Afrikanische Schweinepest

Landesjägerschaft-Präsident: "Es wird ein Beben geben"

Die Afrikanische Schweinepest hat Deutschland erreicht. Was bedeutet das für Niedersachsen? Im Interview spricht Landesjägerschaft-Präsident und Schweinemäster Helmut Dammann-Tamke über die Folgen der Seuche.
11.09.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Landesjägerschaft-Präsident:
Von Nico Schnurr
Landesjägerschaft-Präsident: "Es wird ein Beben geben"

Landesjägerschaft-Präsident und Schweinemäster Helmut Dammann-Tamke.

Anne Werner

Herr Dammann-Tamke, stellen Sie sich auf einen arbeitsreichen Herbst ein?

Helmut Dammann-Tamke: Spielen Sie auf meine Jagdaktivitäten an?

Genau. Sollte die Afrikanische Schweinepest Niedersachsen erreichen, sind Sie gefordert.

Aus Sicht der niedersächsischen Jäger muss man sagen: Die Afrikanische Schweinepest ist mit dem bestätigten Fall in Brandenburg nur ein paar Kilometer näher an uns herangerückt. Die Seuche ist nun zwar in Deutschland angekommen, aber es besteht kein Grund zur Panik. Das Virus kann dem Menschen nichts anhaben, und Brandenburg ist nicht nebenan.

Sie erwarten nicht, dass Sie bald als Seuchenbekämpfer im Einsatz sind?

Die nächsten Tage werden entscheidend sein. Die Behörden müssen klären, ob das infizierte Wildschwein seit Tagen in Brandenburg unterwegs gewesen ist und dort schon andere Tiere angesteckt haben könnte. Dann müssten sie das Gebiet um den Ausbruchsherd abriegeln und die gesamte Wildschweinpopulation töten. Selbst wenn Brandenburg die Seuche nicht unter Kontrolle bekommen sollte, würde es aber lange dauern, bis die Wildschweine das Virus nach Niedersachsen geschleppt hätten.

Warum sind Sie sich da so sicher?

Wildschweine sind keine umherziehende Art. Sie legen selten Hunderte Kilometer zurück. Bis sich das Virus von Rotte zu Rotte überträgt, vergeht eine Weile.

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Die Gefahr liegt woanders?

Im Juni 2007 wurden die ersten Ausbrüche der Afrikanischen Schweinepest in Georgien gemeldet. Seitdem hat sich die Seuche jedes Jahr ungefähr 30 Kilometer weiter Richtung Westen ausgebreitet. Mal langsam, mal sprunghaft. Das liegt am Menschen, er ist der größte Risikofaktor.

Wie meinen Sie das?

Der Mensch transportiert das Virus über Ländergrenzen hinweg. Zum Beispiel in Form von Wurstresten, die von einem infizierten Tier stammen und dann unachtsam an einer Raststätte entsorgt und von einem anderen Wildschwein gefressen werden. Das würde erklären, wie das Virus so schnell von Polen nach Belgien gelangt ist. So etwas kann jederzeit wieder passieren, und so könnte das Virus plötzlich auch in Niedersachsen landen.

Spielen Sie so ein Szenario öfter durch?

Natürlich. Alle niedersächsischen Jäger wissen Bescheid. Wir sensibilisieren sie seit Monaten für dieses Thema. Jedes tot aufgefundene Wildschwein wird untersucht. Es werden Blutproben genommen, um einen Ausbruchsherd so früh wie möglich zu erkennen. Einmal dachte ich, es wäre schon so weit.

Wann war das?

Vor gut einem Jahr habe ich ein totes Wildschwein in meinem Jagdrevier gefunden. Es lag an einem Teich, der Hinterlauf im Wasser, der Kopf darüber. Ich habe sofort gedacht, das Schwein muss Fieber gehabt haben. Vielleicht, so meine Theorie, hatte das Tier infiziertes Fleisch gefunden und sich angesteckt. Dann hatte es Fieber bekommen und war womöglich noch zum Abkühlen zum Tümpel getaumelt, bevor die Seuche es dahingerafft hat. Da schrillten alle Alarmglocken bei mir. Mit der Kreisveterinärin habe ich das Tier aus dem Teich gezogen und Blutproben genommen. Es gab dann doch eine Entwarnung. Ich war erleichtert.

