Viel Dankbarkeit erfahren

„Ich habe unglaublich viel Dankbarkeit erfahren“

Julia Bachmann ist Opernsängerin und Initiatorin der Reihe Musikalischer Gartensalon. Im Interview erzählt sie über ihre Motivation, ihre Erfahrungen und von ihren Plänen für die Wintersaison.
23.09.2020, 17:25
Lesedauer: 5 Min
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Von Gerald Weßel
Frau Bachmann, was ist Ihre erste Erinnerung an den Bürgerpark?

Julia Bachmann: Mit der Familie spazieren zu gehen. Die Weite, die man dort beim Blick über die Wiesen auf- und durchatmend erblickt, ist einfach fantastisch. Es ist Bremens grüne Lunge, die einen vielfältigen Kontrast zur Innenstadt und den angrenzenden Stadtteilen bildet. Ich erinnere mich im selben Zug auch an die vielen Male, die ich mit meiner Familie bei Shakespeare im Park war oder an ein paar Geburtstagsessen in der Meierei. Später bin ich auch oft alleine dort spazieren gegangen und habe in der Natur gesungen und meine Opernarien geübt.

Wie haben Sie ihr Benefiz-Konzert am vergangenen Sonntag an der Melchersbrücke erlebt?

Es war mir eine große Freude, den Bremerinnen und Bremern und dieser schönen Parkanlage etwas zurückgeben zu können. Die Bremer lieben ihren Bürgerpark, das habe ich am Sonntag wieder gespürt und der Bürgerpark gehört als Symbol emotional irgendwie allen Bremern. Ich bin dankbar, dass die Organisation auch seitens des Bürgerparks, vertreten durch Herrn Großmann, so gut geklappt hat. Die Atmosphäre während des Konzerts war so gelöst, so warmherzig. Das Publikum war begeistert und es gab sogar schon mitten im Konzert nach der großen Sopran-Arie aus „La Traviata“ Standing Ovations, das erlebt man nicht alle Tage. Auch die Spendensumme von über 3670 Euro finde ich einfach klasse.

Was zeichnet den Bürgerpark als Konzertort aus?

Wir sind mitten in der Natur, und die Natur selbst wird mit all ihren Geräuschen zum Konzertsaal. Gerade die Melcherswiese ist eine natürliche Bühne und bietet eine wunderschöne Kulisse. Auch die Akustik dort ist erstaunlich gut. Es gibt einen fließenden Übergang zwischen Bühne und Park, die Grenzen zwischen Natur und Kunst verschmelzen. Wenn am Ende des Gondolieren-Liedes „Barcarolle“ Leute im Ruderboot vorbeifahren, ist das schon außergewöhnlich.

Ist Singen im Freien schwieriger als drinnen?

Im Allgemeinen ja, die Akustik ist oft nicht optimal, sodass man meistens recht laut singen muss. Wenn es windig ist, trägt der Wind auch einen Teil der Musik davon. Am Sonntag hatten wir Glück mit dem Wind: von Zeit zu Zeit hat die leichte Brise sogar mit den frei klingenden Saiten der Harfe gespielt, das klang wunderschön.

Wie viele Musikalische Gartensalons gab es diesen Sommer?

Bisher gab es 23 Musikalische Gartensalons mit ganz unterschiedlichen Programmen und an ganz verschiedenen Orten in Bremen. Einmal sind wir sogar nach Glückstadt an der Elbe eingeladen worden, da man dort von unserer Reihe gehört hatte.

Was haben Sie während dieser Zeit gelernt?

Erstmal habe ich viel über Mitmenschlichkeit in unserer Gesellschaft gelernt. Ich habe unglaublich viel Dankbarkeit erfahren, viele Menschen sind zu mir gekommen, haben sich per E-Mail oder Brief bedankt oder sogar Blumen mit zu Konzerten gebracht. Die Salon-Atmosphäre gab uns als Anwesenden einen Raum, aus dem sich – unter Einhaltung aller Corona-Regeln – die Krise für eine Weile verflüchtigt hat. Man vergisst sie. Wir lachen, singen und tanzen mutig und mit aller Lebendigkeit gegen die Krise an. Ich habe mein Organisationstalent kennen gelernt. „Buten un binnen, wagen un winnen“ passt wohl besser zu mir als gedacht. Durch die „Musikalischen Gartensalons“ konnte ich auch Kollegen Arbeit geben, die in dieser Zeit mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatten. Und ich habe noch nie so stark gespürt, dass es wirklich stimmt, dass Menschen Hunger nach Kultur haben, dass sie Kunst brauchen.

Und was haben Sie speziell über Konzerte im Freien gelernt?

