Interview mit Werders neuem E-Sportler

Fabio Sabbagh: „Es geht auch darum,die Mechanik des Spiels zu verstehen“

Werders neuer E-Sport-Mann Fabio Sabbagh berichtet, warum Werder ihn verpflichtet hat und wie man sich ein Fußballspiel in der virtuellen Bundesliga vorstellen muss.
06.09.2020, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Gerald Weßel
Fabio Sabbagh: „Es geht auch darum,die Mechanik des Spiels zu verstehen“

Der neue Mann in Werders E-Sport-Team: Fabio Sabbagh

Herr Sabbagh, was ist Ihre früheste Erinnerung an Werder Bremen?

Fabio Sabbagh: Seit ich ein kleiner Junge war, bin ich Fußballfan und habe die Bundesliga verfolgt. Da entgeht einem Werder natürlich nicht.

Werden Sie umziehen, um für Werder in der E-Sports-Bundesliga zu spielen?

Nein, ich werde in München bleiben, in meinem gewohnten Umfeld. Hier werde ich auch mein Lehramtsstudium der Mathematik und des Sports fortsetzen. Werder hat sehr gute Erfahrungen damit gemacht, neue Mitglieder des E-Sports-Teams in sein Umfeld zu lassen. Wir können auch Hunderte Kilometer entfernt mit ganzem Herzen für einen Verein spielen. Aber zu bestimmten Anlässen werde ich auch in Bremen sein. Das ist mir wichtig.

Können Sie knapp erklären, wie sich ein E-Sports-Fifa-Laie das Spiel, das Sie professionell spielen, vorstellen muss?

Im Endeffekt ist es simpel, denn Fifa stellt den realen Fußball virtuell möglichst genau nach. Nur spielen eben nicht elf verschiedene Menschen pro Seite, sondern nur ein Mensch spielt pro Seite alle elf Kicker.

Wann kam der Kontakt zu Werder zustande?

Die ersten Gespräche liegen schon recht lang zurück, ebenso wie die mündliche Zusage. Aber unterschrieben wurde der Vertrag Mitte August, so viel kann ich sagen.

Wie sieht so ein Vertrag aus?

Ich darf keine Details über meinen Vertrag preisgeben, aber ich kann ein paar generelle Worte über Verträge dieser Art sagen. Es läuft eigentlich wie beim echten Fußball, jeder Vertrag ist individuell gestaltet. Es gibt Fälle, in denen sich die Einkünfte aus Basiszahlung und Prämien zusammensetzen, aber auch völlig andere Szenarien. Und die Summen bewegen sich natürlich in einem ganz anderen Bereich als bei den Bundesligaprofis.

Wo wird das Geld reingeholt, das die Vereine für die Profis ausgeben?

Dazu kann ich kaum Auskunft geben. Da müssten Sie den Verein direkt ansprechen.

Was meinen Sie hat Werder dazu gebracht, Sie zu verpflichten?

Ich bin noch nicht lange als Profi unterwegs. Die letzte Saison war meine erste offizielle Saison als E-Sportler. Weder meine Mitspieler von meinem alten Verein, der Spielvereinigung Greuther Fürth, noch mich hatte jemand auf dem Plan. Aber uns gelang es dann, hinter Werder Bremen Vizemeister der virtuellen Bundesliga zu werden. In der Einzelwertung auf der Playstation war ich der beste Spieler. Ich denke, das waren die sportlichen Hauptgründe.

Es gibt also auch andere Gründe?

Ich denke schon, beispielsweise ist es den Verantwortlichen wichtig, dass die Spieler als Personen gut zum Verein passen. Darüber hinaus bin ich auch selber aktiver Fußballer auf dem echten Grün. Da spiele ich beim SV Heimstetten in der Regionalliga Süd. Daneben streame ich viel und baue so eine Community auf. Es geht heutzutage auch in den E-Sports um das Gesamtpaket.

