Islam in Bremen (2)

"Islam ist Teil meiner Identität"

Der Islam in Bremen hat viele Gesichter. Es gibt die Moscheen, Gebetsräume, muslimische Vereine und Verbände. Und es gibt die Menschen, die den Glauben leben. Einige stellen wir vor. Heute: Kulturwissenschaftlerin Jasmina Heritani-Ghannam.
06.03.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Jürgen Hinrichs
"Islam ist Teil meiner Identität"

Jasmina Heritani-Ghannam in ihrem Haus in Gröpelingen. Sie lebt dort mit Mann und drei Kindern. „Der Islam“, sagt die 32-Jährige, „gehört zu unserem Alltag, ganz einfach.“

Frank Thomas Koch

Der Islam in Bremen hat viele Gesichter. Es gibt die Moscheen und Gebetsräume. Es gibt muslimische Vereine und Verbände. Und es gibt die Menschen, die den Glauben leben. Einige davon wollen wir in unserer Serie vorstellen. Heute ist es Jasmina Heritani-Ghannam, eine Kulturwissenschaftlerin.

Jonas findet’s gut, sagt seine Mutter. Wenn Ramadan ist, Fastenzeit für die Muslime, darf der Neunjährige länger aufbleiben, er soll dabei sein, wenn am Abend das Fasten gebrochen wird. Doch das ist noch nicht alles. Jonas bekommt in dem Fastenmonat von seinen Eltern einen Ramadan-Kalender mit täglichen Überraschungen, so wie er in der Adventszeit einen Adventskalender bekommt. Oder an Ostern Ostereier.

Gar nicht übel, in zwei Kulturkreisen zu Hause zu sein. Die Mutter Deutsche von Geburt, der Vater Syrer. Beide sind sie Muslime und geben die Religion auch an ihre drei Kinder weiter, Jonas ist das älteste – zwanghaft abgrenzen von anderen Glaubensrichtungen, Sitten und Gebräuchen wollen sie sich aber nicht.

Interkulturelles Training

„Der Islam ist Teil meiner Identität“, sagt Jasmina Heritani-Ghannam. An islamischen Feiertagen lässt sie Jonas vom Schulunterricht befreien. Die Familie bricht dann fürs Gebet zur Moschee auf. „Mein Mann geht jedes Mal auch zum Freitagsgebet hin.“ Er ist Zahnarzt in Gröpelingen.

Seine Frau unterrichtet. Sie gibt Seminare für Mitarbeiter von Behörden, die viel mit Ausländern zu tun haben. Der Titel: Interkulturelles Training. „Keine Schubladen!“, betont sie, „es gibt ja nicht d e n Araber oder d i e Araberin.“ Nicht das Volk, sondern seine unterschiedlichen Identitäten – darum geht’s.

In der Grundschule hat sie eine Klasse mit neun Kindern übernommen, acht davon kommen als Flüchtlinge aus Syrien. „Das macht unwahrscheinlich viel Spaß. Sie glauben gar nicht, wie schnell die Kinder lernen.“ So schnell, wie sie es damals selber geschafft hat. „Meine Mutter ist mit mir und meiner Schwester für ein Jahr nach Syrien gegangen.“ Einschulung in die erste Klasse, sie konnte kein Wort arabisch, doch schon nach wenigen Monaten war das kein Thema mehr, da sprach sie es fließend. „So habe ich es jetzt als Lehrerin auch mit den Flüchtlingskindern erlebt.“

Die Verbindung nach Syrien entstand durch ihren Vater. Er stammt von dort, kam vor 40 Jahren zum Studieren nach Deutschland und lernte an der Hochschule seine spätere Frau kennen, eine Deutsche. Die Mutter Protestantin, der Vater Muslim. „Ihm war wichtig, dass wir Kinder seine Religion annehmen, ich wurde da quasi hinein erzogen.“

"Religion ist Privatsache"

Jetzt spricht sie mal drüber, aber eigentlich, findet die 32-Jährige, ist Religion Privatsache. „Der Islam gehört zu unserem Alltag, ganz einfach.“ Dass er nun in aller Munde ist, weil in seinem Namen Terror ausgeübt wird, macht ihr Sorgen. „Wohin führt das? Wie wird es irgendwann meinen Kindern gehen?“ Auch deshalb, sagt sie, war sie bereit, mit der Zeitung zu reden. „In der Diskussion über den Islam kommen immer dieselben zu Wort, die Masse der Gläubigen ist gar nicht beteiligt.“

In ihrem Wohnzimmer hängt ein großer Druck von der Ar-Rahman-Moschee im syrischen Aleppo. Seit Jahren herrscht dort Krieg, in der Stadt, in der sie mal zur Schule gegangen ist, wo sie viele Menschen kennengelernt hat und Verwandte von ihr leben. Jetzt ist bekannt geworden dass die Einheiten des Assad-Regimes mehr als 1000 der besonders zerstörerischen Fassbomben über Aleppo abgeworfen haben.

„Es ist unfassbar, dass die Welt einfach nur zuschaut“, sagt Jasmina Heritani-Ghannam. Was insgesamt in Syrien passiere, mit Hunderttausenden von Toten und Verletzten und Millionen von Flüchtlingen sei eine der größten humanitären Katastrophen der vergangenen Jahrzehnte. Auch unter ihren Verwandten habe es Opfer gegeben. Wie sie das aushält? „Ich habe mir einen Panzer umgelegt.“

Außerdem engagiert sie sich, unter anderem im Deutsch-Syrischen Forum, einem Verein in Osterholz-Scharmbeck, der Hilfslieferungen nach Syrien organisiert. Das Geld dafür kommt aus Spenden. „Liebe Geschwister“, schreibt der Verein an seine Mitglieder, die offenbar mehrheitlich Muslime sind, „wir liefern gerne Ihre Fastenbrechen-Abgabe und auch die allgemeine jährliche Almosensteuer an Hilfsbedürftige in Syrien.“

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