Interview mit Altersforscher

„Bremen hat eine hohe Lebensqualität“

In Bremerhaven ist die Lebenserwartung so gering wie an kaum einem anderen Ort in Deutschland. Auch Bremen steht nicht perfekt da. Woran das liegen könnte, erklärt Altersforscher Sven Voelpel im Interview.
24.07.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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„Bremen hat eine hohe Lebensqualität“
Von Maurice Arndt
Herr Voelpel, in Bremerhaven leben nach einer Studie des Max-Planck-Instituts Männer so kurz wie nirgendwo sonst. Auch Frauen werden nicht alt. Wie kann das sein?

Sven Voelpel : Zunächst einmal: Es gibt nicht den einen Grund. Das sind viele Faktoren, die da zusammenkommen. Bremerhaven hat eine hohe Schuldnerquote und es gibt sehr viel Arbeitslosigkeit. Das könnte einer der Hauptgründe sein. Denn das zieht viele weitere Probleme nach sich. Durch die fehlende Aufgabe in ihrem Leben kann Arbeitslosen etwas Sinnstiftendes fehlen.

Das schlägt stark auf das Gemüt. Oft fehlt für Menschen in Bremerhaven dann auch eine Perspektive. Daraus können leichtere Anfälligkeiten für Suchterkrankungen entstehen. Darüber hinaus ist es vor allem für Langzeitarbeitslose oft schwieriger, auf ihre Gesundheit zu achten. Wenn das Geld fehlt, kann man etwa nicht die besten Lebensmittel einkaufen.

Das durchschnittliche Einkommen hat allerdings nur einen geringen Einfluss auf die Lebenserwartung, sagen die Forscher.

Es stimmt, dass Geld allein nicht glücklich macht. Ab einem Jahreseinkommen von etwa 70.000 Euro, ist es irgendwann egal, wie viel man verdient. Darunter macht es schon noch einen Unterschied, weil es einen Einfluss auf die Lebensqualität, eben beispielsweise bei der Ernährung oder Unternehmungen, hat.

Was könnten weitere Gründe für das schlechte Abschneiden von Bremerhaven sein?

Das Klima beispielsweise: Durch die nördliche Lage variiert die Länge der Tage stärker als etwa in München. Das führt zu vielen dunklen Stunden im Winter. Auch das Wetter kann durchaus mal extrem sein, sodass man das eigentlich entspannende Meer nicht immer genießen kann. Dass ein mildes Klima einem langen Leben zuträglich ist, zeigen die sogenannten blauen Zonen wie die griechische Insel Ikaria. Dort werden Menschen besonders alt. Auch die Bildung spielt eine Rolle.

Inwiefern?

Menschen mit geringerer Bildung haben häufiger Übergewicht als Menschen mit einem höheren Bildungsniveau. Das kann man beispielsweise in den USA gut erkennen: Der Body-Mass-Index ist an den urban geprägten Küsten mit vielen Universitäten geringer als im mittleren Westen, wo viele Menschen unter Übergewicht leiden.

Zurück nach Bremen: Warum sind die Lebenserwartungen im Stadtgebiet höher als in der Seestadt?

Bremen hat tatsächlich einfach eine sehr hohe Lebensqualität. Es gibt beispielsweise durch den Bürgerpark und andere Grünflächen sehr viele Erholungsorte. Die Weser fließt durch die Stadt. Kulturell ist die Stadt ganz vorne mit dabei, allein im Tanzen sind wir führend. Außerdem ist Bremen sehr vielfältig: Da sind etwa das Schnoor, Schwachhausen oder das Viertel. Und doch ist es nicht zu groß. „Ein Dorf mit Straßenbahnen“ eben – das ist eine Stärke der Stadt. Es könnte aber natürlich noch besser sein. Bremen hat auch eine hohe Arbeitslosenquote. Das führt zu den gleichen Problemen wie in Bremerhaven. Zudem gibt es in Mitte eine hohe Lärm- und Feinstaubbelastung durch den Verkehr.

Sehr hoch sind die Lebenserwartungen hingegen in Süddeutschland. Vor allem Oberbayern sticht heraus. Woran liegt das?

