Bremen-Neustadt Irgendwo-Festival verärgert Anwohner

Obwohl sich die Veranstalter des Irgendwo-Festivals weitgehend an die Auflagen gehalten haben, sind die Anwohner des angrenzenden Wohngebietes verärgert.
03.06.2018, 20:08
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Christine Leitner

Um 22 Uhr geht es am Sonnabend auf dem Gelände des Irgendwo-Festivals in der Bremer Neustadt gemütlich zu. Ein paar Gäste genießen ihr Bier oder bewegen sich im Rhythmus der Beats vor der Bühne. Ansonsten ist die Umgebung der Airbus-Allee und Amelie-Beese-Straße leer. In dem knapp 500 Meter entfernten Wohngebiet hingegen brodelt es. Anita Hader, Bernd Jackwerth, Friedlinde Dreier und Alexander Noll stehen an der Ecke Bochumer Straße und Iserlohner Straße. Bei ihnen sind Michael Bürger, der Leiter des Referats Emissionsschutz der Umweltbehörde, Björn Klefker, Schallgutachter der t+h Ingenieure in Bremen, und Ralf Werner von der örtlichen Polizeiwache. Sie werden zwischen 22.30 und 2 Uhr den Schall messen und dafür Sorge tragen, dass die Veranstaltung gesittet abläuft. Aufgrund von Beschwerden musste diese im Vorfeld durch die Baubehörde genehmigt werden. „Wir versuchen mit der Genehmigung eine Situation herzustellen, die allen genehm ist“, so Bürger. Das volle Vertrauen von Seiten der Anwohner genießt er jedoch nicht.

„Bei mir haben die Gläser geklirrt“

Bis ein Uhr morgens darf der Schallwert 55 Dezibel nicht überschreiten, danach gilt der Nachtwert von 35 Dezibel. Vergangenes Jahr lagen die Anwohner nächtelang bei lauten Beats und Dauerbeschallung in ihren Betten. Dass die Veranstaltung in diesem Jahr wieder hier stattfindet, können sie nicht verstehen. „Wenn ich im Bett liege, möchte ich schlafen“, so Hader. Sie selbst hat bereits am Nachmittag die ersten Schallmessungen mit einem eigenen Gerät vorgenommen. 70 Dezibel zeigte das Gerät an.

Lesen Sie auch

Dass die Lautstärke der Musikanlagen auf dem Festgelände nur durch einen Limiter gesenkt wird, beruhigt niemanden. „Dort muss jemand kontrollieren, ob die auch versiegelt und verplombt wurden“, meint Bernd Jackwerth. Wegen der kurzfristigen Genehmigung kann sich der Tontechniker erst am Montag um die Versiegelung kümmern. Eine Frechheit, findet Hader. Denn damit verstießen die Veranstalter gegen die Auflagen der Genehmigung.

Zusätzlich fürchten die Anwohner Belästigungen durch die An- und Abwanderung sowie den ganzen Müll, der vor den Häusern zurückgelassen wird. Dass sich hier eine Kulturszene entwickelt, ist ihnen nicht recht. Werner kann die Ängste verstehen, sieht das Problem jedoch eher im Alkoholkonsum und der Beeinträchtigung des Verkehrs. Im vergangenen Jahr hätten sich die Veranstalter gründlich daneben benommen. „Am Anfang haben wir hier Musik gehört. Das kann vorkommen und ist nicht tragisch“, erzählt Noll. Er selbst habe nichts dagegen, wenn junge Menschen feierten und Kultur solle es geben. Doch die zunehmende Belästigung durch laute Technomusik habe sich jedes Wochenende wiederholt. „Bei mir haben die Gläser geklirrt“, so Dreier. Vertrauen, dass sich die Veranstalter an die Anlagen der Genehmigung halten, haben die Anwohner nicht.

10.000 Euro für vorgeschriebenen Lärmschutz

Während es sich Harder und ihre Nachbarn im Garten ihrer Häuser gemütlich machen und auf die ersten Ergebnisse der Messungen warten, sind die Gäste des Irgendwo-Festivals bereits am Feiern. Die Lautstärke auf dem Gelände ist erträglich, man kann sich sogar unterhalten, ohne zu schreien. 500 Gäste sind zugelassen, doch die Schlange vor dem Gelände wird stetig länger. Für den vorgeschriebenen Lärmschutz haben die Veranstalter 10.000 Euro ausgegeben, erklärt Veranstalterin Amelie Rösel. Mit den Anwohnern habe es Ärger gegeben, erzählt sie. „Sie haben uns mit Anzeigen und dem Verfassungsgericht gedroht“, so Rösel. Die Veranstaltung in die Neustadt zu legen, war nicht geplant. Insgesamt hat Rösel an 36 Orten in Bremen angefragt. „Meistens sind die Anfragen von den Vermietern abgelehnt worden, die die Grundstücke lieber an große Firmen und nicht an kulturelle Vereine vermieten wollten“, sagt sie. Die Fläche in der Neustadt gehört der Wirtschaftsförderung, die alternative Projekte unterstützt. Mit den Anwohnern haben sie versucht, zusammen zu arbeiten. „Wir haben Gespräche geführt und wollten sie fest einbinden und Anwohnerfeste organisieren“, sagt Rösel.

Lesen Sie auch

Hader sieht das anders. Gespräche habe es erst im September gegeben. „Wir haben nie ein Konzept oder den Veranstaltungskalender bekommen“, ärgert sie sich. „Nun werden wir als unkooperativ dargestellt“, fügt Jackwerth hinzu. Nach einer 40-Stunden-Woche und dem Lärm von A 281 und Flughafen hätten die Anwohner am Wochenende gern ihre Ruhe. Da sich keine der Behörden für zuständig befand, erstatteten die Anwohner 21 Anzeigen wegen Ordnungswidrigkeit und Körperverletzung. Diese konnten von der Staatsanwaltschaft nicht nachgewiesen werden.

Schlimm sei auch, dass sich die Partynächte nicht nur auf die Wochenenden beschränkten. Ob Open-Air-Kino oder Musikworkshops, die unter der Woche stattfinden, die Anwohner sehen sich immer durch Lärm belästigt. Einen Rechtsanwalt einzuschalten sei ein letzter verzweifelter Versuch gewesen, dem ein Ende zu bereiten, denn von den Behörden fühlten sich die Anwohner allein gelassen.

Um zwei Uhr morgens ist es ruhig im Wohngebiet. Diese Nacht haben sich die Veranstalter laut Bürger an die Vereinbarungen gehalten. Ob das auch in den kommenden Wochen gilt, wird sich noch herausstellen. Die Anwohner bleiben weiterhin skeptisch.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+