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Nun klingen Sie doch nicht mehr so entspannt.

Als Jäger bin ich gelassen. Ich kenne unseren Auftrag, und der hat sich seit gestern nicht verändert. Aber als Schweinemäster bin ich besorgt. Ich kann die Hygienemaßnahmen einhalten und dafür sorgen, dass sich das Virus nicht in meinen Ställen ausbreitet. Meine Tiere werde ich schützen, aber ich habe keine Chance, mich vor den wirtschaftlichen Folgen der Seuche zu schützen. Die Märkte werden zusammenbrechen, das kann ich nicht verhindern. Es wird ein Beben geben auf dem deutschen Schweinemarkt.

Der Bauernverband spricht von möglichen Schäden in Milliardenhöhe.

Mit dem heutigen Tag werden sich die Exportmöglichkeiten für deutsches Schweinefleisch drastisch verschlechtern.

Das gilt auch für Tiere aus Niedersachsen?

Ja, und das gilt auch, obwohl wir dafür sorgen können, dass unsere Hausschweine gesund bleiben. Trotzdem werden die Exportmärkte einbrechen. China wird einen Importstopp verhängen, andere Länder außerhalb von Europa werden dem Beispiel folgen. Ich befürchte Schlimmes, denn die Seuche trifft die Branche in einer schwierigen Phase.

Das müssen Sie erklären.

Die Schweinemäster haben lange gutes Geld verdient in Deutschland. Dann kam die Corona-Krise und der Fall Tönnies. Seitdem hat sich der Markt nicht wieder erholt. Pro Schwein gibt es aktuell etwa 45 Euro weniger als noch vor einigen Monaten. In den nächsten Wochen wird der Marktpreis weiter abstürzen.

Was wird daraus folgen?

Ich mache mir große Sorgen um die Sauenhalter in Niedersachsen. Die Branche steht sowieso vor einem Strukturwandel, die Sauenhalter sind das schwächste Glied der Kette. Wenn plötzlich die Abnehmer wegbrechen, stehen sie vor einem großen Problem. Ihre Produktion ist darauf ausgelegt, dass kontinuierlich neue Ferkel geboren werden, die nach zweieinhalb Monaten verkauft werden.

Und was passiert, wenn keiner mehr Ferkel kaufen will?

Sauenhalter haben nicht die Kapazitäten, die Tiere selbst zu mästen, wenn sie keine Käufer finden. Sie müssen die Tiere loswerden, also werden sie die Preise senken, bis sie davon nicht mehr leben können. Ich befürchte, dass die Seuche viele Sauenhalter in den Ruin treiben wird. Es dürfte vor allem kleine Höfe treffen. Viele Betriebe laufen Gefahr, das nicht zu überleben.

Das Gespräch führte Nico Schnurr.

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Zur Person

Helmut Dammann-Tamke

ist Präsident der Landesjägerschaft Niedersachsen. Der diplomierte Argarwirt ist auch als Schweinmäster in der Nähe von Stade tätig. Als Politiker ist er außerdem stellvertretender Vorsitzender der CDU-Landtagsfraktion.

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Zur Sache

Der erste Fall

Die Afrikanische Schweinepest hat Deutschland erreicht. Die für Menschen ungefährliche Tierseuche wurde erstmals bei einem toten Wildschwein in Brandenburg nahe der Grenze zu Polen nachgewiesen. Vor Ort gelte es jetzt zu klären, ob es über den Kadaver hinaus eine Verbreitung in dem Gebiet gebe, sagte Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU). Ziel sei, das Geschehen einzugrenzen. Deutschen Landwirten drohen nun Exportstopps für Schweinefleisch nach außerhalb der EU, etwa nach Asien. Klöckner warnte aber vor Panikmache bei den wirtschaftlichen Folgen: „Es ist ein Wildschwein gefunden worden in einem Landkreis.“ Krisenmaßnahmen laufen nun in zwei brandenburgischen Landkreisen an. Gefunden wurde das tote Wildschwein sieben Kilometer von der deutsch-polnischen Grenze entfernt in der Gemeinde Schenkendöbern. Im Umkreis von mindestens 15 Kilometern um den Fundort soll ein vorläufiges Gefahrengebiet eingerichtet werden, das zwei Landkreise in Brandenburg umfasst und nach Polen hineinreicht.

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