Podiumsdiskussion im Lagerhaus

Ist Bremen eine Hochburg des Antisemitismus?

Am Dienstagabend hat die Tageszeitung (taz) vier Diskutanten ins Bremer Lagerhaus geladen, um Antworten darauf zu finden, wie stark Antisemitsmus in Bremen ausgeprägt ist.
14.09.2016, 22:00
Lesedauer: 4 Min
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Ist Bremen eine Hochburg des Antisemitismus?
Von Carolin Henkenberens
Ist Bremen eine Hochburg des Antisemitismus?

Demonstration auf dem Bremer Marktplatz „Gegen Antisemitismus“ .

Christoph Kellner

Am Dienstagabend hat die Tageszeitung (taz) vier Diskutanten ins Bremer Lagerhaus geladen, um Antworten darauf zu finden, wie stark Antisemitsmus in Bremen ausgeprägt ist.

Der Meinungskampf beginnt, bevor das erste Wort gesprochen ist. Flugzettel machen die Runde. Darauf stehen drei große, rote Buchstaben: BDS. Die Kampagne aus der pro-palästinensischen Bewegung will unter anderem den Verkauf israelischer Waren boykottieren, um damit das israelische Verhalten gegenüber den Palästinensern zu kritisieren.

Auch wegen der BDS-Kampagne, die in Bremen einige Unterstützer hat, schwelt seit Langem ein Streit in der Stadt. Darüber, was Antisemitismus ist und wie stark er hier ausgeprägt ist. Die Tageszeitung (taz) hat am Dienstagabend vier Diskutanten ins Bremer Lagerhaus geladen, um Antworten zu finden auf die Frage: Wie antisemitisch sind wir?

Bremen wird zu mehr Wachsamkeit ermahnt

Zuletzt hatte der stellvertretende Leiter des Simon Wiesenthal Centers aus Los Angeles sich im WESER-KURIER zu Wort gemeldet, um die Stadt zu mehr Wachsamkeit zu ermahnen. Der Vorwurf: In Bremen fänden Aktivisten und Autoren Raum für antiisraelische und antisemitische Positionen.

Und weil Diskussionen zu diesem Thema meistens emotional, oft sogar heikel sind, stellt Moderator Benno Schirrmeister zu Beginn klare Regeln auf: Nach eineinhalb Stunden soll die Redezeit vorbei sein, für Wortbeiträge aus dem Publikum wird das Mikrofon nicht aus der Hand gegeben. Er habe lange überlegt, sagt Schirrmeister, ob eine solche Diskussion nicht nur noch mehr Schaden anrichte.

Ihm sei es nicht gelungen, die Jüdische Gemeinde Bremen von dem Podium zu überzeugen. Er verliest ein Grußwort des Vorstandes mit der Begründung für die Absage: „Im Laufe der Zeit haben sich die Teilnehmerliste und dadurch das Thema selbst geändert.“ Falls man es schaffe, über den Umgang mit Juden in Bremen mehr zu diskutieren als über Israel, dann werde man gern teilnehmen. Anlass dazu gebe es genug, schreibt Gregori Pantijelew: „Wir sehen einige Ereignisse in unserer Stadt, in unserem Umfeld, durchaus als beunruhigend, auch wenn nicht jeder das nachvollziehen kann.“

Die Grünen-Bürgerschaftsabgeordnete Kirsten Kappert-Gonther, die auch Vorstandsmitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) Bremen ist, zeigte sich berührt von dem Brief Pantijelews. Sie sagt: „Wenn ein Vertreter der Jüdischen Gemeinde sagt, er lehnt es ab, hier zu diskutieren, weil er Sorge hat vor etwas Hasserfülltem, was hier passiert, dann ist das etwas Beunruhigendes.“

Senat nimmt die Ängste ernst

SPD und Grüne hätten eine Anfrage an den Senat gestellt, wie der mit Antisemitismus umgehe. Kappert-Gonther: „Der Senat nimmt die Ängste ausgesprochen ernst.“ Helmut Hafner, der in der Senatskanzlei für kirchliche Angelegenheiten zuständig ist, sagt: „Ich glaube, dass wir die Ängste mehr wahrnehmen müssen.“

