Aufruf: Harter Lockdown und Schulschließungen

Bremer Pädagoge: „Zero Covid zeigt uns eine Perspektive“

Der Bremer Pädagoge Frank J. Müller unterstützt den Aufruf zu einem europaweiten harten Lockdown mit Schulschließungen. Neue Lernkonzepte in der Zeit nach der Pandemie sollen die Folgen ausgleichen.
03.02.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Bremer Pädagoge: „Zero Covid zeigt uns eine Perspektive“
Von Timo Thalmann
Bremer Pädagoge: „Zero Covid zeigt uns eine Perspektive“

Frank J. Müller argumentiert, dass die Corona-Infektionszahlen zu langsam sinken.

Sebastian Neumann
Warum haben Sie den Aufruf „Zero Covid“ unterzeichnet?

Frank J. Müller: Mir gefällt der Grundgedanke der Solidarität, der sich durch das Konzept zieht. Das fängt bei einer Finanzierung von präventiven Maßnahmen wie FFP2-Masken an und geht über die Frage von Impfstoffen für den globalen Süden bis zur Frage, wie eine solidarische Einschränkung von Wirtschaftszweigen gelingen kann. Aktuell tragen nur einzelne Wirtschaftszweige die Hauptlast. Die Diskussion um Schulschließungen und Homeoffice hat deutlich gemacht, wie unterschiedlich Menschen die Corona-Maßnahmen trifft. Je nach Ausgangssituation wirkt sich die Pandemie eben nicht auf alle gleich aus. Die Zero-Covid-Initiative holt dagegen alle ins Boot und versucht eine gemeinsame Perspektive aufzuzeigen.

Wenn man alles komplett stilllegt, ist man sozusagen im Elend vereint.

Es geht ja nicht darum, Fabriken zu schließen, weil die Restaurants auch geschlossen sind. Im Vordergrund steht, die physischen Kontakte zwischen den Menschen so weit zu reduzieren, dass das Virus sich nicht weiterverbreiten kann, damit die Infektionsketten endlich einmal enden. Wenn man das tiefgreifend und umfassend gewährleistet, können die Infektionszahlen sehr schnell sinken. Wir tun das aktuell nicht umfassend, also sinken die Zahlen langsam und die ungleiche Verteilung der Lasten dauert ungleich länger.

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Der Staat verschuldet sich jetzt schon mit hohen Summen, um den Ausgleich der Lasten zu finanzieren. Wie soll das bei einem kompletten Lockdown funktionieren, wie ihn die Zero-Covid-Initiative vorschlägt?

Der Zeitfaktor darf nicht übersehen werden. Der jetzige halbe Lockdown geht in den vierten Monat. Ein wirklich harter Lockdown ab November wäre vermutlich schon vorbei. Was spricht außerdem dagegen, sich Mittel für Ausgleichszahlungen aus einer europaweiten Covid-Solidaritätsabgabe auf hohe Vermögen, Unternehmensgewinne, Finanztransaktionen und den höchsten Einkommen wieder zurück zu holen? Unser Bürgermeister Andreas Bovenschulte hat einen Lastenausgleich vorgeschlagen. Das ist nach meiner Auffassung der richtige Weg.

Viele sind zunehmend genervt von den Einschränkungen. Die Bereitschaft, sich an die Regeln zu halten, lässt nach. Woher soll die Akzeptanz für eine harten Lockdown bekommen?

Die Idee von Zero Covid ist, eine Perspektive aufzuzeigen für ein Leben mit wenig Einschränkungen, das mit null Infektionen oder wenigstens sehr geringen Fallzahlen natürlich eher möglich ist. Das ist der Anreiz. Im Aufruf ist von maximal zehn neuen Covid-19-Fällen pro einer Million Menschen pro Tag die Rede. Das entspricht einem Wert von sieben, bei der in Deutschland gehandelten 7-Tage-Inzidenz. Erst dann könnten die Schulen wieder in einen Regelbetrieb gehen, nicht mit 50.

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Sie sind Pädagoge. Gewöhnlich weist gerade Ihre Profession auf die zahlreichen negativen Folgen von Schulschließungen hin. Halten Sie es tatsächlich für vertretbar, Schulen bis zu so einer niedrigen Inzidenz geschlossen zu halten?

