutz.

Was käme beruflich außerhalb des Parlaments denn infrage?

Zweifelhafte Beraterverträge jedenfalls nicht, ein schneller Wechsel in die Wirtschaft auch nicht.

Was viele damals nicht verstanden haben: Warum handeln Sie noch die Koalitionsvereinbarung aus, wenn Sie sie nicht mit umsetzen werden? Haben Sie noch während der Verhandlungen überlegt, ob Sie bleiben oder gehen sollen?

Mir war es wichtig, für Kontinuität und Stabilität zu sorgen. Deshalb habe ich die Sondierungsgespräche und Koalitionsverhandlungen geführt und dann den Stab an Andreas Bovenschulte übergeben. Erst war zu klären, wie Bremen weiter regiert wird, dann kamen die Personalfragen.

Mit wem haben Sie überlegt, ob Sie im Amt bleiben oder nicht?

Das war nur eine Handvoll Menschen, die engsten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in meinem Umfeld, und natürlich meine Frau. Aber auch mit Andreas Bovenschulte habe ich von Beginn an die Lage besprochen.

Andreas Bovenschulte? Er kann Sie doch nicht dazu ermuntert haben, im Amt zu bleiben, bei seinen eigenen Interessen.

Wir haben vor allem darüber geredet, wie es weitergehen kann. Seinen Ein- und Umstieg in die Bremer Politik hatten wir in den eineinhalb Jahren davor gemeinsam beraten. Nun ging es um die Frage, ob und wann ein Wechsel im Amt des Bürgermeisters Sinn macht.

Lesen Sie auch

Sie haben nie vermutet, dass er an Ihrem Stuhl sägen könnte?

Nein. Wäre das Wahlergebnis anders ausgefallen, wäre ich Bürgermeister und er wäre Fraktionsvorsitzender, und ich habe keinen Zweifel daran, dass das wunderbar funktioniert hätte.

Hat es Ihnen geschadet, dass Sie nicht ins Amt gewählt worden, sondern quasi eingesprungen sind, als Jens Böhrnsen – ebenfalls wegen eines für die SPD enttäuschenden Wahlergebnisses – zurückgetreten ist?

Diese Frage stellte sich mir nicht. Wir mussten damals mit der Situation umgehen. Aber natürlich ist es leichter, wenn man mit einem Vertrauensvorschuss aus der Bevölkerung ins Amt getragen wird. Allerdings ist das in vielen Bundesländern und auch bei vielen Bundesregierungen nicht immer der Fall gewesen.

Für den Amtsinhaber selbst wird es einen gewissen Unterschied machen.

Das ist richtig. Und hinzu trat schon knapp zwei Monate nach Amtsantritt die große Herausforderung, für Tausende Flüchtlinge Unterkunft in Bremen zu schaffen. Auch deshalb fehlte die Zeit, eigene Themen und Akzente zu setzen. Wer im Wahlkampf als Spitzenkandidat unterwegs war, hat sich bekannt gemacht. Für den, der unversehens einspringt, gilt das nicht.

Andreas Bovenschulte ist durch die Corona-Krise aber nicht weniger eingespannt, eher mehr.

Das ist wahr. Allerdings wurde die Flüchtlingspolitik, so richtig und notwendig sie war, in der Bevölkerung außerordentlich kontrovers aufgenommen, wogegen die Corona-Politik auf breite Zustimmung gestoßen ist. Bislang jedenfalls.

Obendrein mussten Sie in einer SPD-Krise Regierungsverantwortung übernehmen, wie vor einem Jahr auch Herr Bovenschulte. Sie hatten beide nicht den idealen Start eines Wahlgewinners.

In den vergangenen 20 Jahren ist die SPD, wenn Sie es so sehen, durchgehend im Krisenmodus. Wir haben aber nach wie vor den Kopf oben, in Bremen.

Lesen Sie auch

Allerdings ziemlich knapp, oder? Hand aufs Herz: Waren Sie als Bundestagsabgeordneter nicht glücklicher? Sie haben sich auf Bundesebene als Haushalts- und Finanzexperte einen Namen gemacht. Als Bürgermeister in Bremen mussten Sie sich mit schlechten Umfrageergebnissen herumschlagen.