Ist Bremen schlimmer als andere Städte? Gar eine Hochburg, wie einige Medien berichtet hatten? „Diesen Vorwurf finde ich unfair und schäbig“, findet Hafner. Der Wissenschaftler Peter Ullrich vom Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin sagt: „Langfristig gesehen geht der Antisemitismus seit 1945 in der Bundesrepublik zurück.“ Er kenne zwar die Situation in Bremen nicht besonders gut, doch er glaube nicht, dass Bremen aus dem Raster der bundesdeutschen Städte falle.

Die allgemeine Entwicklung werde jedoch immer wieder unterbrochen von Phasen verstärkten Antisemitismus' – zum Beispiel, wenn der Nahostkonflikt militärisch eskaliert. Im Sommer 2014 etwa skandierten Demonstranten judenfeindliche Parolen bei Protesten gegen den Einsatz im Gaza-Streifen.

Bevor Rolf Verleger auf die Frage des Moderators antwortet, greift er die Absage der Jüdischen Gemeinde auf. „Ist er nur nicht gekommen, weil ich hier bin? Boykottieren die mich?“, fragt Verleger, der auf dem Podium das Lager der Israelkritiker repräsentiert. „Ist Boykott legitim? Ich meine: Boykott ist legitim.“ Der 64-Jährige gehört dem Bündnis zur Beendigung der israelischen Besatzung an.

Öffentliches Klima in Deutschland ist nicht antisemitisch

Der Sohn eines Auschwitz-Überlebenden und einer nach Estland deportierten Jüdin sagt, der Einsatz für die Palästinenser geschehe oft aus menschenrechtlichen, nicht aber antisemitischen Gründen. Daher läge es nahe, dass in Bremen als Ort mit einer linken Uni viele Israelkritiker zu finden seien. Generell findet er jedoch: „Das öffentliche Klima in Deutschland ist nicht antisemitisch. Ich lebe gerne hier.“

Und dann sagt Verleger etwas, das das Klima auf dem Podium verändert: Er spricht vom „Besatzer und Apartheidstaat Israel“. Kappert-Gonther will das nicht so stehen lassen: „Ich stimme Ihnen da nicht zu, Israel ist kein Apartheidstaat.“ Und schon beginnt die Diskussion darüber, ob Israel nun eine Demokratie ist und darüber, ob Israel die Rechte der arabischen Bevölkerung ignoriert.

Kappert-Gonther: „In Haifa studieren mehr arabische Frauen als anderswo im Nahen Osten.“ Verleger kontert: „In den besetzten Gebieten gibt es Straßen für Juden und Straßen für Palästinenser.“ Bevor die Situation eskaliert – erste Personen rufen aus dem Publikum herein, der Moderator solle neutraler auftreten – bringt der Antisemitismus-Forscher Ullrich Ruhe in den Streit.

„Die Struktur der Diskussion ist ganz typisch“, sagt er. Oft sei Streit über den Nahostkonflikt ein Ringen darum, welche Seite sich letztlich durchsetzt. Die Gegenseite werde delegitimiert, man erkenne oft nicht einmal die Position des anderen an. Es gebe viele 150 Prozent-Israelis und 150 Prozent-Palästinenser in Deutschland, die sich verhielten, als seien sie selber vom Konflikt betroffen. „Das verrückte ist, dass beide Seiten zum Teil recht haben.“

Nach hitzigen Wortmeldungen aus dem Publikum soll der Philosoph Hafner schlichten. Er sagt: „Das Thema Antisemitismus finde ich genauso aktuell und brisant wie vor 30 oder 40 Jahren.“ Es gelte, diese Menschenfeindlichkeit zu bekämpfen.

Die Gastkommentare zur Antisemitismus-Diskussion in Bremen können Sie hier nachlesen:

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