Bullerdiek: Herausforderung für Forschung

Bremer Humangenetiker über Gene und Covid-19

Der Bremer Humangenetiker Jörn Bullerdiek über die Rolle der Gene bei Covid-19 und die Verantwortung der Forschung in der Corona-Pandemie.
20.09.2020, 05:00
Lesedauer: 6 Min
Zur Merkliste
Bremer Humangenetiker über Gene und Covid-19
Von Sabine Doll

Herr Bullerdiek, als Humangenetiker beschäftigen Sie sich mit dem Erbgut des Menschen – und damit, welche genetischen Merkmale eine Rolle bei der Entstehung und dem Verlauf einer Erkrankung spielen. Was ist aus Sicht des Humangenetikers das Besondere an dem neuartigen Coronavirus?

Jörn Bullerdiek: Aus meiner Sicht ist die augenfälligste Besonderheit, dass man dieses Coronavirus erst seit sehr kurzer Zeit kennt. Das ist die Herausforderung für die Forschung an sich. Wir kennen zwar bereits andere Coronaviren, aber dieser Typ löst ein teilweise neues Spektrum von Symptomen aus und befällt Zellen unterschiedlich. In der Humangenetik haben wir natürlich den Blickwinkel, wie der Mensch aufgrund seiner Erbanlagen auf ein Virus oder eine durch das Virus ausgelöste Erkrankung reagiert. Viren müssen immer in die Zelle hinein und können das nicht eigenständig, sondern benutzen dazu bestimmte Werkzeuge der Zelle, etwa eine bestimmte Oberflächenstruktur, an die sie andocken können.

Was ist der aktuelle Stand der Forschung?

Das ist alles noch sehr am Anfang – und liegt vor allem daran, dass man zunächst sorgfältig entsprechende Kontroll- und Betroffenengruppen zusammenstellen muss. Was wir jetzt aber bereits sagen können: Es gibt eine suspekte Region auf dem Chromosom 3, die wahrscheinlich etwas mit der Infektion durch das Virus oder mit der Schwere des Krankheitsverlaufs von Covid-19 zu tun hat. Chromosom 3 ist Teil des menschlichen Erbgutes und Träger einer Reihe wichtiger Gene. Um welches dieser Gene es sich konkret handelt, daran wird geforscht.

Lesen Sie auch

Wie geht man vor, um diese Annahme oder Hinweise zu überprüfen?

Es werden unter anderem Menschen untersucht, die Varianten dieses Chromosomen-Bereichs haben und besonders schwer oder leicht erkranken. Wenn man Glück hat, sind das Varianten, die in der Bevölkerung häufiger sind. Dann kommt man schneller zu Ergebnissen. Wenn nicht, muss man länger suchen. Aus meiner Sicht ist die Region auf Chromosom 3 jedenfalls aktuell die weitaus vielversprechendste.

Wohin führen die Forschungsergebnisse aus der Humangenetik?

Die Erkenntnisse könnten dazu beitragen, dass man einschätzen kann, wie schnell und wie viele Antikörper gegen das Coronavirus gebildet werden – und wie lange jemand letztlich immun ist. Im Hinblick auf einen Impfstoff, der zu Beginn knapp sein wird, geht es dann auch darum: Wer sollte zuerst geimpft werden?

Wahrscheinlich die klassischen Risikogruppen, ältere und vorerkrankte Menschen.

Genau. Aber außerhalb dieser klassischen Gruppen stellt sich die Frage: Gibt es Menschen, die besonders empfindlich sind? Auch junge Menschenkönnen schwer erkranken oder erhebliche Spätfolgen entwickeln. Bei aller Vorsicht ist auch Eile geboten. Es besteht großer Handlungsbedarf, um identifizieren zu können, welchen der Jüngeren man eine prioritäre Impfung empfehlen sollte. Ergebnis könnte eine Kombination aus genetischem Test und Impfung sein.

Was ist mit der Behandlung von Covid-19?

Identifiziert man Genorte, die etwas mit der Schwere der Erkrankung zu tun haben, geht es auch um die Frage der Therapie: Kann man diese Genorte beziehungsweise entsprechende Proteine medikamentös beeinflussen? Das sind die wichtigsten drei Bereiche, zu denen die Humangenetik beitragen kann: Ausmaß von Immunität, Erkennen von Hochrisikogruppen und Therapie.

Lesen Sie auch

Nie war Forschung so präsent – in der Öffentlichkeit, aber auch im politischen Tagesgeschehen. Unter Hochdruck wird nach einem Corona-Impfstoff und Medikamenten gesucht. Wie wirkt sich das auf die Forschung aus?

Forschung steht aktuell unter einem besonderen Druck – das bedeutet aber vor allem auch eine besondere Verantwortung, die wir Wissenschaftler haben. Ganz akut geht es um die Frage, ab welchem Zeitpunkt man mit Daten an die Öffentlichkeit geht beziehungsweise gehen darf. Die Balance zwischen Informationsbedarf und der Aussagekraft früh veröffentlichter Forschungsdaten ist schwierig. Was diesen Punkt betrifft, haben wir nicht nur in der Humangenetik große Probleme. Zum Teil ist es so, dass Informationen zu früh rausgehen.