Was war zuerst da, die Liebe zum virtuellen oder zum echten Fußball?

Ich war in frühesten Jahren erst mal Fußballfan. Das liegt einfach am Alter, da ist der echte Fußball kindgerechter. Fifa habe ich bei meinem großen Bruder mitangeschaut.

Baut sich jeder bei den Matches eine eigene Wunschmannschaft, mit der er oder sie antritt?

Bei der Virtual Bundesliga ist das nicht so, da nutzen wir den 85er-Modus. Das heißt: Jedes Team hat eine Gesamtstärke von 85, alle sind auf dem Papier gleich gut. Und in der virtuellen Bundesliga wählt sich jeder Spieler seinem Verein entsprechend das Team aus. Ich spiele also mit Werder Bremen.

In der Optik liegt demnach der Unterschied? Also sehen die Spieler anders aus, die Trikots, die Stadien und so weiter?

Genau, so wird die echte Bundesliga auf den virtuellen Rasen transportiert.

Wie läuft ein Spiel der virtuellen Bundesliga ab?

Grundsätzlich ähnlich wie im echten Fußball. Man bereitet sich auf einen Spieltag vor, bei dem man eben gegen einen anderen Verein antritt. Nur ist es so, dass man nicht zu Auswärtsspielen fährt, sondern alles immer vom selben Standort aus macht, auf den man sich als Team einigen muss, zum Beispiel in Bremen direkt oder bei jemandem zu Hause. In Fürth war es so, dass wir jeden Spieltag vom Stadion in Fürth aus gespielt haben, aber das handhabt jeder Verein anders. Das Ganze ist deutlich flexibler als im echten Fußball.

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Wie lange dauert ein einzelnes professionelles Eins-gegen-Eins-Spiel?

Im Wettkampfmodus dauert das Spiel zweimal sechs Minuten. Mit ein paar Unterbrechungen, die wie im echten Fußball dazu gehören, sollte man pro Spiel in etwa eine Viertelstunde rechnen.

Wechseln alle professionellen Spieler Jahr für Jahr die Version von Fifa?

Das ist ein Muss. Jedes Jahr müssen wir uns auf ein neues Spiel einstellen, das heißt: Training, Training und noch mal Training. Das nimmt jeden Tag viele Stunden an Anspruch. Man muss einfach so schnell wie möglich versuchen, das neue Spiel zu durchschauen.

Was heißt das genau?

Es geht auch darum, die Mechanik des Spiels zu verstehen, möglicherweise auch darum, Programmierfehler zu finden. Letztlich ist es auch jede Saison ein wenig Glücksache, wie gut du in das neue Spiel reinkommst. Und es gibt auch einfach Versionen, die liegen manchen Spielern besser als andere. Dieser stete Wechsel des Spiels bringt einfach einen Extrafaktor rein. Es bleibt Fußball, aber die technische Umgebung, in dem dieser Fußball stattfindet, ändert sich jedes Jahr, mal mehr, mal weniger.

Fehler finden, was meinen Sie damit?

Teilweise nutzt man Fehler in der Programmierung des Spiels aus. In quasi jeder Fifa-Version gibt es Fehler oder zumindest Eigenheiten der jeweiligen Version, die man mit dem richtigen Timing ausnutzen kann. Das sind dann meist Dinge, die nicht ganz realistisch sind, aber eben einen großen Vorteil gegenüber einem Gegner bringen, der diese Technik nicht kennt oder die Ausführung des jeweiligen Tricks nicht verhindert.

Korrigiert der Entwickler, Electronic Arts, solche Fehler nicht?

Er versucht es schon, aber oft sind die Ursachen dieser eigentlich unbeabsichtigten Effekte derart tief im Programmcode vergraben, dass es sich kaum per Update ändern lässt. So bleiben solche Fehler oft für ewig im Spiel.

Wie viel trainieren Sie etwa?

