Interview mit Badminton-Nationalspielerin

Stine Küspert: „Ich wollte immer versuchen, die Beste zu werden“

Badminton-Nationalspielerin Stine Küspert zog mit 13 Jahren aus dem Elternhaus aus, um im Internat an ihrer Karriere zu feilen. Der größte Traum der Bremerin: Die Teilnahme an den Olympischen Spielen.
19.04.2020, 05:00
Lesedauer: 7 Min
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Stine Küspert: „Ich wollte immer versuchen, die Beste zu werden“
Von Jörg Niemeyer
Stine Küspert: „Ich wollte immer versuchen, die Beste zu werden“

Badminton-Nationalspielerin Stine Küspert.

Christina Kuhaupt

Als Leistungssportlerin haben Sie selten Gelegenheit, in der Freizeit auszugehen. Wegen des Coronavirus findet nun gerade kein Sport statt – und Sie dürfen trotzdem nicht ausgehen. Wie sehr frustriert Sie die momentane Situation?

Stine Küspert: Dass ich nicht rausgehen kann, nervt mich gar nicht so sehr. Das Einzige, was mich stört, ist, dass ich kein Badminton spielen kann.

Das heißt: Sie halten sich zu Hause fit?

Genau. Der Verband hat mir ein Spinningrad organisiert, und von montags bis freitags haben wir immer morgens um zehn eine einstündige Trainingseinheit mit Stabilisations- und Mobilisationsübungen. Zusätzlich habe ich einen Trainingsplan erhalten.

Immerhin haben Sie aufgrund der Corona-Krise die Chance, mal wieder bei Mutter, Vater und Bruder in Bremen zu sein.

Ja, das ist sehr schön. Diese Situation habe ich ganz lange nicht gehabt. Ich bin ja schon mit 13 zu Hause ausgezogen. Selbst in den Ferien war ich kaum einmal drei Wochen hier.

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Und Sie gehen sich noch nicht auf den Geist?

Nein, es ist alles gut.

Wie sehr trifft es eine Badminton-Spielerin, wenn sie als Federball-Spielerin bezeichnet wird?

Ich glaube, das kommt auf den Spieler an. Für mich ist das egal. Ich weiß ja, was ich mache.

Spielen Sie manchmal noch Federball, im Garten oder im Park?

Nein. Bei mir würde zu schnell der Ehrgeiz aufkommen, dass ich Dieses oder Jenes besser machen müsste.

Wo haben Sie erstmals zum Schläger gegriffen: im Garten oder in der Sporthalle?

In der Sporthalle, wo mein Vater und mein älterer Bruder schon gespielt haben. Da habe ich als kleines Kind, mit zwei oder drei, erstmals einen Schläger in die Hand genommen.

Was fasziniert Sie an diesem Sport?

Badminton ist unfassbar abwechslungsreich. Jede Situation ist anders, du musst immer unterschiedlich agieren. Und Badminton ist sooooo schnell.

Worin besteht die Abwechslung?

Es gibt so viele verschiedene Angriffs- und Abwehrschläge. Du schlägst über deinem Kopf und unter deinem Kopf. Und du musst dich so bewegen, dass du richtig zum Ball kommst. Die Komplexität macht diese Sportart aus.

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Wie groß war der Einfluss der Familie, dass Sie beim Badminton gelandet sind?

Es gab keinen. Ich habe ungefähr vier Jahre Badminton und Leichtathletik parallel gemacht, bevor ich mich mit zwölf Jahren für Badminton entschieden habe.

Was gab den Ausschlag?

Badminton hat sich für mich besser angefühlt.

Was genau war es?

Es war der Spaß an der Sportart. Als Rückschlagsportart war Badminton noch ein bisschen faszinierender für mich.

Was haben Sie denn in der Leichtathletik am liebsten gemocht?

Stabhochsprung und Hürdenlauf.

Oha, das sind nicht gerade die einfachsten Disziplinen. Haben Sie eine Vorliebe für das technisch Anspruchsvolle?

Ja, das scheint so zu sein.

Schon mit elf Jahren haben Sie in Hamburg am deutschen Nachwuchsstützpunkt trainiert, haben mit 13 die Sportbetonte Schule Ronzelenstraße verlassen und sind mit 14 ins Sportinternat nach Hamburg gezogen. Wie kommt ein so junges Mädchen fern von zu Hause allein zurecht?

Das war für mich gar nicht so schwer. Im Internat hatte ich eine Mitbewohnerin, mit der ich mich von Anfang an und bis heute sehr gut verstanden habe. Sie war für mich wie eine große Schwester. Sie hat mich sehr gut aufgefangen. Es war nie ein Problem, in Hamburg zu sein. Ich habe mich da immer wohlgefühlt. Und ich hatte viel Kontakt zu meiner Familie.

