Kunstprojekt „Stolpersteine“ Jede Tafel erzählt ein Schicksal

Der Bildhauer und Aktionskünstler Gunter Demnig, der eit 1995 mit dem dezentralen Projekt „Stolpersteine“ an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert, hat in Bremen 20 neue Gedenktafeln verlegt.
29.09.2018, 07:53
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Jede Tafel erzählt ein Schicksal
Von Anne Gerling

Ohlenhof. Sein Glaube kostete Karl Friedrich Klappan aus dem Breitenbachhof vor 76 Jahren das Leben: Daran erinnert seit voriger Woche ein Stolperstein vor dem Eingang am Haus Nummer 6. Hier, in der ersten Etage rechts, wohnte Karl Klappan mit seiner Frau Frieda und den drei Töchtern Agnes, Rosemarie und Gertrud. Die kleine viereckige Messing-Gedenktafel im Boden vor den Stufen zur Haustür ist eine von weit über 60 000, die mittlerweile in ganz Europa als dezentrales Mahnmal auf die Opfer des Nationalsozialismus hinweisen. Die Idee stammt von dem Kölner Bildhauer und Aktionskünstler Gunter Demnig, der die kleinen quadratischen Platten seit 1995 verlegt. Im Jahr 2004 kam das Projekt erstmals nach Bremen, wo mittlerweile 685 Stolpersteine zu finden sind – 20 davon kamen nun neu hinzu.

In der Hoffnung auf eine bessere Welt hatte sich Karl Klappan 1922 den Ernsten Bibelforschern angeschlossen, aus denen später die Zeugen Jehovas hervorgingen. Diese „verweigerten sich dem NS-System, insbesondere dem Führerprinzip, dem Hitlergruß und dem Wehrdienst“, schildert Barbara Johr, das Bremer Stolpersteine-Projekt seit 2003 begleitet. Die Religionsgemeinschaft wurde nach der Machtübernahme 1933 verboten und das Hanseatische Sondergericht führte in den Jahren 1935, 1937 und 1938 mehrere große Prozesse gegen 19 bis 29 ihrer Mitglieder. Ihnen wurde vorgeworfen, „fortgesetzt handelnd entgegen dem Verbot der bremischen Polizeidirektion vom 28.06.1933 den Zusammenhalt unter den Mitgliedern der ‚Internationalen Bibelforscher Vereinigung“ aufrechterhalten und illegale Druckschriften der Bibelforscher gekauft beziehungsweise verbreitet zu haben.“

Karl Klappan war am 18. Juli 1888 in Bremen geboren worden, die Familie lebte in einfachen Verhältnissen. Der frühe Tod seines Vaters und von vier seiner fünf Geschwister prägte ihn; verstärkt wurde dies durch seine grausigen Erfahrungen als Sanitäter in Nordafrika während des Ersten Weltkriegs. Er wurde Kraftfahrer und arbeitete als Güterbodenarbeiter bei der Reichsbahn, die ihn später entließ, weil er den Hitlergruß verweigerte. Im September 1936 verhaftete ihn die Gestapo, da er Schriften der Ernsten Bibelforscher verteilt hatte. Der dreifache Familienvater kam in die Ostertorwache, wurde zu zehn Monaten Gefängnis verurteilt und nach Verbüßung dieser Strafe ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht. Dort starb er 1942, kurz vor seinem 54. Geburtstag, angeblich an den Folgen einer Gehirnhautentzündung.

Das Schicksal von Karl Klappan sei „typisch für die Mammutprozesse in den 1930er-Jahren. Ähnlich ist in diesen Jahren gegen Sozialdemokraten und Kommunisten vorgegangen worden“, sagt Raimund Gaebelein, Landesvorsitzender der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen (VVN-BDA) und stellvertretender Sprecher des Gröpelinger Beirats. Beide Einrichtungen unterstützen das Stolpersteine-Projekt, dessen Träger die Landeszentrale für politische Bildung Bremen, der Bremer Verein „Erinnern für die Zukunft“ und der Initiativkreis Stolpersteine Bremen sind.

„Für meine Oma, meine Mutter und meine beiden Tanten war es damals nicht einfach. Die Mädchen sind in ihrer Schulzeit ganz schön getriezt worden“, schilderte Karl Klappans Enkel Wilfried Buerfeind bei der Stolperstein-Verlegung: „Meine Oma hat aber gut für ihre Kinder gesorgt.“ Wilfried Buerfeind, Jahrgang 1957, kennt seinen Großvater nur vom Hörensagen und von Bildern. Aus Erzählungen weiß er, welchen Anfeindungen die gesamte Familie wegen ihres Glaubens ausgesetzt war. So habe einmal eine Klassenkameradin auf Geheiß einer Lehrerin seine Mutter geschlagen.

Jeder der 20 neuen Steinen in der Altstadt, in Walle, Gröpelingen und Oslebshausen steht für eine Geschichte. An der Gröpelinger Heerstraße 76 etwa liegt jetzt ein Stein für Johann Lücke, das erste Opfer des NS-Terrors in Bremen. Er gehörte am 1. März 1933, fünf Tage vor der Reichstagswahl, bei einer Veranstaltung mit dem SPD-Spitzenkandidaten in den Centralhallen am Breitenweg zum Sicherheitsdienst. Als später an der Ecke Gerdstraße/Waller Heerstraße SS-Männer auf einige der rund 4000 Kundgebungsteilnehmer schossen, die gerade nach Hause gingen, wurde er in den Bauch getroffen und starb kurz darauf. 30 000 Menschen erwiesen seinem Sarg im Volkshaus die letzte Ehre. Dem Trauerzug zum Waller Friedhof folgten mehr als 5000 Bremer zur letzten großen Kundgebung der Arbeiterbewegung in Bremen. Der SS-Sturmführer, aus dessen Haus die Mörder gekommen waren, wurde erst 15 Jahre später verurteilt und bereits 1952 wieder entlassen.

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