Viel, aber was vielleicht heraussticht, ist, dass nicht immer die Lösung, die normalerweise als ideal empfunden wird, ideal ist. Zum Beispiel freute ich mich einmal über ein echtes Klavier, dass wir im Garten nutzen konnten, doch schnell wurde klar: Wir hätten lieber ein E-Piano nehmen sollen, da die Position des Klaviers akustisch nicht günstig war und wir das Klavier wegen der Pflastersteine kaum verschieben konnten. Ein anderes Mal stellten wir die Harfe auf einen Teppich auf den Rasen. Später bauten wir aus Paletten eine „Mini-Bühne to go“. Die Akustik ist damit viel besser und einen Akkuschrauber zu benutzen, das bekomme ich auch noch hin. Ich habe gelernt, gelassen zu bleiben, wenn das Wetter auch mal nicht mitspielt, was zum Glück nicht oft vorgekommen ist.

Mit welchem Gefühl gehen Sie in den Herbst?

Mit gemischten Gefühlen. Zunächst einmal bin ich stolz auf all das, was wir in diesem Sommer trotz allem auf die Beine gestellt haben. Ich freue mich über die tollen neuen Formate und die Freude und Dankbarkeit der Zuschauerinnen und Zuschauer. Auch als Sopranistin und künstlerische Leiterin der Reihe bin ich glücklich darüber, was wir musikalisch umsetzen konnten und dem Publikum schenken durften. Aber andererseits steht da natürlich ein ganz großes Fragezeichen. Ich will es nicht direkt als mulmiges Gefühl beschreiben und ich habe auch keine Angst vor dem Winter, aber es kann halt sein, dass wegen der Corona-Krise öffentliche Auftritte erneut verboten werden. Ich glaube das momentan nicht und ich habe auch viele Anfragen für Konzerte, aber niemand weiß, ob diese wirklich stattfinden können.

Wie gehen Sie mit dieser Unsicherheit als Künstlerin um?

Ich muss realistisch bleiben. Wir stehen vor einem unbeschriebenen Blatt, und sollte das im schlimmsten Falle leer bleiben, werde ich die Zeit nutzen, um neue Gesangsstücke einzustudieren. Wir alle müssen uns Spontaneität, Neugierde und Flexibilität bewahren, dann finden wir unseren Umgang mit der kalten Jahreszeit. Und vielleicht nehmen wir auch noch einige kreative, frische Formate mit aus der Corona-Krise, die wir auch danach beibehalten.

Können wir mit einem Weihnachtskonzert unter Heizstrahlern mit Ihnen im dicken Wintermantel rechnen?

Eventuell, nicht unbedingt in dieser konkreten Kombination, aber ich wünsche mir natürlich, im Winter draußen und wenn möglich auch drinnen aufzutreten. Wir schauen nach Räumen, in die wir dieses Konzept des Musikalischen Gartensalons in abgewandelter Form übertragen können, vielleicht für je 30 bis 50 Menschen. Doch auch, wenn ich inzwischen sehr geübt im Schreiben von Hygienekonzepten geworden bin, heißt das nicht, dass alles, was geht, auch sinnvoll ist.

Für draußen ist aber etwas geplant?

Ja, viele Menschen haben draußen weniger Angst als drinnen. Doch was Open-Air-Konzerte im Winter angeht, sind viele Fragen noch nicht geklärt. Heizstrahler können zum Beispiel mitunter recht laut sein. Singen und Musizieren bei kalten Temperaturen ist immer differenziert zu betrachten.

Wäre die kalte Luft für Sie als Sängerin ein echtes Problem?

Grundsätzlich ja, kalte Luft ist für die Stimmbänder nicht gesund, vor allem nicht, wenn sie derart belastet werden wie durch klassischen Gesang. Das geht so weit, dass mir Gesangslehrer im Winter geraten haben, nach dem Unterricht anschließend draußen weder zu singen noch zu sprechen, damit sich die Stimmbänder mindestens 30 Minuten an die Kälte gewöhnen können. Ich habe mich da nicht unbedingt dran gehalten, ich habe eigentlich immer und überall gesungen. Aber ich bin auch mit einer sehr robusten Natur gesegnet, für die ich unglaublich dankbar bin. Das geht leider nicht allen Kolleginnen und Kollegen so. Also ja, es ist ein Problem, aber ich persönlich mache mir mehr Sorgen um die anderen Musiker und die ZuhörerInnen.

Ihre Stimme hält, aber die Finger der Musiker zittern an den Saiten und auf den Tasten?

Eventuell ja, und ich möchte nicht, dass meine Kollegen sich durch das Konzert kämpfen müssen und die Zuschauer frieren. Auch da müssen wir Lösungen finden. Ich habe da noch längst nicht alle Antworten, bin aber entschlossen, es möglich zu machen. Aktuell hoffe ich, dass es ein bisschen was draußen und ein bisschen was drinnen geben wird, wenn die Corona-Regeln es zulassen.

Das Gespräch führte Gerald Weßel.

Info

Zur Person

Julia Bachmann (28)

hat in Hannover Gesang studiert und ist in
den vergangenen Monaten vielen Bremern vor allem durch die von ihr initiierte und organisierte Konzertreihe „Musikalischer Gartensalon“ bekannt geworden. Die in Bremen geborene Sängerin lebt in Oberneuland und studierte vor ihrer musikalischen Karriere Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte an der Jacobs University.

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