BDA-Preise für Bremer Bauten verliehen Ist das Kunst oder kann das weg?

Der Bund Deutscher Architekten (BDA) im Land Bremen hat seine Preise 2014 verliehen. Doch die Auszeichnung für architektonische Qualität ist keineswegs Garant dafür, dass mit den Gebäuden pfleglich umgegangen wird.
26.02.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Ist das Kunst oder kann das weg?
Von Jörn Seidel

Der Bund Deutscher Architekten (BDA) im Land Bremen hat seine Preise 2014 verliehen. Doch die Auszeichnung für architektonische Qualität ist keineswegs Garant dafür, dass mit den Gebäuden pfleglich umgegangen wird.

Schon wieder so eine Kiste! Das mag sich mancher Bremer denken beim Anblick des Bürogebäudes an der Bahnhofstraße 1. In der Fachwelt der Architektur indes gilt es als herausragendes Bauwerk – auch wegen seiner „skulpturalen Eckausbildung“ und seines „lebhaften Spiels der Formen und des Lichts“. So jedenfalls formuliert es die Jury des BDA-Preises, den der Bund Deutscher Architekten im Land Bremen alle vier Jahre vergibt. Ausgezeichnet wurde in diesen Tagen nicht nur das umstrittene Gebäude des Berliners Max Dudler und des Bremer Büros Dietrich Architekten, sondern auch der Schuppen 1 in der Überseestadt, der Erweiterungsbau der Kunsthalle und die Mensa des Bremerhavener Schulzentrums Carl von Ossietzky. Seit September stehen die Preisträger fest (wir berichteten).

Doch wozu solche Preise, wenn eine breite Öffentlichkeit architektonische Qualität nicht selten verschmäht? Beim Haus der Bürgerschaft war es zum Beispiel so. Das 1966 fertiggestellte Gebäude am historischen Markt galt seinerzeit vielen Bremern als viel zu modern. Später wurde es mit dem BDA-Preis ausgezeichnet und 1992 unter Denkmalschutz gestellt.

Anders ist es der Stadthalle ergangen. Das 1964 eingeweihte Gebäude galt als architektonischer Höhepunkt und Wahrzeichen der Stadt, dessen Silhouette sogar auf Straßenschildern zu sehen war. Doch hierbei waren die Denkmalschützer nicht schnell genug. Vor rund zehn Jahren wurde die Stadthalle aus funktionalen Gründen stark umgebaut. Seitdem ist die seltene Hängeseilkonstruktion bloß noch Attrappe und die architektonische Besonderheit für Kritiker verblasst.

Auch Eberhard Syring, Architekturhistoriker an der Hochschule Bremen, bedauert das. „Die ursprüngliche Stadthalle und das Aalto-Hochhaus sind die einzigen Gebäude der Nachkriegszeit in Bremen mit hohem Signalwert“, sagt er. Sein Fazit: Die Architektur der Hansestadt sei konservativ. Hannover hingegen sei viel aufgeschlossener. Dort gönne man sich sogar einen Bau des Stararchitekten Frank Gehry. In Bremen kaum vorstellbar, sagt der Professor. Umso wichtiger seien Auszeichnungen wie der BDA-Preis. Dieser prämiere Gebäude, die nicht nur als schön gälten und das bloß für ein paar Jahre, sondern deren Architektur dauerhaft Bestand habe.

„Man sollte Momentan-Urteile nicht überbewerten“, sagt Eberhard Syring und nennt als Beispiel Johann Wolfgang von Goethe, der den berühmten Straßburger Münster zunächst als Ungeheuer verachtet habe. Ähnlich sei es der Architektur der 50er-Jahre ergangen, die in den 60er- und 70er-Jahren niemand mehr habe sehen wollen, aus heutiger Sicht jedoch viele Perlen hervorgebracht habe.

Wie also lässt sich schon heute architektonische Qualität bestimmen? Woher weiß man, was vor Abriss und unbedachtem Umbau geschützt werden muss? Nach welchen Kriterien sollten Gebäude heute bestmöglich gebaut werden? Bei einer Podiumsdiskussion des BDA anlässlich der Preisverleihung gab es hierauf keine klaren Antworten. Die Meinungen seien so vielfältig wie die Betrachter, sagten die einen. Zumindest um vage Kriterien bemühte sich der Bremer BDA-Vorsitzende Martin Pampus: Gute Architektur sei unter anderem solide, selbstverständlich und robust, und sie habe die Fähigkeit zu altern. Senatsbaudirektorin Iris Reuther hingegen bezeichnete die Entscheidungsfindung als Prozess. Um zu bestimmen, was gute Architektur sei, brauche es eine Diskussion – so wie auch die dreiköpfige Jury des BDA-Preises miteinander diskutiere. Das wiederum bedürfe bei jedem, der sich beteilige, eine charakterstarke Haltung, einer Meinung darüber, welche Stadtarchitektur man wolle, von welchen Gebäuden man sich angezogen fühle und von welchen nicht.

Architektur präge die Identität einer Stadt, sagt Martin Pampus. Daher sei die Frage entscheidend, „welche Identität wir wollen“. Doch dieser Frage stelle sich zurzeit fast nur die Fachwelt, bemängelt Eberhard Syring. Und selbst dort herrsche seit einigen Jahren eine Diskussionsarmut. Daher müsse man wieder mehr darüber streiten, was architektonische Qualität ausmache. Architekten sollten ihre Entwürfe der Öffentlichkeit besser erklären. Und auch in Schulen sollte mehr über Architektur gesprochen werden. Versuche, das Thema auf die Lehrpläne zu bringen, habe es bereits gegeben, so Syring, jedoch vergeblich.

Solange es kein breites Bewusstsein für gute Architektur gebe, würden auch künftig qualitativ hochwertige Gebäude abgerissen, verschandelt oder verkommen, sagt Eberhard Syring und nennt zwei aktuelle Beispiele: das ehemalige Klöckner-Verwaltungsgebäude und den Sportbereich der Universität. Beide Gebäude wurden mit BDA-Preisen prämiert, aber sind heute an vielen Ecken verfallen. Das Unibad soll demnächst sogar abgerissen werden.

Alle Einreichungen für den BDA-Preis 2014 werden noch bis Mittwoch, 4. März, auf Schautafeln in einer Ausstellung in der Unteren Rathaushalle gezeigt. Sie ist täglich geöffnet von 11 bis 18 Uhr.

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