Wie kommt es dazu?

Seit längerer Zeit gibt es in der Wissenschaft die sogenannten Preprint-Server (Anm. d. Redaktion: Vor-Druck-Server). Dort können wissenschaftliche Erkenntnisse abgelegt und damit anderen Forschern zur kritischen Begutachtung zugänglich gemacht werden. Die Manuskripte auf den Preprint-Servern haben aber noch kein Begutachtungsverfahren einer Fachzeitschrift oder eines Fachverlags – das sogenannte Peer-Review – durchlaufen. Der Vorteil der Preprint-Server: Vorläufige wissenschaftliche Ergebnisse werden schnell von Fachkollegen begutachtet, diskutiert und weiterentwickelt. Das kann Forschung beschleunigen. Der Nachteil: Bei großem öffentlichem Interesse, wie es jetzt in der Corona-Pandemie der Fall ist, begünstigen sie, dass wissenschaftliche Erkenntnisse viel zu früh in Öffentlichkeit und Medien gelangen. Und das passiert derzeit häufiger.

Wer gibt diese Informationen heraus?

Die Preprint-Server sind öffentlich zugänglich. Mit den Manuskripten darf beziehungsweise soll aber keine Öffentlichkeitsarbeit gemacht werden – auch nicht von Forschenden selbst. Zumindest nicht, solange die Daten noch nicht ausreichend begutachtet wurden. Es geht um Verantwortung.

Welche Folgen können solche Vorab-Veröffentlichungen haben?

Vor Kurzem ging es zum Beispiel um die Frage, ob Menschen mit bestimmten Blutgruppen besser vor einer Corona-Infektion und einem schweren Krankheitsverlauf von Covid-19 geschützt sind. Vorläufige wissenschaftliche Erkenntnisse gelangten in die Öffentlichkeit, wonach Menschen mit der Blutgruppe A besonders gefährdet und Menschen mit der Blutgruppe 0 besonders geschützt sein sollten. Wohlgemerkt: Das waren Studienergebnisse, deren wissenschaftliche Aussagekraft nicht bestätigt war.

Lesen Sie auch

In den Medien löste das eine enorme Welle aus. Aus diesen vorläufigen Studienerkenntnissen wurde die Nachricht: Menschen mit Blutgruppe 0 sind immun gegen Corona.

Private Fernsehsender haben empfohlen, wie man mit bestelltem Equipment aus Online-Apotheken im Homeoffice seine Blutgruppe bestimmen kann. Seit ich in der Forschung bin, habe ich keine wissenschaftliche Studie erlebt, die mit solch einer Brisanz und in so kurzer Zeit regelrecht durch die Decke gegangen ist. Daran wird deutlich, wie vorsichtig und vor allem verantwortlich mit Forschung umgegangen werden muss.

Haben sich die vorläufigen Erkenntnisse zu den Blutgruppen A und 0 denn bestätigt? Die „New York Times“ hat Sie auch dazu befragt.

Klares Nein: Alle großen Studien, die folgten, konnten das nicht bestätigen. Es ist möglicherweise sogar umgekehrt. In diesem Fall war es so, dass die Ergebnisse parallel zum Ablegen auf dem Preprint-Server auch als Pressemitteilung herausgegeben wurden. Und auch das internationale Fachmagazin „The New England Journal of Medicine“ hat die Studienergebnisse – aus meiner Sucht zu überhastet – veröffentlicht. Das hat zusätzlich zu einem Schub in der Wahrnehmung geführt, nach dem Motto: Jetzt haben wir auch eine unabhängige Begutachtung. Das ist definitiv nicht optimal gelaufen und zeigt, wie sich Druck und Wettbewerb ungünstig auswirken können. Man hätte viel vorsichtiger damit sein müssen.

Ein anderer Privatsender berichtete nach der späteren Studie: „Blutgruppen-Chaos“.

Das ist nicht unbedingt dazu geeignet, die Menschen von bestimmten Maßnahmen und Seriosität von Wissenschaft zu überzeugen.

Lesen Sie auch

Wie lässt sich das verhindern? Denn die Preprint-Server bleiben sicher ein wichtiges Instrument zur fachlichen Begutachtung von Forschungsergebnissen.

Die „New York Times“ hat kürzlich darüber berichtet, dass es nun Ansätze gibt, Task Forces für unterschiedliche Forschungsbereiche zu gründen. Damit es zu schnelleren Begutachtungen der Manuskripte auf den Preprint-Servern kommt und sie nicht zu früh an die Öffentlichkeit gelangen. Ich halte das für eine gute Idee, um solche Desaster künftig zu verhindern. Forschung und Forscher haben eine große Verantwortung.

Das Gespräch führte Sabine Doll.

Info

Zur Person

Jörn Bullerdiek ist Humangenetiker und leitet an der Universität Bremen die Arbeitsgruppe für Humangenetik sowie an der Universität Rostock das Institut für Medizinische Genetik. Er hat eine große Zahl wissenschaftlicher Artikel in Zeitschriften und Büchern verfasst und ist selbst Mitherausgeber von zwei Fachzeitschriften. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte sind die Molekulargenetik und die Genetik der Tumorentstehung.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+