Sport mit Handicap

„Ich war von Anfang an bei allem dabei“

Crisdaian Abel ist Spielerin in der Inklusions-Handballmannschaft von Werder Bremen. Im Interview erzählt sie wie es ist, in einer Mannschaft mit geistig behinderten Menschen zu spielen.
01.11.2020, 16:48
Lesedauer: 6 Min
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„Ich war von Anfang an bei allem dabei“
Von Patricia Friedek
„Ich war von Anfang an bei allem dabei“

Crisdaian Abel spielt im Inklusions-Handballteam von Werder Bremen.

Christina Kuhaupt

Frau Abel, auf welcher Position spielen Sie in der Inklusions-Handballmannschaft von Werder Bremen?

Crisdaian Abel: Ich bin Torwart.

Oh, das ist eine verantwortungsvolle Position.

Das stimmt, ich bin auch oft sehr aufgeregt. Dann klopft mein Herz, wenn ich im Tor stehe. Ich weiß noch, als ich das erste Mal auf einem Turnier war, das war ein ko­misches Gefühl. Die anderen aus der Mannschaft haben hinter mir ­gestanden, das hat mir die Angst ­genommen. Da habe ich einen ­Siebenmeter gehalten – ein super Gefühl.

Wofür sind Sie in der Mannschaft bekannt?

Ich rufe gerne mal rein und sage meiner Mannschaft, dass sie die Lücken in der Abwehr schließen sollen. Das machen sie dann meistens auch. Und ich bin eigentlich immer beim Training und bei allen Events dabei.

Haben Sie schon immer im Tor gespielt?

Am Anfang habe ich auf dem Feld gespielt, aber als wir einen zweiten Torwart brauchten, bin ich zur Unterstützung ins Tor gegangen, damit der andere Torhüter nicht alleine ist.

Und das ist so geblieben.

Genau, das hat sich nicht mehr geändert, abgesehen davon, dass ich manchmal im Spiel einen Siebenmeter werfen darf. Für uns Torhüter gibt es noch mal ein gesondertes Torwart-Training, wo wir ab und zu hinfahren. Das ist ein Training speziell für die Auswahl von Niedersachsen und Bremen.

Wie läuft eine Trainingseinheit in der Handicap-Handballmannschaft ab?

Wir haben Rituale: Wir begrüßen uns alle im Kreis, dann machen wir uns warm und danach rufen uns die Trainer zusammen. Meistens spielen wir ein Aufwärmspiel – da mag ich Fußball am liebsten! Und dann machen wir Passübungen oder Wettbewerbe, sowas wie Staffelläufe. Ich werfe gerne und spiele lange Pässe.

Haben Sie besondere Stärken?

Meine Trainer sagen, ich kann die Bälle unten gut halten. Da strecke ich das Bein aus und halte den Ball mit dem Fuß.

Gibt es auch etwas, was Ihnen Probleme macht?

Ja, meine Wutanfälle: Ich ärgere mich, wenn ich einen Ball nicht gehalten habe. Das sind meistens die oberen Bälle. Und dann haue ich erst mal auf den Hallenboden, obwohl ich den Ball schon weiterspielen müsste.

Wie lange spielen Sie schon bei Werder Bremen?

Ich bin von Anfang an dabei, seit sieben Jahren. 2013 wurde die Handicap-Mannschaft gegründet.

Wie sind Sie auf die Inklusions-Mannschaft gekommen?

Ich habe es erst bei einem Probetraining mitgemacht, das zusammen mit dem Martinshof veranstaltet wurde, und gedacht: Okay, ich versuche mal mitzumachen und schaue, ob mir das Spaß macht. Dann gab es noch ein paar Probetrainings mehr, und dann habe ich zusammen mit meiner Mutter die Anmeldeformulare ausgefüllt.

Hatten Sie denn vorher schon mal Berührungspunkte mit dem Handball?

Ich war vorher in einer Spiele-AG in meiner Werkstatt im Martinshof, dort arbeite ich in der Hauswirtschaft. Damals hat mich der Sportleiter Guido gefragt, ob ich Lust auf Handball hätte.

Was gefällt Ihnen am Handball?

Es macht mir Spaß. Aber manchmal ist es auch stressig.

Warum? Haben Sie so häufig Training?

Das nicht, aber wir trainieren immer samstagsmorgens. Da fällt mir das Aufstehen schwer.

Andere haben am Wochenende Saisonspiele. Spielen Sie denn auch gegen andere Mannschaften?

Ja, wir fahren alle drei bis vier Monate auf Turniere. In Niedersachsen fahren wir auf sogenannte Inklusionsspieltage von Menschen mit und ohne Beeinträchtigung. Außerdem waren wir schon in Hamburg und Flensburg und bei den Nationalen Spielen von Special Olympics in Düsseldorf, Hannover und Kiel. Das ist dann unsere Art von Saison. Vor einem Jahr haben wir ein Beachhandball-Turnier gespielt. Ich weiß noch, da habe ich einen Ball ins Gesicht bekommen, das war ein Schreck. Mir war schwindelig, aber ich habe weitergespielt.

Sie haben also den Mut nicht verloren. Wie schneidet Ihre Mannschaft bei den Turnieren ab?

Ich habe schon einige Medaillen zu Hause: Gold, Silber, Bronze. Die Turniere machen Spaß, aber wenn wir gegen stärkere Mannschaften spielen, ist das schon anstrengend.

Gibt es ein Turnier, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Ja, da sind wir mit der Frauennationalmannschaft von Special Olympics für zwei Wochen nach Abu Dhabi geflogen, für die Weltspiele. Vorher wurden wir bei einem Sichtungstraining ausgewählt.