Wenn das Spiel neu rauskommt, sehr viel. Dann sind es mehrere Stunden pro Tag. Aber wenn du die Abläufe drin hast, wird es weniger. Dann hast du am Wochenende 30 bis 40 Spiele. In der Woche kommen dann Gegneranalyse und vielleicht zwei bis drei Stunden normales Training oben drauf. Und natürlich noch Training für die Fitness und die mentale Stärke.

Sind Sie auch sonst ein Gamer?

Ich spiele allgemein sehr gerne Videospiele, aber mir geht es dabei vor allem darum, Zeit mit Freunden zu verbringen.

Und der echte Fußball, wie lief Ihre sportliche Entwicklung dort?

Im Alter von vier Jahren habe ich angefangen zu kicken. Das war bei der Spielvereinigung Unterhaching. In der A-Jugend habe ich beim TSV 1860 München gespielt. Mit kleineren Zwischenschritten bin ich dann beim SV Heimstetten in der Regionalliga gelandet.

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Lernt man als E-Sportler bei Werder die Profifußballer kennen?

Ja, bei Werder schon. Bei anderen Vereinen ist das mitunter anders. Ich habe jedoch bei Werder direkt am ersten Tag alle möglichen Leute getroffen, vom Geschäftsführer bis zu einigen Spielern oder auch Cheftrainer Florian Kohfeldt. Das war eine sehr coole Erfahrung.

Nimmt man irgendwas vom Rasen mit ans Gamepad?

Ja, das Fußballverständnis. Das ist natürlich ein anderes, wenn man selber aktiv auf einem gewissen Niveau spielt. Das nutzt mir schon bei meinen Wettkämpfen im E-Sports.

Würden Sie Fußballprofi werden wollen, wenn es Ihnen jemand anböte?

Ja, wenn das Angebot kommen würde, würde ich es mir natürlich anhören. Aber ich werde nicht versuchen, es auf Biegen und Brechen zu erreichen.

Auf welcher Position spielen Sie?

Zumeist im zentralen defensiven Mittelfeld – genau da, wo Trainer Kohfeldt aktuell sucht.

Also sehen wir Sie doch bald im echten Weserstadion?

Eher nicht. Ich glaube, dass ich da realistisch genug veranlagt bin.

Das Gespräch führte Gerald Weßel.

Info

Zur Person

Fabio Sabbagh (22)

wird auch Fifabio97 genannt und ist der neue Mann im E-Sports-Team von Werder Bremen. Er tritt als Einzelspieler und in der Mannschaft von Werder in der virtuellen Bundesliga an. In der vergangenen Saison spielte er mit großem Erfolg für die Spielvereinigung Greuther Fürth.

Info

Zur Sache

Ein Blick in die Geschichte

Seit 27 Jahren erscheint regelmäßig ein Teil der Fifa-Reihe von Electronics Arts. Unter dem Titel „Fifa International Soccer“ erschien 1993 der erste Teil einer Serie, die bis heute – inklusive Sonderversionen, wie zum Beispiel Fifa WM 2006 – an die 50 Teile umfasst. Dabei handelt es sich, grob vereinfacht, um eine mit der Zeit sich immer mehr der Realität in Sachen Simulation und Präsentation annähernde Repräsentation des realen Fußballs für den Heimcomputer sowie verschiedene Konsolen.

Die Neuerungen abseits der visuellen und spielerischen Seiten sind im Vergleich zu den Anfängen ebenfalls umfangreich: Es gibt neben einfachen Matches zweier Mannschaften einen Karrieremodus, Meisterschaften und verschiedene Mehrspielervarianten. 2015 kam mit Fifa 16 auch der Frauenfußball hinzu. Seit Anfang der 2000er-Jahre kam jedes Jahr mindestens ein neuer Teil heraus. Im Oktober wird Fifa 21 für alle aktuellen Systeme wie Windows und PS4 oder XBOX erscheinen.

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