Fotoausstellung Jede Narbe erzählt eine Geschichte

Ausstellung eröffnet: Fotografin Gudrun Holtz zeigt ihre Bilder in der Galerie Zweig an der Borgfelder Landstraße
09.10.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Marie Bornickel

Borgfeld. Ein Topf mit heißem Wasser, ein unaufmerksamer Moment und schon ist es passiert – Hinterkopf, Schultern und Brust sind verbrannt, der Körper ein Leben lang von Brandnarben gezeichnet. So erging es einer heute 70-jährigen Frau in ihrer Kindheit. Die Folgen des Unfalls spürt sie seither jeden Tag. Den rechten Arm kann sie nicht mehr vollständig ausstrecken, die rechte Brust bildete sich in der Pubertät nicht aus. Ein Leben lang habe sie lernen müssen, mit den Blicken der anderen umzugehen. Heute steht sie zu den Spuren ihre Verletzungen. In der Ausstellung „Narben auf der Haut und in der Seele“ von Gudrun Holtz in der Galerie Zweig, Borgfelder Landstraße 26, sind nicht nur ihre Narben zu sehen, sondern auch rund zwanzig andere Menschen, die Spuren von Unfällen und Operationen auf ihrem Körper tragen.

Vier Jahre lang ist die Kultur-, Kunst- und Erziehungswissenschaftlerin Gudrun Holtz durch ganz Deutschland gereist, um Menschen mit Narben zu fotografieren. Ihre Bilder zeigen neben verbrannter Haut auch Operationsnarben wie von Herz-OPs und Blinddarmentnahmen. „Das Projekt soll Menschen mit und ohne Narben die Möglichkeit geben, in die Gefühlswelt der Betroffenen einzutauchen“, erklärt Holtz die Intention ihres Projektes. Bereits seit ihrer Studienzeit vor 15 Jahren bewegt sie das Thema in ihrem Kopf hin und her. „Damals war mir klar: Ich möchte zu Narben arbeiten. Aber das Format hatte ich da noch nicht ausgewählt. Dann habe ich einer Kommilitonin eine Kamera in die Hand gedrückt und sie gebeten, meine Narben zu fotografieren – ich habe nämlich auch welche – und so entstand die Idee.“

Um Fotomodelle zu finden, hat sich Holtz an verschiedene Institutionen gewandt, später kamen auch Menschen aus ihrem privaten Umfeld auf sie zu. „Ich habe mit einem plastischen Chirurgen am Klinikum Bremen Mitte zusammengearbeitet, habe bei einer Kinder-Herzsportgruppe nachgefragt und mich an den Verein Paulinchen gewandt, der sich um Kinder mit Verbrennungsnarben kümmert“, zählt die Künstlerin auf. Überrascht war sie von der großen Offenheit, mit der ihr die Menschen begegneten. „Für einige Betroffene war das Projekt wie eine Art Ventil. Für sie war es wichtig, sich zu zeigen und zu reden.“ Besonders bemerkenswert sei das auch deshalb, weil Improvisationstalent und Spontanität von den Protagonisten gefordert wurden. „Ich habe in Boutiquen, in Umkleidekabinen, im Krankenhaus und in Sporthallen fotografiert“, erinnert sich Gudrun Holtz, „da ich unterwegs war, konnte ich ja kein Studio mitnehmen.“

Narben sind heute häufig noch ein Tabuthema. „Wenn wir mal ehrlich sind: Wer guckt sich denn gerne Narben an?“, fragt Holtz die Besucher ihrer Ausstellung, „Die Frage ist doch: Können wir das sehen? Können wir das aushalten? Und wenn nicht – woran liegt das eigentlich? An der Narbe selbst oder an der Geschichte hinter der Narbe?“ Auch das ist der Grund, warum die Narben dem Besucher übergroß auf den Fotografien präsentiert werden. Ein Wegschauen ist nicht möglich. Der Betrachter muss sich mit der Wirkkraft der Narben, wie Holtz es nennt, auseinandersetzen.

Wie wirkungsvoll Narben sein können, hat Gudrun Holtz bei ihrer Arbeit selbst erfahren. „Hinter jeder Narbe verbirgt sich etwas – ausgesprochen oder nicht“, davon ist die Fotografin überzeugt. Für sie sei die Arbeit sehr, sehr intensiv gewesen, zumal sie keine psychologische Ausbildung habe. „Die Herausforderung waren nicht die Narben, sondern die Geschichten“, erinnert sie sich zurück. So berichtet sie beispielsweise von einem 30-jährigen Mann, der sich als Kind brennende Zeitungsseiten in den Ausschnitt seines Pullovers steckte. „Zehn Jahre lang hat er sich nicht im Spiegel betrachtet, weil er seinen Körper selbst als so abstoßend empfunden hat. Bis heute besucht er kein Schwimmbad, weil er die Blicke der anderen Menschen nicht aushält. Hier traut er sich das erste Mal, seinen Körper zu zeigen“ Durch das Fotografieren habe sich ihre Wahrnehmung geändert, stellt Gudrun Holtz rückblickend fest. „Heute finde ich Narben wunderschön.“ Die Menschen in ihrer schillernden Schönheit darstellen, auch das ist Ziel ihres Fotoprojektes.

„Mit elf Jahren habe ich mit Brennspiritus gezündelt und mich dabei am Körper und im Gesicht verbrannt. Für mich sind die Narben heute gar nicht mehr so sichtbar, andere Menschen nehmen sie aber schon wahr. Kinder sind noch interessiert, Erwachsene starren häufig“, berichtet Malte Buss. Er ist einer der Protagonisten in Gudrun Holtz' Foto-Ausstellung und arbeitet als Jugendbetreuer im Verein Paulinchen. Auf gleich zwei Bildern in der Galerie Zweig ist zu sehen, welche Spuren das Feuer auf seiner Haut hinterlassen hat. Der Bremer wünscht sich, dass die Menschen offener mit dem Thema umgehen würden. „In der Jugendgruppe erlebe ich, dass die Kinder sehr offen mit ihren Verletzungen umgehen. Natürlich ist da jeder ein bisschen anders. Aber ich finde es gut, wenn über das Thema gesprochen wird.“

Die Ausstellung ist am 14. und 15. Oktober sonnabends von 12 bis 16 Uhr und sonntags von 14 bis 17 Uhr zu sehen. Der Eintritt ist frei.

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