Was waren da die Kriterien?

Es ging vor allem um den Willen mitzufliegen. Zwölf Spielerinnen sind mitgeflogen, zwei davon waren aus unserer Mannschaft. Meine Trainerin Sandra ist auch mitgekommen.

Erzählen Sie noch ein bisschen mehr von Abu Dhabi.

Wir hatten vorher drei Trainingscamps mit den anderen, wir kannten uns ja noch gar nicht. In Abu Dhabi haben wir dann in einem großen Hotel gewohnt, das war ein Wolkenkratzer. Leider war das nicht so richtig behindertengerecht, weil wir auf getrennten Etagen, weg von unseren Trainern, gewohnt haben. Aber wir waren zu zweit auf einem Zimmer und haben uns gegenseitig unterstützt. Die Eröffnungsfeier war beeindruckend, fast wie bei den Olympischen Spielen – auch da war ich sehr aufgeregt. Bei den Spielen haben wir den vierten Platz gemacht, aber das war überhaupt nicht schlimm. Die Mädels waren richtig nett.

Durch Corona können Sie gerade nicht trainieren …

Ja, das stimmt, und ich vermisse das Training sehr. Deshalb nehme ich ab und zu meinen Ball und werfe ihn zu Hause im Hof gegen die Wand. Dann kann ich meinen Arm ein bisschen bewegen, und mir wird nicht langweilig.

Wie kommunizieren Sie außerhalb vom Training und den Turnieren in der Mannschaft?

Wir haben eine Whatsapp-Gruppe, in der wir viele Sprachnachrichten schicken, weil ein paar aus unserer Mannschaft nicht lesen können. Aber es gibt auch eine Gruppe mit den Trainern und den Eltern beziehungsweise den Betreuern.

Brauchen Sie sonst Unterstützung von anderen, was zum Beispiel die Fahrten zu Spielen oder zum Training angeht?

Zum Training fahre ich mit dem Fahrrad. Und wenn ein Turnier weiter weg ist, bilden wir Fahrgemeinschaften mit den Trainern oder Betreuern.

Engagieren Sie sich noch anderweitig im Verein?

Ja! Wenn unsere erste Damen spielt, wische ich den Boden in den Spielunterbrechungen trocken. Ich helfe total gerne mit, wenn Turniere stattfinden.

In Ihrer Mannschaft spielen Männer und Frauen aus verschiedenen Altersgruppen zusammen. Wie finden Sie das?

Ich finde das super. Unser ältester Spieler ist Mitte 50, der jüngste ist 19. Wir verstehen uns untereinander gut. Mit einem Mitspieler kriege ich mich manchmal in die Haare, aber wir wissen selbst nicht so richtig, was unser Streitpunkt ist.

Wie macht es sich bei Spielen oder im Training bemerkbar, dass Sie eine Handicap-Mannschaft sind?

Wir haben zum Beispiel eine Spielerin, die nicht so gut laufen kann. Da müssen die Trainer die Übungen umgestalten und wir müssen sie langsamer ausführen, oder die Trainer müssen ihr bei manchen Übungen die Hand reichen. Einmal mussten wir ein Spiel abbrechen, weil ein Spieler von uns einen epileptischen Anfall hatte. Aber wir achten auch auf den Turnieren immer aufeinander und sorgen dafür, dass alle mitkommen. Wir haben zum Beispiel eine Regel, dass wir den Ball mindestens einmal durchspielen, sodass auch die Schwächeren den Ball bekommen.

Das klingt, als sei die Stimmung gut bei Ihnen in der Mannschaft.

Ja, das auf jeden Fall! Wenn wir zu Turnieren fahren, machen wir laut Musik an, und dann sagen wir, wir sind ein Party-Bus. Allgemein feiern wir gerne in der Mannschaft. Auch wenn wir den letzten Platz bei einem Turnier machen.

Das Gespräch führte Patricia Friedek.

Info

Zur Person

Crisdaian Abel (28)

spielt in der Handicap-Mannschaft des SV Werder Bremen Handball. Sie ist in Hemstedt geboren und später nach Bremen gezogen. Jetzt wohnt sie mit ihrer Mutter, die kolumbianische Wurzeln hat, in Findorff. Abel hat eine geistige Behinderung, bei dem Interview stand ihr Trainerin Sandra Cischinsky zur Seite und hat sie bei den Antworten unterstützt.

Info

Zur Sache

Noch inklusiver werden

Das Inklusions-Handballteam von Werder Bremen hat es sich zum Ziel gesetzt, bald zwei Mannschaften zu gründen: Eine ausschließlich für Menschen mit Beeinträchtigung (sogenannte Traditional-Mannschaft) und eine, in der Menschen mit und ohne Handicap zusammenspielen.

Sandra Cischinsky und Stephan Knief trainieren das Team aus 17 Spielern und Spielerinnen aktuell. Durch die Corona-Pandemie gibt es gerade eine Trainingspause, regulär trainiert die Mannschaft Samstags von
9.30 Uhr bis 11 Uhr in der Sporthalle Hemelinger Straße.

Die Weltspiele in Abu Dhabi waren nicht die einzigen, bei denen das Inklusionsteam vertreten war: Bei den Weltspielen in Los Angeles war der SV Werder Bremen durch Daniel Wichtrup vertreten. Im Dezember 2017 nahm das Team von Cischinsky und Knief als erste ausländische Handicap-Mannschaft an den „Lundaspelen“ im schwedischen Lund, dem weltgrößten Jugend-Handball-Turnier teil.

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