Wir sehen dort im Prinzip in vielen Aspekten das Gegenteil von dem, was wir beispielsweise in Bremerhaven sehen. Das Klima ist etwas milder, im Winter ist es weniger dunkel. Natürlich ist dort auch die Arbeitslosenquote sehr gering. Hinzu kommt ein hoher Freizeitwert: viele Seen und die Berge mit ihrer tollen Landschaft. Außerdem geht es in vielen Regionen Bayerns noch traditionell zu. Dadurch gibt es viele soziale Interaktionen. Die sind wichtig.

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Muss ich also für ein langes Leben in den Süden ziehen?

Ja und nein. Statistisch gesehen verlängert sich mein Leben, wenn ich beispielsweise nach München ziehen würde. Was aber oft vergessen wird: Soziale Kontakte sind ein wichtiger Faktor für ein glückliches und dementsprechend langes Leben. In den blauen Zonen etwa ist man bis zu seinem Tod sozial eingebettet. Zieht man weit weg, wird der Kontakt mit Freunden und Familien schwieriger und vor allem weniger regelmäßig. Stattdessen sieht man dann etwa seine Enkelkinder zwei Wochen am Stück, was überfordern kann, ehe man sie drei Monate nicht sieht. Wobei das auch immer auf den Menschen ankommt. Manche werden durch die Herausforderungen eines Umzuges im genau richtigen Maß gefordert. Dann kann das durchaus auch positiv sein.

Ein Umzug aus der Stadt auf das Land – verlängert der mein Leben?

Nicht wirklich. Auf dem Land gibt es zwar einige Vorteile – weniger Lärm, mehr Grün, bessere Luft – es gibt aber auch Nachteile. Das Angebot, wie man leben möchte, ist weniger vielfältig als in der Stadt, wo es viele kulturelle und sportliche Angebote gibt und man leichter auf Gleichgesinnte mit ähnlichen, teils ausgefallenen Interessen trifft. Auch das nächstgelegene Krankenhaus ist auf dem Land vermutlich weiter entfernt. Das gleicht sich also aus. Die höchste Lebenserwartung hat man in Kleinstädten, da sie den bestmöglichen Kompromiss bilden.

Wovon die Lebensdauer hingegen definitiv abhängt, ist scheinbar das Geschlecht: Selbst die höchste Lebenserwartung für Männer liegt unter jener der Frauen in Bremerhaven ...

... und das ist keine neue Erkenntnis. Das hängt einerseits mit der Lebensart von Männern zusammen: Sie leben oft ungesünder, sind risikobereiter, fahren schneller Auto, trinken mehr Alkohol. Frauen hingegen achten besser auf ihre Gesundheit. Andererseits arbeiten Männer auch mehr, stehen dadurch mehr unter Stress und haben mehr Belastungen durch langes Sitzen, Lärm oder Schadstoffe sowie ein höheres Risiko für einen Arbeitsunfall.

Da spricht das traditionelle Rollenbild. Wie ist der Trend?

Die Lebenserwartungen von Männern und Frauen nähern sich an – aus beiden Richtungen. Zum einen achten Männer viel mehr auf ihre Gesundheit als noch vor einigen Jahren, etwa durch Schrittzähler oder Superfoods. Sie werden dadurch älter. Gleichzeitig arbeiten Frauen immer mehr und sind gestresster. Oft haben sie die Doppelbelastung aus Haushalt und Arbeit. Ihr Leben verlängert sich damit weniger als das der Männer. Denn: Stark abhängig vom Geschlecht ist die Lebenserwartung eigentlich nicht. In Klöstern, wo sich der Alltag von Männern und Frauen wenig unterscheidet, ist das erwartete Alter in etwa gleich.

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Wie gelingt also ein langes Leben?

Man muss an den richtigen Stellschrauben drehen. Einige davon hat man selbst in der Hand, auch wenn man nicht so viel Geld hat. Jeder kann joggen oder spazieren gehen und sich einen Apfel, Zwiebeln, Knoblauch und ein Ei leisten. Auch sich mit Freunden zu treffen oder die Liebe ist wie die meisten schönen Dinge im Leben kostenlos. Am besten das Leben lieben und glücklich und gesund genießen.

Das Gespräch führte Maurice Arndt.

Info

Zur Person

Sven Voelpel ist Professor für Betriebswirtschaft an der Jacobs University Bremen. Seit Jahren widmet er sich der Demografie- und
Altersforschung.

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