Gab es keine verheulten Abende in Hamburg?

Doch, natürlich. Es gab immer Momente, in denen ich dachte: Wofür mache ich das? Ich habe keinen Bock mehr. Im Gedächtnis haften geblieben ist mir aber, dass es eine sehr schöne Zeit war. Es gab Tiefen, aber die positiven Seiten haben eindeutig überwogen.

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Manchmal helfen die Tiefen ja auch, die Höhen umso besser wahrnehmen zu können. Ab wann haben Sie gewusst: Es lohnt sich, das alles auf sich zu nehmen?

Ich hatte nie das Gefühl, irgendetwas aufgeben zu müssen. Ich war ein Kind, das immer etwas entdecken und Neues sehen wollte. Für mich war das Hamburg, Training. Ich bin auch in meiner sportlichen Entwicklung immer ein Stück vorangekommen. So konnte ich immer etwas Neues entdecken und hatte auch das Gefühl, dass sich das Training lohnte.

Welche Belohnungen haben Sie für all den Aufwand bekommen?

Als ich nach Hamburg kam, war mein erstes großes Ziel: Ich will unbedingt mal an einer norddeutschen Meisterschaft teilnehmen. Dann wollte ich zu einer deutschen Meisterschaft. Dann habe ich gedacht: Vielleicht schaffe ich es ja auch in die Jugendnationalmannschaft. Und habe auch das geschafft.

Es ging bei Ihnen also immer voran?

Ja. Ich hatte das Glück. Aber ich hatte auch Leute in meinem Umfeld, die gemerkt haben, dass Leistungssport für sie nicht das Richtige ist.

Ist das nicht auch eine Frage des Willens?

Auf alle Fälle. Für mich hat nie im Raum gestanden, Badminton nur als Hobby zu spielen. Ich wollte immer versuchen, die Beste zu werden. Und dann war klar, dass ich weiter trainiere und das so mache.

So ein Leben erfordert doch bestimmt auch Entbehrungen.

Ja. Aber ich hatte nie das Gefühl, etwas opfern zu müssen. Ich wollte ja etwas erreichen. Klar, mit 18 bin ich nicht an jedem Wochenende auf eine Feier gegangen. Doch das war für mich nie eine schlimme Entbehrung.

Wie schwer war es, Schule und Sport unter einen Hut zu bekommen?

Gott sei dank war das für mich kein Problem. Meine Schule hat mir aber auch viel geholfen. Ab der neunten Klasse war ich mit dem Sport ja viel unterwegs. Da haben mir meine Lehrer immer Aufgaben mitgegeben. Und es gab einen virtuellen Klassenraum, in den die Lehrer viele Dokumente aus dem Unterricht hochluden. Auch das hat mir sehr viel gebracht.

Das klingt danach, dass Sie viel Disziplin zeigen mussten.

Naja, ich wusste immer, was ich können musste, wenn ich wieder zurück in Hamburg war. Für das Lernen musste ich mir die Zeit nehmen. Das hat natürlich mal besser und mal schlechter geklappt.

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War wohl auch eine Frage des Schulfachs.

In Fächern, die ich nicht so gern mochte wie zum Beispiel Mathe, habe ich mich dann schon gefragt: Will ich das jetzt? Aber spätestens, wenn du das einmal nicht gemacht hast und dann wieder in Hamburg bist, weißt du: So machst du es kein zweites Mal.

Im vergangenen Jahr haben Sie Abitur gemacht, sind zum Bundesliga-Spitzenreiter 1. BC Saarbrücken-Bischmisheim gewechselt und gehören zum Kader der deutschen Nationalmannschaft. Das klingt nach einer steilen Karriere…

Bis jetzt kann ich nicht meckern. Natürlich gibt es aber auch noch Dinge, die ich erreichen möchte.

Was denn?

In meiner Sportart erreichen die europäischen Spieler ab etwa Mitte 20 ihren Leistungshöhepunkt. Die Zeit bis dahin möchte ich erst mal so gut wie möglich überstehen.

Als Mitglied des Nationalmannschaftskaders stehen Sie aber doch schon auf der Stufe, dass Sie durchstarten können.

Ja, als noch junge Spielerin befinde ich mich jetzt in der Phase, dass ich verstärkt gefördert werde und zum Kader gehöre.

Und warum haben Sie sich auf das Damen-Doppel spezialisiert?

Einzel und Doppel passen nicht gut zusammen. Aber dafür spiele ich außer im Damen-Doppel jetzt auch noch mit einem Herren im Mixed.

Mit einem festen Partner?

Eigentlich ja. Aber als ich nach Saarbrücken kam, hatte sich mein geplanter Partner gerade verletzt. Und jetzt finden wegen der Corona-Krise leider keine Spiele und Turniere statt.

