Kommentar zur Jacobs University Bremen In der Krise liegt auch eine Chance

Die Jacobs University erscheint im Bremer Kontext als ein Fremdkörper. Das muss und soll sich ändern. Dafür plädiert Antonio Loprieno, der Präsident der privaten Hochschule.
12.07.2020, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Antonio Loprieno

Der auswärtige Besucher reibt sich die Augen: Wie kann es sein, dass in einer progressiven Stadt vor allem das Cash der öffentlichen Hand zählt, wenn über die Jacobs University berichtet wird? Die meisten Neuigkeiten werden von publizistischer Negativität begleitet, obwohl die Hochschule wesentlich zur Bremer Volkswirtschaft beiträgt und Bildung nach allgemeinem Konsens ein zu schützendes öffentliches Gut darstellt. Wie kann in Bremen etwas passieren, was in Universitätsstädten weltweit für Kopfschütteln sorgte?

Bei genauerem Hinschauen braucht sich die auswärtige Besucherin nicht zu wundern. Ihre Beobachtungen lassen sich nämlich kulturwissenschaftlich gut einordnen. Denn während die meisten Universitäten im Rahmen eines gesellschaftlichen Mandats operieren, lebt die Jacobs University seit Anbeginn ohne einen gemeinschaftlichen Auftrag. Sie erscheint deshalb im Bremer Kontext als ein Fremdkörper – oder gar Eindringling. Man könnte sogar behaupten, ihre bloße Existenz setze Antikörper frei. Man schiebt das Geld vor, meint jedoch den Geist.

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In dieser Optik leidet die Jacobs University an einer latenten kulturellen Ursünde, die ihr unter dem Schein der Aufregung ob des öffentlichen Beitrags immer wieder vor Augen geführt wird. Es ist dies der Mangel an einer emotionalen Verbindung mit dieser Stadt. In ihrer kurzen Geschichte hat die Jacobs University zwar Bremer (und Zürcher) Geld bekommen, aber keine Bremer (oder Zürcher) Obhut erfahren. Dadurch ist sie mit Bremen verschwägert, aber nicht verwandt. Die Jacobs University hat bisher ein Leben als hässliches Entlein geführt, in der Hoffnung, dass man in ihr alsbald den Schwan erkennen möge.

Zum ersten Mal in ihrer Geschichte bekommt nun dieses Entlein, das gar kein Schwan, sondern eine Ente wie alle anderen ist – egal ob sie aus einem staatlichen oder privaten Ei geschlüpft sind –, die Chance, einen sozialen Vertrag mit ihrer natürlichen Trägerschaft zu entwerfen. Die Richtung ist klar: Die Universität muss sich von ihrer historisch belasteten Unabhängigkeit verabschieden und eine bessere Einbettung in Bremens Akademie, Wirtschaft und Kultur anstreben.

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Die Jacobs University kann dieser Stadt zu noch größerer Attraktivität für Bildung (mit einem global anerkannten Studienangebot), Integration (mit einem offenen Campus für Bremen-Nord) und Innovation (als Brutstätte digitaler Transformation für Wissenschaft und Wirtschaft) verhelfen. Die Kompetenz und den Willen dazu hat diese Universität allemal.

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Zur Person

Unser Gastautor ist Ägyptologe und Präsident der Jacobs University Bremen sowie des europäischen Akademieverbundes. Er lehrte an der UCLA in Los Angeles und war lange Zeit Rektor der Uni Basel.

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