Spendenaktion gestartet Jakobus-Haus für Obdachlose ist überfüllt

Kalte Winternächte treffen sie besonders hart: Menschen, die keine Wohnung haben und in Hauseingängen oder unter Brücken schlafen müssen. In Bremen gibt es offensichtlich mehr Obdachlose als Unterkünfte.
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Melanie Öhlenbach

Die kalten Winternächte treffen sie besonders hart: Menschen, die keine Wohnung mehr haben und in Hauseingängen, unter Brücken oder in Autos schlafen müssen. In Bremen gibt es offensichtlich mehr Obdachlose als Unterkünfte.

In manchen Nächten hilft nicht einmal mehr ein dick gepolsterter Schlafsack. Wenn das Thermometer weit unter null Grad anzeigt, friert nicht nur die Nasenspitze, sondern einfach alles. Kopf, Arme, Beine – egal, wie viele Schichten Kleidung man angezogen hat. Diese Erfahrung hat auch der Bremer Sven Anbergen gemacht. Der 46-Jährige verbrachte viele Nächte unter freiem Himmel. Nicht weil er es wollte, sondern weil er musste.

Für Menschen wie ihn will die Bremer Straßenbahn AG „in den nächsten Tagen“ wieder ihre Busse und Bahnen öffnen: Obdachlose dürfen sich dort dann kostenlos während der Fahrt aufwärmen.

In den vergangenen 13 Jahren hat Anbergen mehrfach seine Wohnung verloren. „Obdachlosigkeit ist eines der schlimmsten Dinge. Gerade jetzt bei Minusgraden“, berichtet er bei einer Sitzung des Bremer Aktionsbündnisses „Menschenrecht auf Wohnen“, das sich seit rund zwei Jahren unter anderem für obdachlose Menschen in Bremen einsetzt.

Schätzungsweise 300 bis 400 Frauen und Männer leben in der Hansestadt derzeit auf der Straße. Sie schlafen unter Brücken, in Hauseingängen und Autos oder kommen bei Freunden und Bekannten unter. Darunter sind vermehrt auch Menschen aus der Europäischen Union und besonders Familien aus Osteuropa und den Balkanländern. „Die Situation spitzt sich immer weiter zu“, sagt der Leiter der Wohnungslosenhilfe der Inneren Mission, Bertold Reetz.

Armutsflüchtlinge schlafen in Autos

Das deckt sich mit der bundesweiten Situation. Nach den neuesten verfügbaren Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe gab es 2012 knapp 285 000 wohnungslose Menschen in Deutschland – Tendenz steigend. Prognosen zufolge sollen es bis 2016 bis zu 380 000 sein. Auch die Zahl derer, die ohne jede Unterkunft auf der Straße leben, stieg zwischen 2010 und 2012 um etwa zehn Prozent auf rund 24 000.

Besonders dramatisch sei die Situation der Armutsflüchtlinge etwa aus Rumänien und Bulgarien, die vielfach in alten Autos oder Gebüschen übernachteten, berichtet Reetz. „Mich ärgert die Auffassung, dass diese Menschen nur Kindergeld und Sozialhilfe abgreifen. Die Leute wollen arbeiten und Geld verdienen.“

Dass die Zahl der Wohnungslosen auch in Bremen steigt, beobachten mehrere soziale Einrichtungen, die Treffpunkte und Mahlzeiten anbieten. „Der Platz reicht nicht mehr“, sagt der Diakon und Streetworker Harald Schröder von der Bremischen Evangelischen Kirche. „Wir werden völlig überrannt.“ Die Unterbringung der Wohnungslosen sei ein Dauerthema. Rund 250 Notübernachtungsplätze stehen den Betroffenen derzeit in Bremen zur Verfügung. Etwa die Hälfte sind Zimmer in Hotels und Pensionen, dazu kommen spezielle Einrichtungen für Frauen, Männer und Drogenabhängige. Kritik gab es auf der Sitzung am baulichen Zustand der Unterkünfte und an der Unterbringung in Mehrbettzimmern.

„Menschen, die von der Straße kommen, sind am Ende“, sagt Sven Anbergen. „Sie brauchen einen Rückzugsraum.“ Doch den finden sie nicht immer. So ist das von der Inneren Mission betriebene Jakobus-Haus „pickepackevoll“, beschreibt Reetz die Lage. „Wir können nur hoffen, dass der Winter nicht so heftig wird.“ Er sagt das auch mit Blick auf diejenigen, die trotz sinkender Temperaturen weiterhin draußen schlafen wollen. „Das müssen wir akzeptieren“, meint er. Ihnen müssten ausreichend Isomatten, Schlafsäcke und Möglichkeiten zum Aufwärmen gegeben werden. Auch deshalb hat die diakonische Wohnungslosenhilfe gerade wieder ihre jährliche Hilfsaktion „Das lässt uns nicht kalt“ gestartet und bittet um Spenden.

Langfristig fehlt es in Bremen aber an bezahlbaren und fair verteilten Wohnungen. Darin sind sich die Vertreter des Bremer Aktionsbündnisses, der Inneren Mission und der Zentralen Fachstelle Wohnen im Sozialressort einig. Gerade kleine Wohnungen seien derzeit Mangelware, berichtet die kommissarische Leiterin der Zentralen Fachstelle Wohnen, Kirsten Husar.

Sven Anbergen hatte Glück. Seit Montag hat er wieder eine Wohnung. Dennoch will er weiter kämpfen, damit sich die Situation der Obdachlosen in Bremen verbessert. „Erst dann“, sagt der 46-Jährige, „bin ich wirklich zufrieden“.

Mitglieder der Initiative „Menschenrecht auf Wohnen“ treffen sich an jedem ersten Montag im Monat von 17 bis 19 Uhr beim Diakonischen Werk Bremen (Konsul-Hackfeld-Haus, Birkenstraße 34.

Menschenrecht auf Wohnen

National und international ist das Menschenrecht auf Wohnen geschützt. Im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland wird die Wohnung gleich nach der Präambel im ersten Teil unter den Grundrechten als besonders schützenswerter Raum erwähnt. In Artikel 25 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen heißt es: „Jeder hat das Recht auf einen Lebensstandard, der seine und seiner Familie Gesundheit und Wohl gewährleistet, einschließlich Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztliche Versorgung und notwendige soziale Leistungen.“ In Artikel 14 der Bremischen Landesverfassung heißt es: „Jeder Bewohner der Freien Hansestadt Bremen hat Anspruch auf eine angemessene Wohnung. Es ist Aufgabe des Staates und der Gemeinden, die Verwirklichung dieses Anspruches zu fördern.“ (epd)

Lesen Sie auch

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+