Glauben Sie, dass bald wieder gespielt wird?

Das kann ich nicht sagen. Ich weiß nicht, welche Faktoren dafür oder dagegen sprechen.

Welche sportlichen Ziele haben Sie noch – mit knapp 21 liegt die beste Zeit ja noch vor Ihnen?

Ich möchte in die Weltspitze kommen und würde sehr gern mal an den Olympischen Spielen teilnehmen. Das ist schon ein sehr großer Traum von mir.

Haben Sie für die ins Jahr 2021 verschobenen Spiele in Tokio eine Chance?

Nein, wohl nicht, denn für uns war die Olympia-Qualifikation für 2020 schon abgeschlossen.

Wenn man Ihre bisherige Karriere betrachtet, sieht es ganz danach aus, dass man es nach oben schaffen kann, wenn man nur will. Sehen Sie sich als ein Beispiel, vielleicht als ein Vorbild für junge Menschen, die es in den Leistungssport zieht?

Ich glaube, dass ich ein gutes Beispiel dafür bin, dass man ständig hart arbeiten muss, um im Leistungssport etwas zu erreichen. Ich glaube, dass ich das bis jetzt gut geschafft habe, und ich hoffe, dass es auch so bleibt. Und ich stehe beispielhaft dafür, dass es auch geht, wenn man früh von zu Hause weggeht und woanders groß wird. Vor allem aber habe ich nie den Spaß am Sport verloren und auch nie meinen Ehrgeiz.

Haben Sie äußeren Druck verspürt, um erfolgreich zu werden?

Nein, nie. Aber ohne die Unterstützung meiner Eltern hätte ich das natürlich nicht geschafft. Ich glaube, dass du auf Dauer nicht im Leistungssport bestehen kannst, wenn du von außen Druck benötigt. Du musst dich ja im Training immer wieder quälen, dich immer wieder durchbeißen. Das schaffst du nur, wenn das aus deinem Inneren heraus kommt.

Vor Ihrer Länderspielpremiere im September 2018 in Bremen haben Sie gesagt, dass Sie mit Badminton eines Tages Geld verdienen könnten. Wie nahe sind Sie diesem Ziel?

Es dauert wohl noch ein, zwei Jahre, bis ich komplett davon leben kann. Aber allein die Sporthilfe ermöglicht es mir schon fast.

Welche Einnahmen haben Sie noch?

Es gibt Unterstützung durch den Verein, durch Sponsoring und durch den Verband.

Und falls es nicht klappt mit dem Profi-Dasein: Wie sieht Ihr Plan B aus?

Bis jetzt gibt es keinen Plan B.

Oh, Entschuldigung, das war blöd gefragt. Ich wollte keine Zweifel sähen. Aber Sie haben vor anderthalb Jahren auch gesagt, dass Sie nicht ausschließlich auf Sport setzen wollen.

Ja, das stimmt, dabei ist es auch geblieben. Im Wintersemester möchte ich in Saarbrücken ein Psychologie-Studium beginnen.

Und es notfalls erst in zehn Jahren beenden, wenn es im Sport gut läuft?

Ja, das wäre doch nicht schlecht.

Das Interview führte Jörg Niemeyer.

Info

Zur Person

Stine Küspert (20) ist Badminton-Nationalspielerin, die ihren Sport beim 1. Bremer Badminton-Club erlernt hat und schon als Elfjährige regelmäßig zum Nachwuchsstützpunkt des Deutschen Badminton-Verbands nach Hamburg gefahren ist. Mit 13 Jahren zog sie zu Hause aus, ging ins Internat nach Hamburg, machte 2019 ihr Abitur und spielt inzwischen für den Bundesligisten 1. BC Saarbrücken-Bischmisheim.

Info

Zur Sache

Ursprünge vor etwa 2000 Jahren

Badminton ist ein Rückschlagspiel für zwei Spieler (Einzel) oder vier Spieler (Doppel), das in Indien in abgewandelter Form bereits vor 2000 Jahren gespielt wurde. Der erste Badminton-Verband wurde 1893 in England gegründet, und schon 1899 fanden die ersten All England Championships statt, die unter Badminton-Fans den gleichen Stellenwert haben wie das Wimbledon-Turnier für die Tennis-Freunde.

In Deutschland wurde im Jahr 1902 mit dem Bad Homburger Badminton-Club der erste Badminton-Sportverein auf dem europäischen Festland gegründet. Doch erst zu Beginn der 1950er-Jahre erfuhr die Sportart einen Popularitätsschub in Deutschland. Der Deutsche Badminton-Verband mit seinen 16 Landesverbänden hatte am 1. Januar 2019 in 2491 Vereinen insgesamt 187 717 Mitglieder. Der Bremer Verband hatte im Vorjahr in 26 Vereinen etwa 1750 Mitglieder.

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