Vier Konzerte an einem Abend und an zwei Orten: Veranstalter sehen das musikalische Modell als ausbaufähig an Jazzfest ist prima gelaufen

29 Jazzfans machen sich am späten Abend kurz vor 21.30 Uhr vom Kito aus auf den Weg zum Gewölbe in der Sagerstraße 36. Damit funktioniert das neue Format mit zwei Veranstaltungsorten an einem Abend aus Sicht der Veranstalter. Um Mitternacht haben insgesamt rund 60 Menschen die Konzerte von vier Bands erlebt.
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29 Jazzfans machen sich am späten Abend kurz vor 21.30 Uhr vom Kito aus auf den Weg zum Gewölbe in der Sagerstraße 36. Damit funktioniert das neue Format mit zwei Veranstaltungsorten an einem Abend aus Sicht der Veranstalter. Um Mitternacht haben insgesamt rund 60 Menschen die Konzerte von vier Bands erlebt.

„Es war super und fast ein bisschen so etwas wie eine Reizüberflutung“, freut sich Dorle Leichsenring nach der letzten Zugabe der brasilianischen Sängerin Marcia Bittencourt. „Und die Frau hat ja so schöne Haare.“ Petra Bertram aus Löhnhorst hat das Wandern zwischen den beiden Veranstaltungsorten schon bei der Clubnacht der Messe Jazzahead zu schätzen gelernt und konnte selbst mit der Zwölf-Ton-Musik und den eingeworfenen Rezitationen des Bremer Quintetts „Dozenthology“ etwas anfangen: „Man muss sich ja auch einmal musikalisch auf etwas Neues einlassen.“

Das kann Martin Zemke auch für sich und Regina Mudrich beanspruchen, mit der er gemeinsam das Gewölbe betreibt: „Klaus Fey von der Musiker-Initiative Bremen kam zu uns mit der Idee, ein Jazzfestival im Kito und hier zu machen. Das Kito hat natürlich sein Stammpublikum und es ist für uns super, dass es gelungen ist, diesen Stamm jetzt auch einmal hierher zu lotsen.“ Wilhelm Otto Meier darf man zum Kreis der Jazzfreunde zählen, wenn der sich im Gewölbe an einen ähnlichen Spielort in der Jazzstadt Heidelberg erinnert: „Da gibt es auch keine Entlüftungsanlage und es ist klein und intim wie hier. So muss das sein beim Jazz.“

Die letzten Klappstühle

Tatsächlich gibt Martin Zemke gegen 22.30 Uhr die letzten Klappstühle heraus, als die Musiker aus dem Kito noch die Kollegen im Gewölbe besuchen. Zemke: „Bei unseren Veranstaltungen mit Buffet können wir 60 Gäste aufnehmen, zur Jazzahead waren es 90. Das ist aber die Höchstgrenze.“

Eine Alters-Höchstgrenze für Jazzmusiker hingegen gibt es beim Jazzfest nicht, und das ist gut so: Mit 70 legt Sigi Busch mit seinem Trio einen kaum noch zu toppenden Start in den Abend hin. Immer wieder hebt der Jazzprofessor anerkennend den Daumen, wenn Bernard Schüler am Flügel seine Arrangements umsetzt oder sich Christian Hiltawski am Schlagzeug variantenreich einbringt. Mit „Fahrradfahren im Havelland“ bedient Sigi Busch dann die Abteilung „lebensfroh“, um mit „Dark Dreams“ ins Gegenteil zu schwenken: „Das Stück hat fast schon therapeutische Qualität.“ Nur für die Zugabe „Sweet Potato“ braucht der Senior am Kontrabass dann drei Anläufe, bis er mit einem erfreuten „Juchhu“ noch einmal richtig durchstartet.

„Dozenthology“ ist als innovatives Projekt angekündigt, das sich einer Fusion von moderner Musik und Jazz widmet. Und weil das noch nicht experimentell genug ist, darf Schauspieler Felix Quadflieg auch noch Rezitationen hineinrufen: „Viele Verse eilen in ein Verlies.“ Die Zahl 12 wird zelebriert und für manchen Schabernack zitiert. Alle Musiker sind Könner ihres Fachs und mit fast albernem Spaß bei der Sache. Für einige Zuhörer ist das schwere Kost. „Das sind Verrückte,“ zischt es gar hinten in den Reihen zum Vortrag von Eckhard Petri und Co. Unten vor dem Kito kichern Menschen später „Hurz, das Lamm“ und erinnern sich an den legendären Auftritt von Hape Kerkeling im Stuhrer Rathaus.

Es geht noch mehr

Konservative Jazzfreunde können danach beim Jan Olaf Rodt Quartett mit Slow Jazz entspannen. Jens Heiterhagen am Bass spielt wie Frontmann Jan Olaf Rodt virtuos, ist aber zu schlecht zu hören. „Shimmering“ ist als temporeichstes Stück mit einem sehr schönen Gitarrenintro auch schon die Zugabe der Gruppe. Marcello Albrecht als Bassist von Marcia Bittencourt passt danach mit seiner Wahl des elektrisch verstärkten sechssaitigen E-Basses besser zur Akustik im Gewölbe. Die Brasilianerin verzaubert ihr Publikum vom ersten Ton an, plaudert liebenswürdig über die Unterschiede der Jahreszeiten in Südamerika und Vegesack, um dann eigenhändig mit temperamentvollem „Bossa Nova“ die Temperatur im Gewölbe zu erhöhen.

Nach dem Jazzfest ist vor dem nächsten Konzert und so droht Martin Zemke am Ende noch dem Publikum: „Ich habe mir alle ihre Gesichter gemerkt und sehe dann, wer am kommenden Wochenende nicht da ist.“ Sein Fazit: Das Jazzfest ist prima gelaufen. Die Aufteilung auf zwei Locations habe prima funktioniert. Auf die Frage, ob das Festival nicht noch viel mehr Potenzial habe, kommt kein Widerspruch: Es sei denkbar, das Festival auch noch auf mehr Orte auszudehnen und beispielsweise schon am Nachmittag zu beginnen. Martin Zemke: „Ich denke da etwa an das Wesercafé Erlesenes für eine Erweiterung am Nachmittag. Da muss man Lutz Hößelbarth dort nur anrufen. Der macht bestimmt mit.“

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