Sozialausschuss debattiert über Helenenstraße

Selbstbestimmte Sexarbeit als Idealfall

Zwangsprostitution oder nicht? An dieser Frage scheiden sich die Geister, wenn es um die Helenenstraße geht. Im Sozialausschuss des Beirates Östliche Vorstadt erläuterten Expertinnen ihre Sicht der Dinge.
14.09.2020, 05:00
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Selbstbestimmte Sexarbeit als Idealfall
Von Sigrid Schuer
Selbstbestimmte Sexarbeit als Idealfall

Unter welchen Bedingungen müssen die Prostituierten in der Helenenstraße arbeiten? Gibt es dort Zwangsprostitution? Diese Fragen waren Thema im Sozialausschuss des Beirates Östliche Vorstadt.

Roland Scheitz

„In den Bordellen wird ein Riesenumsatz gemacht. Und die, die die meiste Arbeit leisten, die Frauen, müssen vernünftig bezahlt werden.“ Es war Susanne Coors, die ganz am Ende der sehr gut besuchten Präsenz-Sitzung des Fachausschusses für Soziales, Kultur und Wirtschaft des Beirates Östliche Vorstadt wohl den Satz des Abends sagte. Seit vielen Jahren arbeitet Coors am Gesundheitsamt als Beraterin für Prostituierte und ist in der Helenenstraße in ständigem Kontakt mit ihnen. Die Sitzung fand coronabedingt ein halbes Jahr später als geplant statt. Just an dem Tag, an dem Prostituierte wieder ihre körpernahen Dienstleistungen anbieten durften.

Ein profunder Kenner der Szene, Kriminalhauptkommissar a. D. Manfred Paulus, sprach in einer Informationsveranstaltung zum Thema Loverboys, zu der die Menschenrechtsorganisation Terre de Femmes im November ins Bürgerhaus Weserterrassen eingeladen hatte, von dem Milliardengeschäft mit der Prostitution. Wie viel davon bei den Prostituierten, die die Hauptarbeit leisten, tatsächlich ankommt und unter welchen Bedingungen sie arbeiten müssen, diese Frage treibt nicht wenige Bewohner des Viertels um. So handele es sich nach Auffassung der Anwohnerinitiativen Bürger im Viertel und Bremer Initiative Stopp Sexkauf oft um Armutsprostitution junger Rumäninnen und Bulgarinnen.

Warnung vor einem Verbot

Marlen Schubert-Stadler, seit drei Jahren im Vorstand der Fachberatungsstelle Nitribitt tätig, betonte, wie schrecklich Armutsprostitution sei und dass Zwangsprostitution genauso wie Drogenhandel sanktioniert werden müssten. Die Gynäkologin warnte allerdings auch vor einem Prostitutionsverbot: „Dann tauchen die Frauen ab und wir kommen nicht mehr an sie heran.“ Susanne Coors verurteilte das schwedische Modell, das die Prostituierten in die Illegalität triebe und, wie sie sagt, Zwangsprostitution begünstige. Thea Kleinert von der Bremer Initiative Stopp Sexkauf betonte jedoch, dass bei einem Sexkaufverbot, wie es in Schweden und vielen anderen Staaten praktiziert werde, ausdrücklich nicht die Prostituierten kriminalisiert werden würden, sondern vielmehr Freier und Bordellbetreiber. Zudem gebe es eine staatliche Finanzierung von Ausstiegsprogrammen.

Kriminalkommissar Paulus hatte im November betont, dass über ein Sexkaufverbot die organisierte Clan-Kriminalität zurückgedrängt werden könnte, die an dem Milliardengeschäft am meisten verdiene. Die Bremer Streetworkerinnen legten großen Wert darauf, dass professionelle Prostitution nicht mit Zwangsprostitution gleichgesetzt wird. So betonte Marlen Schubert-Stadler, dass Ausstiegsberatung ein ganz wichtiges Feld bei Nitribitt sei. Was aber ist mit der Grauzone, wenn sich ganze junge Mädchen, die von sogenannten Loverboys emotional abhängig gemacht werden, nicht aus eigener Kraft aus der Szene lösen können? „Auch dort bieten wir Präventionsprogramme an“, unterstrich sie.

Maria Busch und Karin Steiger von Bürger im Viertel betonten, dass sich seit der EU-Osterweiterung die Helenenstraße und die dort agierende Szene rasant verändert habe. Ein Großteil der jungen Frauen, die dort arbeiteten, kämen eben aus den armen Beitrittsländern Rumänien oder Bulgarien. Die Frauen hätten begrenzte Sprachkenntnisse. Diese Beobachtung bestätigte Susanne Coors. „Wir sind immer mit Dolmetscherinnen vor Ort.“ Sie schilderte die ganzheitlichen Hilfsangebote, die sie mit ihren Kolleginnen mache, um eine größtmögliche Sicherheit für die 45 Frauen zu gewährleisten. Coors unterstrich, dass die seit 1787 bestehende Helenenstraße von den 24 Prostitutionsstätten, die sicherste sei, da die Frauen dort nicht isoliert arbeiten müssten, sondern sich gegenseitig im Blick hätten.

Zweifel an Freiwilligkeit

Schon Domenica, Deutschlands wohl bekannteste Hure und später Streetworker-Ikone, hatte stets betont, dass die Zuhälter das eigentliche Problem seien, die eine selbstbestimmte Sexarbeit verhinderten. Dass Frauen als „selbstbestimmte Unternehmerinnen“ arbeiten können, so die Definition von Coors, ist allerdings der Idealfall. „Die Anwohner beobachten immer wieder SUVs mit rumänischen und bulgarischen Kennzeichen, die junge Frauen an der Helenenstraße abholen oder absetzen“, beschreibt Peter Böhme von den Linken diesen „Verschiebebahnhof“. „Müssen wir diese Zwangsprostitution im Viertel hinnehmen?“, fragte er. Karin Steiger betonte, dass der Polizeipräsident 2017 eingeräumt habe, dass es in der Helenenstraße um Menschenhandel, Zwangsprostitution und Geldwäsche gehe. Man habe aber bis jetzt keine Handhabe gefunden. Die Vertreterin von Leben im Viertel fragte denn auch nach dem Alter der offensichtlich ganz jungen Mädchen, die in der Helenenstraße anschaffen gingen. Auch wenn viele wie 16 aussähen, seien sie doch volljährig, so die Streetworkerinnen. Ohne ein entsprechendes Beratungsgespräch und einen Ausweis, in dem das Alter vermerkt sei, dürften sie ihrem Gewerbe nicht nachgehen. Das bestätigte auch Svenja Beckendorf, Leiterin des Polizeikommissariats Mitte. Bei Kontrollen habe es hier, anders als beim Drogenhandel, keine Auffälligkeiten gegeben.

Peter Böhme fragt sich: Wie sind die Besitzverhältnisse der Häuser in der Helenenstraße? Kathrin Weippert von der zuständigen Wirtschaftsbehörde, sagte dazu lediglich einen Satz: Das falle unter Datenschutz. Böhme ließ allerdings nicht locker und fragte nach, ob diese Häuser nicht früher Eigentum der Prostituierten gewesen wären und ob das jetzt immer noch so sei. Das wurde jedoch verneint. Wie formulierte es doch gleich Steffen Eilers von den Grünen: „Es ist gut, dass sich die Helenenstraße mitten im Viertel befindet“. Denn dann können alle sehr genau hinschauen.

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