Renate Meyer-Braun befasst sich mit der Bremer Politikerin Annemarie Mevissen Jahrzehntelang als einzige Frau im Senat

Altstadt. "Annemarie Mevissen war 23 Jahre lang die einzige Frau im Senat", sagt Renate Meyer-Braun. Bundesweit bekannt wurde die Bremer Spitzenpolitikerin und erste Bürgermeisterin durch ihre Auftritte während der Straßenbahnunruhen 1968. In dem Zusammenhang wurde sie häufig als der "einzige Mann im Senat" bezeichnet.
12.01.2012, 05:00
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Von Solveig Rixmann

Altstadt. "Annemarie Mevissen war 23 Jahre lang die einzige Frau im Senat", sagt Renate Meyer-Braun. Bundesweit bekannt wurde die Bremer Spitzenpolitikerin und erste Bürgermeisterin durch ihre Auftritte während der Straßenbahnunruhen 1968. In dem Zusammenhang wurde sie häufig als der "einzige Mann im Senat" bezeichnet.

In der Reihe "Wissen um elf" im Haus der Wissenschaft schilderte Renate Meyer-Braun spannende Begebenheiten aus dem Leben Annemarie Mevissens (1914-2006). Die Historikerin war bis 2003 Professorin an der Hochschule Bremen und hat vergangenes Jahr ihr die Biografie "Frau Bürgermeister Annemarie Mevissen" im Hauschild-Verlag veröffentlicht.

Die Mutter war Dienstmädchen, der Vater hatte den Bäckerberuf gelernt: Vor diesem Hintergrund war eine politische Karriere nicht gerade vorherbestimmt. "Das Interesse für Politik war ihr allerdings schon früh durch den Vater vermittelt worden", sagt Renate Meyer-Braun. Er war SPD-Mitglied und hatte sich zum Kommunalbeamten hochgearbeitet. Für die damalige Zeit unüblich, machte Annemarie Schmidt, wie sie mit Mädchennamen hieß, 1934 Abitur. Auf Lehramt durfte sie nach Einspruch der nationalsozialistisch geprägten Schulbehörde jedoch nicht studieren. Sie wurde Buchhändlerin und lernte den Verlagsbuchhändler Werner Mevissen kennen.

Nach Kriegsende trat sie in die SPD ein. Führende Vertreter der Bremer SPD wurden auf sie aufmerksam und trugen ihr eine Bürgerschaftskandidatur an. Nach reiflicher Überlegung entschied sie sich für die Politik. "Und wurde 1947, mit 33 Jahren, die jüngste Abgeordnete der Bremischen Bürgerschaft", sagt Renate Meyer-Braun. Vor der Bürgerschaftswahl 1953 fragte Senatspräsident Wilhelm Kaisen sie, ob sie das Amt des Bildungssenators übernehmen würde. Mevissen sagte zu und wurde in Abwesenheit - sie war auf Bildungsreise in den USA - zur Senatorin gewählt. Allerdings zur Jugendsenatorin. Bei ihrer Rückkehr stellte sie fest, dass kein richtiges Ressort für sie geschaffen worden war. Sie sollte die Lage der Jugend analysieren und anderen Ressorts Lösungsvorschläge unterbreiten. Annemarie Mevissen beschwerte sich schriftlich bei Kaisen. Der antwortete ihr harsch, was sie nur anspornte. Kaisen unterstützte sie bei der erneuten Senatskandidatur 1955. Sie erhielt eine eigene Jugenddeputation und

fühlte sich endlich voll anerkannt.

Im Laufe ihrer sechs Amtsperioden brachte Annemarie Mevissen es auf drei Senatsressorts: Jugend, Sport und Soziales. Sie wollte Lehrstellen und Arbeitsplätze schaffen, um Jugendlichen, besonders Mädchen, eine Perspektive zu bieten. Sie schuf Programme und Einrichtungen. Besonders wichtig war es ihr, den Jugendaustausch zu fördern. Im zerbombten Bremen fehlten Kindergärten und Spielplätze. "Als Sozialsenatorin setzte sie überregional beachtete Akzente, besonders in der Altenpolitik", sagt Renate Meyer-Braun über die Politikerin. Altenerholung und altersgerechtes Wohnen lagen Annemarie Mevissen am Herzen. Unter ihren Senatskollegen aber machte sie sich mit ihrem Engagement nicht nur Freunde.

1967 wurde sie Stellvertreterin von Senatspräsident Hans Koschnick und damit "Frau Bürgermeister" Mevissen. Während Annemarie Mevissen 15 Jahre Senatserfahrung vorzuweisen hatte, blickte der weitaus jüngere Hans Koschnick erst auf vier Jahre zurück. Aber der Senat war noch eine Männerdomäne.

Gegen Ende ihrer Amtszeit machte sie zunehmend resignative Äußerungen. Laut Renate Meyer-Braun könne dies daran gelegen haben, dass keine Nachfolgerin in Sicht war. Aber auch die Art der jungen Politiker mit ihrem neuen Stil und Forderungen trugen dazu bei, dass sich Annemarie Mevissen in ihrer Partei zunehmend unwohl fühlte. Bereits im Januar 1975 legte sie ihr Amt nieder. Fortan widmete sie sich ihrem Privatleben und engagierte sich dort, wo sie wollte. 2005 wurde sie Ehrenbürgerin der Stadt Bremen. Im darauffolgenden Jahr starb Annemarie Mevissen im Alter von 93 Jahren.

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