Welche negativen Folgen hat es wohl für Kinder, wenn sie das Virus zu ihren Großeltern oder Eltern tragen, die dann langfristige Schäden davontragen oder unter Umständen versterben? Die Schulen sollen doch nicht leichtfertig geschlossen werden! Und ja, natürlich haben Schließungen ebenfalls Konsequenzen für die Kinder. Wenn zum Beispiel gleich am Anfang des Schulbesuchs, im ersten Jahr entscheidende Grundlagen der Schrifterwerbs ausfallen, kann sich das auf die gesamte Schullaufbahn auswirken. Manch Elternhaus wird das auffangen und ausgleichen, andere nicht. Auch geschlossene Schulen werden darum Notbetreuungen organisieren, Kleingruppen für die Kinder von Eltern in systemrelevanten Berufen und für die, die dringend Unterstützung benötigen. Dafür braucht es natürlich mehr Personal, denn die Lehrkräfte können nicht gleichzeitig Distanzunterricht anbieten und Kleingruppen vor Ort unterstützen.

Was soll mit den Kindern passieren, denen Schulschließungen mutmaßlich nicht gut tun?

Wir müssen uns jetzt Gedanken darüber machen, wie Schule nach Corona aussehen kann, denn die Folgen werden uns lange begleiten. Momentan sieht das Schulsystem vor, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt bestimmte Kompetenzen erworben sein sollen. Die Corona-Pandemie bringt das durcheinander. Einige Schüler lernen im Distanzunterricht genauso erfolgreich wie in der Schule. Andere werden umfangreiche Unterstützung benötigen. Wir brauchen daher differenzierte Lernangebote in allen Schulformen und Jahrgangsstufen.

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Wie kann ein derartiges Unterrichtsmodell praktisch aussehen?

Man wird über individuellere Lerngeschwindigkeiten und angepasste Lehrpläne diskutieren müssen. Vielleicht wird man für manche Schüler oder ganze Klassen tatsächlich ein zusätzliches Schuljahr dranhängen müssen. Ich halte das auf die gesamte Schul- und Berufszeit gesehen nicht für gravierend. Wenn das viele Schüler betrifft, braucht man jedoch auch wieder mehr Personal und mehr Räume. Dass Schulen nach Corona einfach unverändert ihren Betrieb aufnehmen, kann ich mir nicht vorstellen. Die jetzigen Bemühungen um Digitalisierung führen hoffentlich zu differenzierten, aber gemeinsamen Lernangeboten mit digitalen Medien im Präsenzunterricht.

Das Gespräch führte Timo Thalmann.

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Zur Person

Frank J. Müller ist Junior-Professor für Inklusive Pädagogik mit den Schwerpunkten geistige Entwicklung und Lernen an der Uni Bremen.

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Zur Sache

Zero Covid

Am 19. Dezember 2020 erschien im britischen Magazin „The Lancet“ – eine der ältesten und renommiertesten medizinischen Fachzeitschriften der Welt – ein Aufruf zu einem gesamteuropäisch, koordinierten Vorgehen gegen die Corona-Pandemie, das das Ziel von null Infektionen verfolgt: Zero Covid. Im Kern plädieren die Autoren für einen flächendeckenden, möglichst harten und nahezu vollständigen Lockdown: Alle nicht dringend erforderlichen Bereiche der Wirtschaft sollen stillgelegt, Fabriken, Büros, Betriebe, Baustellen und Schulen sollten geschlossen und die Arbeitspflicht ausgesetzt werden. Grenzüberschreitender und inländischer Reiseverkehr ist zu reduzieren. „Tiefgreifende Interventionen haben sich als effizient erwiesen. Sie stellen das rasche Erreichen niedriger Fallzahlen bei kurzdauernder Belastung von Psyche und Volkswirtschaft sicher“, heißt es dazu in dem Aufruf. Über 1000 Wissenschaftler aus zahlreichen Fachgebieten und ganz Europa haben sich dem Anliegen angeschlossen, darunter auch inzwischen bekannte deutsche Experten wie Christian Drosten und der Chef des Robert Koch-Instituts Lothar Wieler. Auch aus Bremen haben einige Professoren den Aufruf unterzeichnet.

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