Kommentar über die Schulöffnung in Italien

Bewährungsprobe im Herbst

Italiens Regierung hat nicht alles richtig gemacht, aber doch Verdienste bei der Bewältigung der Pandemie erworben. Die wirtschaftliche Lage ist aber weiter sehr ernst, meint Julius Müller-Meiningen.
15.09.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Julius Müller-Meiningen

Nach der Sommerpause kommt Italien jedes Jahr im September erst wieder richtig in Gang. Diesmal ist angesichts der Corona-Pandemie vieles anders. Am Montag kehrte zwar erstmals ein Großteil der italienischen Schüler und Schülerinnen zurück in die Schulen. Doch normal fühlt sich der Neustart in das Leben mit Corona keineswegs an. In 13 der 20 italienischen Regionen sind die Schulen unter Corona-Auflagen wieder geöffnet, der Rest folgt in ein bis zwei Wochen.

Seit dem kompletten Lockdown im März ist für Italiens Kinder und Jugendliche inzwischen ein halbes Jahr ohne Präsenzunterricht vergangen. Die Sehnsucht nach Normalität und sozialem Kontakt ist groß. Es heißt, das Talent der Italiener sei die Improvisation. Dabei wird leicht vergessen, wie dieses Improvisieren an den eigenen Nerven der Landsleute zehrt. Beim Schulbeginn unter Pandemie-Bedingungen ist das wieder einmal zu beobachten. Manche Eltern wussten am Wochenende noch nicht, ob es am Montag tatsächlich losgehen würde.

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Es fehlen im notorisch unterbesetzten Schulbetrieb immer noch 60 000 Lehrer. Kleinere Gruppen zu bilden, in denen besser Abstand gehalten werden kann, ist deshalb besonders schwierig. Von den von der Regierung angekündigten 2,5 Millionen neuen Einzeltischen sind gerade einmal ein paar Hunderttausend rechtzeitig geliefert worden. Bildungsministerin Lucia Azzolina von der Fünf-Sterne-Bewegung versprach allen Schülerinnen und Schülern kostenfreie Gesichtsmasken. Wie die nun verteilt werden sollen, wissen die Schulleiter freilich nicht. Italien improvisiert.

Die meisten Eltern sind dennoch froh, die Kinder nach sechs Monaten wieder in Betreuung geben zu können, sie sind aber auch besorgt. Niemand kann vorhersagen, wie sich die Situation entwickelt. Was passiert etwa, wenn eine Klasse in Quarantäne muss? Zur Angst vor der Krankheit kommen Existenzängste. Der besonders harte und lange Lockdown in Italien hat nicht wenige Familien in wirtschaftliche Schwierigkeiten gebracht. Der Herbst wird darüber Aufschluss geben, ob es zu den sozialen Spannungen kommen wird, die einige Beobachter prognostizieren. Bislang bleiben die Italiener ruhig. Bei der bislang einzigen Protestkundgebung in Rom kamen nur rund 2000 Demonstranten.

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Italiens Links-Regierung hat durchaus ihre Verdienste bei der Bewältigung der Pandemie und ihrer Folgen. Sie hat gewiss nicht alles richtig gemacht, doch angesichts der dramatischen Situation im März in Norditalien wurden mit der weitgehenden Total-Schließung damals notwendige Schritte ergriffen. Angehörige von Covid-19-Opfern aus Bergamo und Umgebung behaupten, die Regierung habe zu spät gehandelt.

Nur wenige Menschen in Italien denken ernsthaft, mildere Maßnahmen hätten ausreichenden Effekt erzielt. Regierung und Ministerpräsident Giuseppe Conte, der über Monate nach Beratung mit den Seuchenexperten per Dekret entschied, haben weiterhin Rückhalt in der Bevölkerung. Die Neuansteckungen waren in Italien bis Mitte August gering und liegen mit 27 Ansteckungen pro 100 000 Einwohnern weiter unter dem EU-Durchschnitt. Seit Mitte August aber steigen die Zahlen wieder.

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Italiens Achillesferse bleibt die Wirtschaft. Die Regierung stellte Hilfsgelder in Höhe von etwa 100 Milliarden Euro bereit. Italiens bereits enormer Schuldenberg wächst damit weiter und ist nur noch dank der Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank zu stemmen. Um 13 Prozent brach die Wirtschaftsleistung im zweiten Trimester 2020 ein. Hoffnung machte Wirtschaftsminister Roberto Gualtieri mit seiner Prognose, demnächst gehe es wieder steil bergauf.

Das liege nicht nur am steigenden Konsum, sondern an den 209 Milliarden Euro aus dem EU-Fonds Next Generation und anderen Hilfen aus Brüssel. Ministerpräsident Conte bekam stehende Ovationen im Parlament, als er im Kuli mit dem unterschriebenen Pakt aus Brüssel zurückkam. Jetzt geht es darum, diesen Geldregen auch nachhaltig zu verwenden. Die verantwortungsvolle Ausgabe von EU-Geldern war bislang allerdings keine italienische Spezialität.

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