Interview mit Leiterin der Wohnungslosenhilfe

Katharina Kähler: „Wir sollten diese Menschen nicht noch weiter isolieren“

In Corona-Zeiten gilt: Wer kann, bleibt zu Hause. Nur was, wenn es kein Zuhause gibt? Im Interview erklärt die Leiterin der Wohnungslosenhilfe der Inneren Mission, was die Pandemie für Obdachlose bedeutet.
24.05.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Katharina Kähler: „Wir sollten diese Menschen nicht noch weiter isolieren“
Von Nico Schnurr
Katharina Kähler: „Wir sollten diese Menschen nicht noch weiter isolieren“

In der Corona-Krise stehen Obdachlose vor noch viel größeren Herausforderungen, als zuvor.

Paul Zinken/dpa

Frau Kähler, was bedeutet die Corona-Krise für Obdachlose?

Katharina Kähler: Die Krise bedroht die Lebensgrundlage vieler Obdachloser. Es ist für sie derzeit viel schwerer, Pfand zu sammeln oder Passanten um Geld zu bitten. Sie können die Zeitschrift der Straße kaum noch verkaufen, weil die Leute auf Abstand bleiben. Die Menschen meiden den Kontakt zu anderen, das spüren die Obdachlosen ganz besonders. Sie sind oft vom Alltag ausgeschlossen, gerade noch mehr als sonst.

Viele Hilfseinrichtungen sind zurzeit geschlossen.

Damit fehlen Orte, an denen sich die wohnungslosen Menschen für einige Stunden ausruhen können. Auch die Tagesaufenthalte und die Bahnhofsmission mussten schließen. Nach wie vor gibt es Duschmöglichkeiten, verschiedene Initiativen sorgen für ein Essensangebot. Was fehlt, ist der Kontakt, die Zuwendung.

Katharina Kähler leitet die Wohnungslosenhilfe der Inneren Mission.

Katharina Kähler leitet die Wohnungslosenhilfe der Inneren Mission.

Foto: Christina Kuhaupt
Wer bietet nun Hilfe an?

Die Streetworkerinnen und Streetworker sind werktags unterwegs. Sie haben Kaffee dabei, Hygieneartikel und Masken. Vor allem tauschen sie sich mit den Obdachlosen aus, hören zu und beraten. Aber wenn man das auf Distanz machen muss, ist es sehr viel schwieriger. Sie können nun zum Beispiel keine vertraulichen Gespräche mehr mit den Obdachlosen in ihrem Bus führen. Dennoch ist es wichtig, dass sie den Kontakt in die Szene aufrechthalten.

Erklären Sie mal, warum.

Seit viele Anlaufpunkte geschlossen sind, kriegen wir weniger von den Problemen der Obdachlosen mit. Was uns bleibt, ist der kleine Ausschnitt, den die Streetworkerinnen und Streetworker auf ihren Runden zu sehen bekommen. Diesen Eindruck brauchen wir, um zu erfahren, welche Unterstützungsangebote die Menschen gerade am dringendsten brauchen. Dabei spielt auch die gesundheitliche Situation der Menschen eine wichtige Rolle, auch in Bezug auf das Coronavirus.

Ist das Virus bereits in der Szene angekommen?

Wir haben bislang keine Hinweise darauf. Es ist aber nahezu unmöglich, sich einen gesamten Überblick zu verschaffen. Sollte das Virus in der Szene ausbrechen, dürfte es schwer werden, das Infektionsgeschehen nachzuvollziehen. Obdachlose sind oft in gesundheitlich reduziertem Zustand und somit anfällig für Infektionen, viele haben schwere chronische Erkrankungen, einige leiden unter Alkohol- und Drogensucht. Viele sind nicht versichert und haben keinen oder nur unregelmäßig Kontakt zu Ärzten. Das alles führt dazu, dass sie besonders gefährdet sind in dieser Pandemie-Situation.

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Müsste man diese Menschen nicht besser schützen?

Was gerade an Angeboten besteht, ist besser als nichts. Es ist eine Grundversorgung. Sie lindert die Not etwas, aber deckt längst nicht alle Bedürfnisse ab. Unser sozialer Auftrag als Gesellschaft muss ein anderer sein. Wir sollten diese Menschen in Pandemie-Zeiten nicht noch weiter isolieren, wir müssten ihnen gerade jetzt die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen.

Portugal hat zu Beginn der Pandemie beschlossen, auch Menschen ohne Papiere einen Zugang zu einer Krankenversicherung zu gewähren.

Ich halte das für eine gute Idee, über die wir in Deutschland unbedingt näher nachdenken sollten. Alle Menschen sollten sich vor einer Pandemie schützen können. Klar ist aber auch: Das Kernproblem wäre allein damit auch noch nicht gelöst.

Was meinen Sie?

Dass sich wohnungs- und obdachlose ­Menschen nur sehr schwer vor dem Coronavirus schützen können, hat auch damit zu tun, dass es in Städten wie zum Beispiel Bremen an Wohnraum fehlt. Langfristig wird man die Obdach- und Wohnungslosigkeit also nur ­dann bekämpfen ­können, wenn man mehr Wohnraum schafft. In der aktuellen Situation zeigt sich allerdings, dass wir in Bremen in der Vergangenheit den sozialen Wohnungsbau vernachlässigt haben und wir deshalb dringend weiter an neuen Lösungen arbeiten müssen.

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Das Gespräch führte Nico Schnurr.

Info

Zur Person

Katharina Kähler (40)

leitet die Wohnungslosenhilfe der Inneren Mission in Bremen. Sie verantwortet auch die Kinder- und Jugendhilfe des Vereins. Zuvor war sie unter anderem Beraterin von Opfern von Menschenhandel und Zwangsprostitution.

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