Nein. Das kann man nicht sagen. Es sind zwei vollkommen unterschiedliche Aufgaben. Ich möchte meine Jahre als Bürgermeister nicht missen.

Sie haben allerhand einstecken müssen ...

Die Regierungszeit von 2015 bis 2019 war die schwierigste Phase der Konsolidierung. Karoline Linnert und ich wussten nicht, ob wir es wirklich hinbekommen, den Haushalt so aufzustellen, dass wir die Schuldenbremse einhalten. Wir haben es hinbekommen, aber Freunde macht man sich so nicht.

Haben Sie die schlechten Werte bei Umfragen nicht getroffen?

Das ist nicht angenehm und tropft auch nicht vollkommen an einem ab. Mich hat immer getröstet, dass ich eine ganz andere Wahrnehmung hatte, wenn ich in der Stadt unterwegs war. Ich habe viel Zuspruch von den Bürgerinnen und Bürgern bekommen, vor Ort und im Gespräch zeigte sich ein ganz anderes Bild. Vor allem aber hat meine Partei mich getragen.

Vielleicht waren Sie zu teamorientiert und harmoniebedürftig fürs Amt? Was für Sie als Mensch spricht, könnte gegen Sie als Bürgermeister gesprochen haben.

Die Aufgabe eines Bürgermeisters ist es, das Gemeinwesen, dem man vorsteht, mit den anderen Regierungsmitgliedern weiterzuentwickeln. Für Hallodri-Aktionen bin ich nicht zu haben, das stimmt. Aber deshalb geht man doch Konflikten nicht aus dem Weg. Es herrschte nicht nur eitel Sonnenschein zwischen den Grünen und der SPD.

Die momentan sehr erfolgreichen Ministerpräsidenten wie Markus Söder oder Winfried Kretschmann wissen schon, wie sie auf sich aufmerksam machen können.

Es gibt einen gewissen hanseatischen Stil, den kann man auch bei Peter Tschentscher in Hamburg oder konnte man bei seinem Vorgänger Olaf Scholz erkennen. Im Bremer Senat gilt ein Kollegialprinzip, das habe ich gelebt. Mir war das wichtig.

Zu nett fürs Amt, das finden Sie nicht treffend?

Wer sagt, dass man in einem solchen Amt arrogant und unsympathisch sein muss? Bremer Bürgermeister waren das doch alle nicht.

Lesen Sie auch

Hat man Ihnen letztlich in irgendeiner Weise unrecht getan?

Wenn das für Politiker eine Kategorie wäre, würde man es nicht lange aushalten. Es gibt Angriffe, die muss man ertragen. Anfangs muss man noch sortieren, dass die Angriffe nicht gegen einen als Person gehen, sondern gegen die Rolle, die man ausfüllt. Und ich bin stolz auf das, was wir erreicht haben: Wie wir die Zuwanderung gewuppt haben, wie wir uns wirtschaftlich und arbeitsmarktpolitisch entwickelt haben und – nicht zuletzt – dass wir den Haushalt konsolidiert und durch den neuen Finanzpakt zwischen Bund und Ländern Bremens Existenz dauerhaft gesichert haben.

Ist die Existenz der SPD auch gesichert?

Wir hatten schon bessere Zeiten . . .

... sowohl in Bremen als auch im Bund.

Alle Sozialdemokraten machen sich gewisse Gedanken, wie wir unsere Stärke zurückgewinnen können. Wir müssen als SPD schon sehr deutlich machen, wofür wir stehen. Aber ich habe keinen Zweifel daran, dass das gelingt. Im Bund hat sich bei der Nominierung von Olaf Scholz zum Kanzlerkandidaten nun doch eine erfreuliche Geschlossenheit gezeigt, und in Bremen machen Bürgermeister und Senat sehr ordentliche Arbeit.

Das Gespräch führte Silke Hellwig.

Info

Zur Person

Carsten Sieling hatte im Grunde jeden Posten inne, den ein Sozialdemokrat in Bremen inne haben kann: Er war SPD-Fraktionschef (2005 bis 2009), Bundestagsabgeordneter (2009 bis 2015), SPD-Landeschef (2004 bis 2006) und von 2015 bis 2019 Bürgermeister. Außerdem war er Mitglied des SPD-Parteivorstands.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+