Bilanz nach vier Monaten "Investoren brauchen mehr Verlässlichkeit"

Seit Februar ist Jörg Kastendiek im Vorstand der Gewosie. Im Interview sagt er, welche Projekte als nächstes kommen und warum er als CDU-Landeschef unzufrieden mit der Baupolitik von Rot-Grün ist.
27.05.2018, 19:09
Lesedauer: 3 Min
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Von Christian Weth

Herr Kastendiek, erst Geschäftsführer bei der Kamü Bau GmbH, jetzt Vorstandsmitglied der Gewosie – wie waren Ihre ersten Monate auf dem neuen Chefposten?

Jörg Kastendiek: Sie waren spannend. Die Themen haben sich für mich geändert, genauso wie die Aufgaben- und Geschäftsfelder. Natürlich kann ich einiges aus meiner vorherigen Tätigkeit auf die neue Arbeit übertragen. Die Umstellung dauerte deshalb nicht so lange, wie ich gedacht hatte. Ich fühle mich sehr wohl bei der Gewosie.

Und? Haben Sie schon erste Wohnbauprojekte angeschoben?

So weit bin ich noch nicht. Jetzt geht es für mich erst einmal darum, die Projekte, die in der Pipeline sind, umzusetzen. Pläne für weitere Vorhaben gibt es zwar, sie sind aber noch nicht spruchreif. Ich denke, dass wir in einem halben Jahr weiter sind.

Als CDU-Landeschef haben Sie erst neulich Rot-Grün vorgehalten, zu langsam bei der Entwicklung neuen Baulandes zu sein. Welches Tempo wäre denn für Sie schnell genug?

Ich glaube, dass Investoren und Unternehmen, die Grundstücke entwickeln beziehungsweise für Wohnraum zur Verfügung stellen wollen, mehr Verlässlichkeit brauchen, was den zeitlichen Horizont angeht. Als CDU-Parteichef finde ich, dass vieles schneller gehen könnte. Als Vorstand der Gewosie kann ich mich allerdings nicht beklagen: Die Zusammenarbeit mit dem Bauamt klappt gut.

Sie werfen der Landesregierung außerdem vor, keine Wohnbaustrategie zu haben. Wie sieht denn Ihre für den Bremer Norden aus?

Wir schauen sehr genau, inwiefern wir Grundstücke bauträgerfrei beziehungsweise mit Geschosswohnungsbau entwickeln können. Die Schwierigkeit dabei ist, dass sich sozialer Wohnungsbau nur noch realisieren lässt, wenn bei dem Projekt eine Quersubvention durch hochpreisigen Wohnraum möglich ist. Bauvorhaben mit ausschließlich gefördertem Wohnraum lassen sich in der Regel nicht mehr wirtschaftlich darstellen.

Rainer Detjen, Ihr Vorgänger, hatte zuletzt große Pläne an der Cranzer Straße in Rönnebeck. Wie steht es um das Projekt mit 140 Wohneinheiten?

Wir sind auf einem guten Weg. Momentan laufen vielversprechende Gespräche mit dem Bauamt über das Bebauungsplanverfahren. Ich bin optimistisch, dass bis Mitte nächsten Jahres verbindliches Baurecht durch Beschluss der Stadtbürgerschaft geschaffen wird, sodass mit der Umsetzung begonnen werden kann.

Was heißt das konkret: Wann könnte das sieben Hektar große Gelände erschlossen, wann bebaut werden?

Ich gehe davon aus, dass wir Ende des ersten, spätestens aber Anfang des zweites Quartals übernächsten Jahres erste Grundstücke bauträgerfrei anbieten beziehungsweise mit dem Bau der ersten Häuser beginnen können.

Wo wird die Gewosie künftig noch bauen, außer in Rönnebeck?

Wir haben noch das Baugebiet Bodden-Nord. Im Sommer soll dort die Erschließung beginnen. Die Ausschreibung der Arbeiten durch Hansewasser läuft bereits. Ich rechne damit, dass wir im nächsten Jahr die ersten Grundstücke vermarkten können.

Und welche Bestandswohnungen werden demnächst saniert?

Wir sind ständig dabei, unsere Wohnungen auf dem neuesten Stand zu halten. Dass die Gewosie viel modernisiert, zeigt sich schon an der Leerstandsquote, die unter einem Prozent liegt. Der Betrag, den wir jährlich dafür ausgeben, ist beachtlich.

Was heißt das in Euro?

Für Modernisierung und Instandhaltung geben wir in der Regel pro Jahr mehr als fünf Millionen Euro aus.

Wie ist der Zustand der Bestandswohnungen aus Ihrer Sicht?

Er ist gut. Das belegen Vergleichszahlen anderer Wohnungsbaugesellschaften und -genossenschaften.

Wenn er gut ist, warum kommt es dann vor, dass in einem Ihrer Mehrfamilienhäuser am Vegesacker Pundtskamp das Dach einzustürzen drohte?

Der Schaden ist durch Fehler während der Bauphase entstanden. Für uns ist das sehr bedauerlich und eine absolute Ausnahmesituation.

Das ist sie auch für die Mieter. Sie wohnen jetzt im Hotel – Ihre Idee?

Es war die einzige Möglichkeit, für die Mieter eine schnelle und dauerhafte Lösung zu finden. Wir haben ihnen inzwischen auch andere Wohnungen angeboten.

Wie lange wird der Ausnahmezustand für die Mieter noch andauern?

Ich hoffe, dass das Dach des Gebäudes bis August repariert ist und die Mieter dann in ihre Wohnungen zurückkehren können.

Drohen der Gewosie jetzt Regressansprüche oder Gerichtsprozesse seitens der Mieter?

Ich gehe davon aus, dass es weder das eine noch das andere geben wird.

Warum? Ist es keine Klage wert, wenn man in einem Haus wohnte, dessen Dach einsturzgefährdet war?

Wir können für den Schaden nichts. Das haben Sachverständige bestätigt. Außerdem machen wir genau das, was das Gesetz in so einem Fall vorschreibt.

Es hat schon öfter Kritik an der Gewosie gegeben. Manche Genossen warfen ihr Intransparenz vor. Was werden Sie tun, damit sich diese Kritik nicht wiederholt?

Bei der ersten Vertreterversammlung, an der ich teilgenommen habe, wurden keine Vorwürfe erhoben, die Gewosie wäre intransparent. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass es auch in Zukunft keine geben wird. Der Vorstand wird im Rahmen der Satzung und der gesetzlichen Regelungen seine entsprechenden Pflichten erfüllen. Was mal war, hilft ehrlicherweise nicht. Ich will nach vorne schauen.

Die Fragen stellte Christian Weth.

Info

Zur Person

Jörg Kastendiek (53)

gehört seit Anfang Februar zum Vorstand der Wohnungsbaugenossenschaft Gewosie. Außerdem
führt er den Landesverband der CDU an. Kastendiek ist verheiratet, hat ein Kind und wohnt in
Bremen-Nord.

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