Kassenärztliche Vereinigungen besorgt Investoren kaufen immer mehr Arztpraxen

Internationale Finanzinvestoren haben die Medizinischen Versorgungszentren in Deutschland für sich entdeckt. Die Ärztekammern sehen das mit Sorge.
20.01.2020, 21:39
Lesedauer: 4 Min
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Investoren kaufen immer mehr Arztpraxen
Von Marc Hagedorn

Finanzinvestoren kaufen immer mehr Arztpraxen in Deutschland auf. Hinter jedem sechsten Medizinischen Versorgungszentrum steht nach Schätzung der Deutschen Apotheker- und Ärztebank ein internationaler Finanzinvestor. Das berichtet die „Welt am Sonntag“.

Die Bundeszahnärztekammer fordert jetzt den Stopp von Fremdkapital in der Zahnmedizin. Sie sieht den Patientenschutz in Gefahr, wenn die Medizin vor allem als Investment betrachtet werde. „Junge Zahnärztinnen und Ärzte dürfen niemals unter Druck geraten, Leistungen am Patienten zu erbringen, die nicht medizinisch angezeigt sind“, sagt Zahnärzte-Präsident Peter Engel.

Auch die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) beobachtet die Entwicklung mit Sorge. „Es gibt in unserer Ärzteschaft die Befürchtung, dass Investoren ihre Einrichtungen vor allem unter dem Aspekt der Gewinnmaximierung betreiben“, sagt Detlef Haffke, Sprecher der KVN. Deshalb setzt sich der KVN-Vorstand schon seit 2018 für mehr Transparenz ein. Bisher vergeblich: Längst nicht jeder Investor ist bekannt. Die KVN vermutet für Niedersachsen, dass bei 71 der 273 Medizinischen Versorgungszentren hinter dem eigentlichen Betreiber oder Gründer weitere Investoren stehen.

Immer mehr Medizinische Versorgungszentren

Die Zahl der Medizinischen Versorgungszentren steigt seit Jahren kontinuierlich an. Dasselbe gilt für die Anzahl der dort angestellten Ärzte. Laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung waren Ende 2015 exakt 12.976 Ärzte in einem solchen Versorgungszentrum beschäftigt, drei Jahre später waren es 18.101. Die Zahl der Zentren ist im selben Zeitraum von 2490 bundesweit auf 3173 angestiegen ist. Und der Trend ist ungebrochen.

In den nächsten Jahren werden immer mehr Ärzte in den Ruhestand gehen. Sie ersparen sich durch den Verkauf ihrer Praxis die oft mühsame Nachfolgersuche. Viele jüngere Ärzte wiederum scheuen laut Experten das Risiko einer Selbstständigkeit und arbeiteten stattdessen lieber als angestellte Ärzte. Und da der Medizinerberuf zunehmend weiblich wird – zwei Drittel aller Studienanfänger sind Frauen – spielt der Wunsch nach Vereinbarkeit von Job und Familie eine immer größere Rolle. Eine Stelle in einem Versorgungszentrum ohne Nacht- und Notdienste erscheint vor diesem Hintergrund oft als attraktive Alternative.

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Medizinische Versorgungszentren sind auch aus Sicht der Kritiker nicht per se schlecht. Die Einrichtungen bieten sowohl Ärzten als auch Patienten Vorteile. Für die Mediziner bedeutet die Arbeit in einem Versorgungszentrum weniger Bürokratie, da Abrechnungen und Einkauf zentral erledigt werden können. Auch Investitionen lassen sich in einem Team leichter stemmen. Für die Patienten hat ein Versorgungszentrum den Vorteil, dass dort im Schnitt mindestens sechs Ärzte arbeiten, darunter auch Spezialisten. Das verkürzt Wartezeiten mitunter erheblich.

Problematisch wird die Arbeit dieser Einrichtungen, wenn Investoren allein am Gewinn orientiert sind. Genau das befürchten die Fachverbände. „Ökonomische Parameter dürfen nicht das ärztliche Handeln bestimmen“, fordert die Ärztekammer Bremen. „Kritisch wird es, wenn der Finanzinvestor medizinische Vorgaben macht“, sagt Jörg Hermann, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Bremen. Hermann sagt, ihm seien Verträge mit angestellten Ärzten in Medizinischen Versorgungszentren bekannt, die Zielvereinbarungen enthielten. Heißt im Klartext: Je höher der Umsatz, desto höher das Gehalt des Arztes.

Patienten zu Augenoperation gedrängt

Tatsächlich scheint es Fälle von Missbrauch zu geben. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart ermittelt gegen Augenärzte eines Versorgungszentrums, die in 20 Fällen Patienten zu ambulanten Augenoperationen gedrängt haben sollen, die angeblich nicht nötig gewesen wären. Und in Hamburg untersucht die Staatsanwaltschaft den Fall eines Herstellers von Chemotherapiemitteln. Dem Unternehmen wird vorgeworfen, Arztsitze zu kaufen, um dort seine eigenen, teuren Medikamente einsetzen zu können.

Eine Studie der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen zeigt, dass mehr als zwei Drittel der ausländischen Fremdkapitalgeber ihren Sitz an Orten wie den Cayman Inseln oder Guernsey haben. „Schwer erträglich“ nennt Zahnärzte-Chef Engel diesen Befund. Er sagt: „Es macht uns fassungslos, dass auf diesem Weg Beiträge deutscher Krankenversicherter in Steueroasen weltweit landen.“

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Zu den größten Mitspielern auf dem Markt zählt die Colosseum Dental Gruppe, hinter der die Jacobs Holding AG steht. Über ihre Zürcher Stiftung hat die aus Bremen stammende Unternehmer-Familie Jacobs in knapp zwei Jahren eine der größten Zahnarztketten weltweit aufgebaut. In acht europäischen Ländern besitzt die Gruppe mehr als 500 Praxen. Erklärtes Ziel ist die weltweite Marktführerschaft. Die Gruppe, deren Deutschland-Sitz in Münster ist, sagt, nicht an einer schnellen Rendite interessiert zu sein. Die Jacobs Holding sei bekannt dafür, Beteiligungen mindestens 20 Jahre lang zu halten. „Unsere Ausrichtung ist also die eines langfristig orientierten Investors, für den die nachhaltige und flächendeckende zahnärztliche Versorgung im Fokus steht“, sagt Unternehmenssprecherin Gesa Kok.

Colosseum sieht in seinem Engagement vielmehr einen Beitrag zur Lösung von ärztlichen Versorgungsengpässen. Kok: „In unserem Konzept spielen gerade auch die ländlichen Regionen eine große Rolle. Denn wir beobachten, dass die älteren Zahnärzte in den ländlichen Regionen kaum noch Nachfolger für ihre Praxen finden.“

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